Kriminalromane

Hoch im Morden - ganz ohne Wallander

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Der Norden Deutschlands als Tatort in Regionalkrimis wird immer beliebter. Schwedens düstere Wälder oder Miamis Straßen? Nicht mehr nötig.

Es muss ja nicht immer Los Angeles sein oder Miami. Gute Tatorte gibt es auch hinter den Deichen von Dithmarschen oder im Lauenburgischen. In Sabine Vespers Krimi "Endstation Ochsenzoll" ist es lebensgefährlich, spätabends durch Langenhorn zu schlendern. Die Hamburger Staatsanwältin Sandra Gladow hat sich für ihren Krimi "Eiswind" das Lauerholz bei Lübeck ausgeguckt, wo sie drei Joggerinnen ermorden lässt.

Es muss auch nicht immer um verblendete Schweden oder New Yorker Psychopathen gehen. Wimmer Wilkenlohs Mörder sucht sich seine Opfer unter den Mitarbeiterinnen eines Supermarktbetreibers, der die Bildung von Betriebsräten verhindern will. Und in gleich zwei Krimis - von Hannes Nygaard und Boris Meyn - kreisen die Taten um den Atomstandort Krümmel und die Leukämiefälle bei Kindern, die dort seit 1990 gehäuft auftreten.

Lange war der Regionalkrimi nur ein Rinnsal neben dem großen Mainstream mit Krimi-Weltstars wie Mankell, Larsson, Rankin oder Patricia Cornwell. Jetzt mausert er sich zum eigenständigen Fluss mit besonderen Strömungen. Die Leser finden sich in den Lokalitäten und regionalen Aufregethemen wieder, anstatt sich in schottische Drogenbosse hineindenken zu müssen. Dass man der Handlung interessierter folgt, wenn man die Straßennamen kennt, wussten schon die Leser der "Buddenbrooks". Heute verbindet es, wenn der Krimikommissar auf der B 201 im Stau steht oder in der Kieler Innenstadt keinen Parkplatz findet - wie die Leser auch.

Auf der Homepage von krimicouch, dem wichtigsten Internetportal für deutschsprachige Krimis, kann man in einer interaktiven Deutschlandkarte die gewünschte Region anklicken - fast jede Ecke der Republik ist mittlerweile kriminalliterarisch erschlossen. Sogar MeckPomm: Sandra Lüpkes schickt ihre ostfriesische Krimikommissarin Wencke Tydmers in "Taubenkrieg" mal nicht nach Juist oder Borkum, sondern zum Pinnower See bei Schwerin.

Gerade der Norden bietet ein besonderes Spannungsfeld. "Schleswig-Holsteins reizvolle Landschaften gelten als ein bisschen betulich", sagt der Autor Hannes Nygaard. "Aber ich halte dagegen, dass sich hier schon so manches Politikum entwickelt hat: die Brände in Mölln, der Fall Barschel, die Verhaftung der Kofferbomber in Kiel." Krimileser wollen sich nicht einfach gruseln, sie wollen vor allem mitdenken. Wenn das Böse in die Idylle des Sachsenwalds oder in die bukolischen Kooge von Dithmarschen einfällt, ist die Aufklärung - des Motivs, der Umstände, der Hilfsmittel der Täter - viel eher nachzuvollziehen als verwickelte Tatanalysen in der berühmten FBI-Akademie. Was ist schon Quantico gegen Husum?

Angefangen hat alles 1984 mit "Tödlicher Klüngel", einem Köln-Krimi von Christoph Gottwald. Fünf Jahre später ließ Jacques Berndorf seinen Ermittler Siggi Süssmayer auf die Eifel los - da hätte man kriminelle Energien höchstens bei gierigen Ferienwohnungsvermietern oder eifersüchtigen Töpferinnen vermutet. Kaum waren Berndorfs Eifel-Krimis ein Erfolg, da kamen auch die Bayern und die Norddeutschen auf den Geschmack.

