Der Strafentlassene von Hans Fallada

Sagen Sie mir nicht, daß Sie ihn noch nicht gesehen haben. Vielleicht haben Sie ihn nicht erkannt, das ist möglich, aber gesehen haben Sie ihn ein Dutzend Mal - was sage ich? - hundertmal, tausendmal! Denn er ist überall. Jahr für Jahr werfen ihn die Gefängnisse zu Zehntausenden auf die Straße.

Der junge Mann, der Ihren Autoschlag zuwarf und sich nur verlegen fortwandte, als der erwartete Groschen nicht kam - das war er. Der Reisende mit einer unmöglichen Zeitschrift (inklusive Versicherungspolice), der Ihre Frau eine halbe Stunde mit seinem aufgeregten Geschwätz langweilte und sich befangen fortdrückte, als sie gerade abonnieren wollte - das war er.

Vielleicht hatten Sie ein Zimmer zu vermieten, und ein junger Mann kam, erledigte forsch alle Fragen wegen Heizung, Stiefelputzen, Licht, Miete, und plötzlich, als er die sieben Mark für die erste Woche anzahlte, sagte er bedrückt: "Das Leben ist nicht leicht", und gleich darauf ohne den rechten Glauben: "Es wird schon gehen."

Vor den Aushängebogen der Zeitungen mit dem Stellenmarkt können Sie ihn jeden Tag sehen, und vielleicht sind Sie einmal nachts über den Rathausmarkt gekommen und haben ihn in der Wartehalle dort schlafen gesehen. Unter der verdrückten Heilsarmeemütze, der man die Wanderung über viele Köpfe ansieht, ist er ebenso zu finden wie an den Heizkörpern der Wartesäle, in den Museen und vor den Steckbriefanschlägen der Polizei.

Er ist überall, er treibt im gesunden Blut des Volkskörpers, ein kranker Tropfen, der bald wieder ausgeschieden sein wird.

Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, 25 Jahre alt, nach zweijähriger Haft wegen Unterschlagung, mit 82 Mark Arbeitsverdienst in der Tasche, war er entschlossen, "keine Dummheiten" zu machen. Nicht, daß er sich gebessert fühlte. Bei dem Gedanken grinste er bloß. Aber er hatte eingesehen, daß sein Einsatz in diesem Spiel viel zu hoch gewesen war, kein möglicher Gewinn konnte solchem Verlust die Waage halten.

Er hatte sich ausgerechnet, daß er mit seinen 82 Mark einen Monat leben könnte, in dieser Zeit mußte er Arbeit finden. Seine erste Enttäuschung erlebte er, als er in die Wohnung kam, in der er vor seiner Haft gelebt hatte. Er war dort wie ein Kind im Hause gehalten worden, mit der Tochter hatte er ein kleines, harmloses Gspusi gehabt.

Jetzt machte man ihm kaum die Tür auf, Verhandlung durch die Spalte, mit der Kette davor. Natürlich seien seine Sachen noch da, eigentlich müßte man Lagergeld verlangen, aber man wolle nicht so sein.

Als er dann im eilig gemieteten Zimmer seinen Koffer auspackte, sah er, daß man wirklich nicht so gewesen war: die beiden besten Anzüge fehlten, Wäsche und Schuhe waren um die Hälfte vermindert. Noch einmal hingehen, kämpfen? Aber was konnte er beweisen? Und dann - war ihm nicht geschehen, was er andern getan? Nur Ruhe!

Aber er hatte keine Zeit zur Ruhe. Bei den Aushängen war der Stellenmarkt einzusehen, möglichst rasch waren Bewerbungsschreiben fortzuschicken, und trotzdem mußte die Schrift erstklassig sein. Zu jeder Briefseite nahm er eine neue Feder. Und dann das Porto - alles lief ins Geld.

Zu Anfang hatte er noch geglaubt, eine warme Mahlzeit am Tag müsse sein, dann sah er, daß er sie sich nicht leisten konnte, Brot, Butter und Aufschnitt, Brot, Margarine und ein Bückling, Brot und Margarine, Brot ... Schritt für Schritt ging es zurück. Und doch flog das Geld. Kein Tag, an dem er nicht etwas ausgeben mußte. Wäsche, Fahrgeld, Stiefelsohlen, Porto ...

