Karnevalsnacht

Tanzmusiker Andy Falke: Der Gassen-Hauer

Foto: Johannes_Arlt

Als Tanzmusiker spielt Andy Falke alles, was die Leute hören wollen. Privat ist er anders. Ein Erlebnisbericht aus einer Karnevalsnacht in Rottorf.

Beim Segeln auf der Ostsee ist es ruhig. Herrlich ruhig. Der Wind weht um die Ohren, Segel knattern. Viel mehr ist da nicht. Mehr muss auch gar nicht sein. Vielleicht ist es auch der Gedanke an solche Momente auf seinem Segelboot "Merlin", der dafür sorgt, dass es Andy Falke längst nichts mehr ausmacht, tief in der Nacht "Hoch das Bein, die Schweinepreise steigen" zu singen, während vor ihm ein männliches Schneewittchen mit Preisboxer-Oberarmen und eine Herde gutbürgerlicher Schafe die Sau rauslassen. Am Tresen vom Gasthaus Zur Linde gibt es entweder Bier, das hier auch "Herren-Prosecco" genannt wird, oder Waldmeisterbowle mit Ananas. Gegen Hunger hilft "mundgerechte Currywurst".

"Das ist mein Verdienst. Das ist nicht mein Leben", sagt der 48-Jährige bei einer der kurzen Pausen, die er sich gönnt, für ein kleines Bier oder eine Zigarette draußen vor der Tür im nächtlichen Regen. Wir sind in Rottorf bei Winsen, beim "Faslam", der örtlichen Version des Karnevals. Falke ist hier für die Unterhaltungsmusik zuständig. Seit mehreren Jahren schon kommt er, wenn man ihn rechtzeitig bucht. Falke ist Live-Lieferant für gute Laune. Ein Dienstleister, der sich immer wieder sagt, ich mache meinen Job und gehe mit dem Gefühl nach Hause, Menschen aller Altersklassen einige Stunden lang glücklich gemacht zu haben.

Für Falke ist das hier ein extralanger Sonnabend. Um sieben aufgestanden, auf einer goldenen Hochzeit in Uetersen gespielt. Abbauen, abfahren. Ankommen, aufbauen. "Half a minute" und "Frauen regier'n die Welt" zum Warmwerden, die ersten Gäste tröpfeln dazu in den Saal. Kuddel kommt als Knacki, gefolgt von Kreuzrittern, Supermarios, Hippies und blau geschminkten "Avatar"-Teenagern. Man kennt sich. Paare, die das Schicksal hier zusammenfügte, hat Falke später als Hochzeitspaar zum Kunden gehabt.

"Ich bin da irgendwie so reingerutscht." So beginnt die Geschichte von Falkes Künstlerleben, erzählt er einige Tage vorher bei einem Kaffee in der Hamburger City. Falke ist einer der unzähligen Unterhaltungsmusiker, die durch Städte und Dörfer touren, um Familien- oder andere Feiern mit mal mehr, mal weniger handgemachter Tanzmusik zu beschallen. Ein Mucker. Die Bezeichnung kommt von "Mugge", der unter Profis gängigen Bezeichnung für ein "musikalisches Gelegenheitsgeschäft". Trauerfeiern heißen "Gruftmucken", Geselligeres läuft unter "Tanzmucke". Abgerechnet wird nach Stunden. Pause machen dürfen ist Ehrensache unter Muckern, wer durchspielt, verdirbt die Preise. Je teurer man ist, desto besser wird man behandelt.

Falke ist offenbar gut im Geschäft. "In der Regel habe ich vier, fünf Tage pro Woche frei, und weil ich gut verdiene, auch genügend Geld, um die Freizeit genießen zu können." Wenn der Auftraggeber es will, kann Falke bis zu 16 Mann auf eine Bühne zusammentelefonieren. Er schreibt Arrangements und bringt sein Repertoire regelmäßig auf den neuen Stand der Hitparaden. Rund 500 Musikstücke hat er griffbereit drauf, sagt er. "Alles ist machbar." Falke ist - allein, zu zweit oder im Trio - rund 100 Tage im Jahr als Gute-Laune-Spender unterwegs. Sein aktuelles Trio spielt seit drei Jahren zusammen.