Das verstärkte Leserinteresse registrieren alle Verlage. Als Marktführer gilt Emons in Köln, der Gottwalds Kölner Klüngelroman veröffentlichte. Auch Frank Schätzing mit dem historischen Köln-Krimi "Tod und Teufel" (1995) und Krimipreisträger Friedrich Ani mit der Münchner Mordstory "Killing Giesing" (1996) haben bei Emons angefangen. 120 neue Titel hat der Verlag 2011 im Programm, im Wesentlichen Regionalkrimis - vor fünf Jahren waren es nur halb so viele. "Ein Problem war, dass es in den Feuilletons lange Zeit starken Widerstand gegen den Regionalkrimi gab. Von vornherein galt der als schlechte Kategorie", sagt Verleger Hermann Josef Emons.

Das hat sich geändert, registrieren auch Piper, Rowohlt oder Blanvalet. "Ich sehe in guten Regionalkrimis eine Art neue deutsche Heimatliteratur", sagt Dr. Marcus Gärtner, Programmleiter Taschenbuch Belletristik bei Rowohlt. "Leser, die sich nicht an den Feuilletons orientieren, greifen angesichts der Masse der Kriminalliteratur lieber nach etwas Bekanntem aus ihrer Region." Zielgruppe sind zunächst Einheimische, dann aber auch Touristen und Zugezogene. Die Verlage nehmen in Kauf, dass sich Leser in anderen Regionen erst mal weniger angesprochen fühlen. Aber inzwischen gibt es immer wieder Regionalkrimireihen, die bundesweit Erfolg erlangen.

Etwa die ländlichen Krimis von Elke Löwe ("Rosenbowle", "Engelstrompete"), die an der Unterelbe im Kehdinger Land spielen und sich in der Region schon besser verkauften als der gerade aktuelle "Harry Potter". Die Löwe-Verkaufszahlen gehen laut Marcus Gärtner "in den sechsstelligen Bereich".

An solche Zahlen reicht bei Rowohlt auch Boris Meyn heran, nicht nur im Norden bekannt mit seinen historischen Hamburg-Krimis und seiner zeitgenössischen Krimireihe um ein lauenburgisches Ermittlerteam. Im Süden startete das Autorenduo Volker Klüpfel/Michael Kobr mit seinen Allgäu-Krimis einen Siegeszug erst in Bayern und dann im gesamten Bundesgebiet. Der jüngste, "Rauhnacht" (2009), verdrängte in süddeutschen Buchhandlungen sogar Donna Leon vom Spitzenplatz.

Solche Erfolge zeigen Wirkung. Der Gmeiner Verlag wirbt mit Aufklebern wie "Nordfriesland-Krimi". Auch der Titel "Sylt-Krimi" ist schon vergeben: Piper-Autorin Gisa Pauly stattet ihren eher bräsigen Kommissar Erik Wolf in Wenningstedt mit einer putzmunteren italienischen Schwiegermutter aus. Ihre Mamma-Carlotta-Krimis "Tod im Dünengras" oder "Gestrandet" kann man auch mit Sonnenstich im Strandkorb lesen, intellektuelle Überforderung droht hier nicht.

Die Bandbreite der Regionalkrimis reicht von eher simplen Plots - "Tote Tante im Pfarrgarten" - über den Psycho- bis zum Soziokrimi, der aktuelle Brennpunkte verarbeitet. Der jüngste des Krimipreisträgers Heinrich Steinfest etwa, "Wo die Löwen weinen" (Theiss Verlag), wird als Roman zu Stuttgart 21 gehandelt. Für Hannes Nygaard war es das immer noch ungeklärte Leukämie-Cluster in der Elbmarsch bei Geesthacht, das er in seiner fiktiven Krimihandlung in "Sturmtief" verarbeitete. Hintergrund: 1986 hatte es auf dem Gelände des früheren GKSS-Forschungszentrums Geesthacht, das einen Forschungsreaktor betrieb, einen Brand gegeben. Vier Jahre später häuften sich die Leukämie-Diagnosen bei Kindern aus der näheren Umgebung.

