Projektleiterin der "Ostertöne"

Musikmanagerin Katrin Zagrosek, die Alleskümmerin

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Heinrich Oehmsen

Die zukünftige Intendantin der Niedersächsischen Musiktage und Musikmanagerin hat die "Ostertöne" zu einem feinen Festival entwickelt.

Hamburg. Sie ist sich für nichts zu schade. Wenn es sein muss, schleppt Katrin Zagrosek mitten in der Nacht Kabel durch die Laeiszhalle. Sie verhandelt die Künstlerverträge, organisiert Scheinwerfer oder den Transfer von Musikern vom Flughafen und kümmert sich um das Programmbuch. Zu Ostern wirft sie sich dann in Schale, um all die Künstler gebührend zu empfangen, die sie in diesem Jahr zu den "Ostertönen" eingeladen hat - Katrin Zagrosek ist Projektleiterin und das Herz des viertägigen Festivals. "Ich möchte nicht, dass etwas schiefgeht, was ich versprochen habe. Deshalb kümmere ich mich um sehr viele Details", sagt sie.

Die 35 Jahre alte Musikmanagerin, Produktionsleiterin und zukünftige Intendantin der Niedersächsischen Musiktage entspricht dem Typus der jungen, modernen Erfolgsfrau. Hinter dieser charmanten Gesprächspartnerin verbirgt sich eine akribische Arbeiterin, die sich im Repertoire der sogenannten E-Musik mit dem Schwerpunkt zeitgenössische Musik extrem gut auskennt und deren Karriere steil nach oben geht. Die "Ostertöne" hat sie zusammen mit Simone Young zu einem kleinen, aber feinen Festival entwickelt, das wegen seiner Programmatik, unter anderem mit einem "composer in residence", zu den Kleinodien des Hamburger Musiklebens zählt.

Die intensive Beschäftigung mit Musik kommt nicht von ungefähr. Vater Lothar Zagrosek ist ein bekannter Dirigent, der an allen großen Opernhäusern Europas und mit den besten Orchestern gearbeitet hat. Die Tochter begann als Zehnjährige, Klarinette zu spielen. "Ich wollte nie Profimusikerin werden. Aber durch das Musizieren ist mein Gehör sehr geschult worden." Romantische Hausmusikabende bei den Zagroseks gab es jedoch nicht. Katrin spielte nur gelegentlich mit ihrer Schwester zusammen, jene am Klavier, sie selber als Sängerin.

Ihr inzwischen großes Faible für Neue Musik hängt eng mit dem Vater und der Hamburgischen Staatsoper zusammen. 1997 dirigierte Lothar Zagrosek dort die Uraufführung von Helmut Lachenmanns Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", einem schwierigen Werk, das große Aufmerksamkeit erfordert. Die Tochter studierte zu der Zeit in Lüneburg, kam zur Premiere nach Hamburg und noch zu drei weiteren Aufführungen. Helmut Lachenmanns Werk bezeichnet sie für sich als Schlüsselerlebnis: "Bis dahin hatte ich zeitgenössische Musik nur mit dem Verstand aufgenommen und mehr oder weniger interessant gefunden. Doch als ich nach der vierten Vorstellung im Zug nach Hause fuhr, habe ich mich an viele Klänge und Rhythmen erinnert. Die Musik berührte mich genauso wie ein Stück von Mozart. Den pfeife ich auch vor mich hin und das macht mich glücklich. Es passierte damals zum ersten Mal mit zeitgenössischer Musik, dass sie mich auf einer emotionalen Ebene erreichte."

Nach ihrer Studentenzeit in Lüneburg und Berlin hat Katrin Zagrosek in Großstädten wie New York, Wien, Berlin und Hamburg, aber auch in der Provinz in Freiburg gearbeitet. Gerade am Theater Freiburg, einem Drei-Sparten-Haus, habe sie eine Menge gelernt. Zagrosek war dort für die Orchesterplanung zuständig, das Repertoire war überwiegend klassisch-romantisch, aber immer wieder integrierte sie zeitgenössische Musik in den Spielplan und präsentierte junge Komponisten. José María Sánchez-Verdú, in diesem Jahr bei den "Ostertönen" "composer in residence", hat sie bereits in ihrer Freiburger Zeit entdeckt und aufführen lassen. Im Breisgau lernte sie dann Simone Young kennen, die dort Bruckners 5. Sinfonie dirigierte. Die beiden Frauen verstanden sich auf Anhieb, und Young holte die junge Dramaturgin 2006 als Projektleiterin zu den "Ostertönen" nach Hamburg.

Die Entscheidung, für einige Monate im Jahr nach Hamburg zu gehen, fiel ihr leicht. Katrin Zagroseks Großeltern lebten hier, ihre Mutter stammt aus Hamburg und hat in der Gewandmeisterei des Deutschen Schauspielhauses gearbeitet, der Großvater war Patentanwalt am Neuen Wall, sie selbst als Kind oft zu Besuch hier. "Es war immer ein tolles Gefühl, über die Elbbrücken in die Stadt zu fahren", sagt sie. Seit 2007 hat sie eine Wohnung am Grindel, obwohl sie nach der Station in Freiburg für vier Monate nach New York zum Lincoln Center Festival und dann nach Wien gegangen ist, wo sie als Produktionsleiterin bei "Wien Modern" arbeitet, einem weltweit wichtigen Festival für zeitgenössische Musik. "Es war gut, die ,Ostertöne' quasi aus der Ferne machen zu können. Ich habe in Wien eine Menge Anregungen bekommen, die ich hier einbringen konnte." Wobei sie einräumt, dass ihre nur mehrwöchige Anwesenheit in Hamburg nur möglich sei, weil die "Ostertöne" vier Tage und nicht vier Wochen dauern.

Auch in diesem Jahr hat Zagrosek ein paar außermusikalische Überraschungen parat. Am Ostermontag liest Carlos Fuentes, einer der herausragenden südamerikanischen Schriftsteller auf Kampnagel - Sánchez-Verdús Oper "Aura" basiert auf einer Erzählung von Fuentes. Im Anschluss an das Porträtkonzert am Karsonnabend wird Luis Buñuels Film "Nazarín" gezeigt. "Am liebsten hätte ich vor der Laeiszhalle ein Osterfeuer entzündet, aber das ließ sich nicht realisieren", sagt Katrin Zagrosek.

Im September übernimmt Zagrosek die Intendanz der Niedersächsischen Musiktage und zieht von Wien nach Hannover. Ihre Hamburger Wohnung behält sie jedoch, weil sie auch im kommenden Jahr wieder für die "Ostertöne" verantwortlich sein wird. Wenn ihre Karriere so erfolgreich weiterläuft, könnte sie in einigen Jahren durchaus eine Kandidatin für noch größere Aufgaben sein. Für einen wichtigen Konzertort in der Hamburger HafenCity zum Beispiel.