Ein paar Male wurde er auf seine Bewerbungen hin zur Vorstellung aufgefordert, aber irgend etwas in seinem Wesen ... etwas Scheues, Sprunghaftes ... die Lücke in seinen Zeugnissen ... gewiß, er ist seit zwei Jahren selbständig gewesen, es wird ihm schon geglaubt, aber hat er nicht vielleicht doch einen Nachweis, einen kleinen Ausweis des Gemeindevorstehers aus dem Kaff, von dem er erzählt? So viele warten vor der Tür und er startet später als alle andern, fühlt er. Vierzehn Tage ist er solide gewesen, dann spricht ihn nachts eine Frau an. Zwei Jahre hat er von Frauen nur geträumt, in quälenden Träumen seine Erinnerungen immer wiederholt, er kann nicht widerstehen. Als er am nächsten Morgen sein Geld nachzählt, merkt er, daß er eine Woche früher Arbeit finden muß, in einer Woche muß er Arbeit haben.

Er überwindet seinen Stolz, er geht zum Wohlfahrtsamt, zur Gerichtshilfe. Ja, Arbeit. Für körperliche Arbeit ist er wohl zu schwächlich? Natürlich. Auch gibt es so viele Nichtvorbestrafte, die körperliche Arbeit tun möchten. Aber vielleicht Adressenschreiben? Es gibt irgendeine Organisation, die so etwas vergibt; er geht hin, ja, man wird ihn beschäftigen.

Nun sitzt er dort Tag für Tag und schreibt Adressen. Im Anfang bringt er es nur auf 2 Mark den Tag, aber dann steigert er es auf 3, 4, ja, sogar 5 Mark an ganz günstigen Tagen. Abends ist er wie tot, sein Hirn öde, die Hand verkrampft. Aber er kann weiter leben, von heute auf morgen, gerade das Leben hat er, das nackte Leben.

Dann hört er flüstern. Die Arbeit wird knapp. "Heute nur jeder Mann 500 Adressen", sagt der Bureauvorsteher. "Morgen werden ein paar aufhören müssen." Er zittert; aber dann darf er noch drei, vier Tage kommen.

Was hilft es? Der Verdienst reicht nicht mehr. Der Groschen, so fest er um ihn die Hand schließt, das Leben dreht ihn heraus. Er trägt die Wäsche, die Kleidung fort, einzeln, zum Pfandhaus. Auch sein Zimmer ist zu teuer, nun er nur noch die Sachen hat, die er auf dem Leibe trägt, genügt eine Schlafstelle. Schließlich kann man auch bei der Heilsarmee schlafen, im Asyl, in Wartehallen.

Das Adressenschreiben ist vorbei, keine Aufträge mehr. "Ich schreibe Ihnen eine Karte, wenn wieder was ist", sagt der Bureauvorsteher. "Wo wohnen Sie?" "Ich komme mal vorbei, da sparen Sie noch das Porto", und er versucht zu lachen.

Nun geht es reißend schnell bergab. Wozu sich noch mühen, er hat eben kein Glück. Einer auf der Schreibstube hat mal eine Mark gefunden, nun bringt er die Tage damit zu, verlorenes Geld zu suchen auf der Straße.

Er sieht die Frauen nicht mehr, nicht mehr die Auslagen der Delikatessenläden, nicht mehr die Autos, das Flimmern, den Glanz der Lampen, die Wolken, frohe Gesichter.

Alles ist Geld. Sein Traum ist Geld. Sein Wachen ist Geld. Diese runden Markstücke, diese vollen Fünfmärker, deren Druck er durch den Stoff auf dem Körper fühlte wie eine Lust, sie sind überall, in jedermanns Hand. Abends, in den dunklen Straßen - könnte er es nicht wagen, ein Griff nach einer Handtasche, ein paar Sprünge um die nächste Ecke?

Und der rote Bau mit den vergitterten Fenstern baut sich wieder vor ihm auf; hat er je geglaubt, das Leben war dort schlimm? Leicht war es, er hatte zu essen, keine Geldsorgen, niemand verachtete ihn. Er war unter seinesgleichen. Und das ist ja nur die schlimmste Möglichkeit, die wahrscheinlichste heißt Geld, schönes, rundes Geld.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht wird er es heute Abend wagen ...

Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags. Morgen lesen Sie von Hans Fallada "Die Verkäuferin auf der Kippe"