Boris Meyn verknüpft die Vorgänge am Atomstandort Krümmel/Geesthacht mit früheren Zeitebenen: In Geesthacht befand sich im Zweiten Weltkrieg die weltgrößte Munitionsfabrik - die Alfred Nobel AG - mit 25 000 Beschäftigten. "Es gab einen US-Bomber, der am 7. April 1945 von der Abwehr angegriffen wurde und in der Nähe abgestürzt ist", sagt Meyn. "Hätte er damals die Dynamitfabrik getroffen, hätte die Elbe wohl einen anderen Verlauf genommen. Von den zehn Mann Besatzung, die ein Bomber normalerweise hatte, wurden nur neun gefunden. Da fragt der Krimiautor sofort: Wo ist der zehnte Mann? Ich habe ihm eine Mission angedichtet."

Reale und historische Ereignisse und die Verquickung von Politik- und Wirtschaftsinteressen vor Ort: Das ist der Stoff, aus dem sich gute Krimis entwickeln lassen. "Diese Verquickung gibt es und hat es immer gegeben, schon zu Zeiten der Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg", sagt Boris Meyn, dessen Krimi "Der blaue Tod" davon handelt: "Um den Handel nicht zu gefährden, hat die Stadt damals lange verschwiegen, dass eine Epidemie ausgebrochen war. Da musste ich als Krimiautor gar nicht viel erfinden."

Aus Sicht der Verlage sind Großstädte und Ballungsgebiete regionalkriminologisch schwerer zu erobern als das platte Land, einfach weil das kulturelle Angebot größer ist. Die Hamburgerin Simone Buchholz hat sich allerdings mit ihren St.-Pauli-Krimis ("Revolverherz", "Knastpralinen") schon eine beachtliche Fangemeinde erschrieben. Ihre unorthodoxe Staatsanwältin Chas Riley passt in das Milieu wie die Esso-Tanke am Spielbudenplatz oder der "Silbersack". "All die CSI- und Gerichtsmedizinserien - ich kann das nicht mehr sehen. Die führen weit weg von den Menschen, von glaubwürdigen Figuren", sagt Buchholz. "Das Wichtigste sind aber die Figuren." Vorbilder und Ideengeber für ihr Krimipersonal sind Freunde auf St. Pauli, unter anderem FC-St.-Pauli-Spieler Marcel Eger.

Wimmer Wilkenlohs Krimikommissar Jan Swensen ("Eidernebel") ist Buddhist. "Die Ermittler sind in Kriminalromanen oft kaputte Menschen", sagt Wilkenloh. "Ich selber habe einen buddhistischen Hintergrund und wollte eine Figur schaffen, die dem extrem belastenden Alltag der Polizeiarbeit mental etwas entgegensetzen kann. Ein buddhistischer Ermittler in Husum ist gewagt, aber so eine Figur existierte bisher noch nicht." Sabine Vespers Hauptkommissar Josef Lenz in "Endstation Ochsenzoll" ist todkrank. Trotzdem - oder gerade deshalb - intensiviert sich sein Leben. Reinhard Peltes Kommissar forscht in "Inselbeichte" einem "Cold Case" nach. Eine Figur wie in Zeitlupe, aber mit geschärftem Blick: In der Ruhe liegt die Kraft.

Die Hoffnung vieler Menschen, auf dem Land mehr Frieden, Beschaulichkeit und Übersichtlichkeit zu finden als in der Großstadt, mehr Verlässliches und weniger Gewalt, ist eine Grundströmung der Moderne. Aber natürlich wissen Krimileser, dass es keine wirklich geschützten Räume mehr gibt. Beispiel: der Feuerteufel, der im September 2010 auf Sylt mehrere Brände legte.

Deshalb funktionieren Regionalkrimis nach einer Art seitenverkehrter Romantik: Selbst eine Gemeindeschwester auf Föhr hat ihre bitteren Geheimnisse; der Heimatforscher in Geesthacht, die Rosenzüchterin am Deich, der Toilettenwärter im Alsterhaus haben ihre Abgründe. Vielleicht liegt der Reiz des Regionalkrimis gerade in diesem Gefühl: Unser krimineller Alltag hat bekannte Straßennamen, vertraute Gebäude. Wenn ich aus der S-Bahn auf den Jungfernstieg trete, könnte der Krimi schon beginnen.

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