"Ich bin nicht der typische Alleinunterhalter." Eigentlich wollte Falke Trompete studieren, eigentlich steht er auf Jazz, "Bebop, Hardbop, das ist so mein Ding", sein Idol ist Clifford Brown. Privat hört er auch Klassik, besonders gern Debussy. Andy ist sein offizieller Bühnen-Vorname. Privat heißt er Andreas und stammt aus einer Musikerfamilie. Mutter Sängerin, Bruder Saxofonist, der Onkel Bassist, die Großmutter war Konzertsängerin. Sein Vater war auch Trompeter, 13 Jahre lang in der Kapelle vom Circus Roncalli. Als jemand ausfiel, sprang Falke 1983 nach dem Abi ein, weil er gut vom Blatt spielen konnte, es sollte zunächst nur für eine Saison sein, mit Fantasie-Uniformen à la Sergeant Pepper und Dixieland fürs Publikum vor Beginn der Vorstellung.

Die nächste Etappe war eine Showband, die "Valendras". Schnieke Bühnengarderobe und Ireen Sheer im CCH begleiten, so was eben. Eine Zeit, in der Falke viel über Professionalität gelernt hat. Bei diesem Karnevalsabend in Wuppertal beispielsweise, "eine völlig spaßfreie Zone" sei das gewesen. Also nutzte die Leseratte Falke das Rumsitzen auf der Bühne dafür, Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" zu lesen. Am Tag danach fand er sich mit einem Beweisfoto für sein Desinteresse in der Lokalzeitung. "Das würde ich heute so nicht mehr machen." Bücher verschlingt er auch heute noch. Aber nach Feierabend. Dienst ist Dienst, und Eichendorff ist Eichendorff.

Eine andere Stufe auf der Karriereleiter: Kreuzfahrtschiffe, weltweit unterwegs, aber nur auf den Schiffen alter Schule, wo eine Samba noch eine Samba ist wie früher in der Tanzschule, mit Solo-Programmen und Louis-Armstrong-Parodien. Eine Zeit lang lebte Falke in Texas und flog regelmäßig zu Wochenend-Auftritten nach Deutschland. Hart, aber lukrativ war das, Akkord-Knochenarbeit und eine Frage der Kondition: "Man lernt im Laufe der Jahre, das Müdigkeitsgefühl wegzudenken, zumindest am Wochenende", beschreibt Falke den Lebensrhythmus, der einen total aus dem Takt bringen kann. "Richtig wach werde ich erst wieder dienstags oder mittwochs." Seine Sängerin bringt das Durcheinander mit einem Wort auf den Punkt: "Muckerstarre".

Falke spielte auch bei den Tiffanys, jener Kapelle aus liebenswert durchgeknallten Schützenfest-Stümpern, die es in Heinz Strunks Roman "Fleisch ist mein Gemüse" zu einiger Berühmtheit geschafft hat. Wie es in der vermeintlichen Profi-Abteilung oberhalb von spießigen Harburger Silberhochzeiten zugeht, durfte Falke ebenfalls miterleben. Angenehme Überraschungen waren da allerdings eher selten. Doch Roberto Blanco hat ihn positiv überrascht, und Heino war ein "absolut unterhaltsamer Gesprächspartner. Der hat Esprit, der Typ. Aber in der Regel war ich maßlos enttäuscht. Florian Silbereisen wird immer Florian Silbereisen bleiben." Vor gut 15 Jahren hatte Falke keine Lust mehr, aus dem Koffer zu leben und ständig in irgendwelchen Hotels zu übernachten. "Ich hab die Sache dann selber in die Hand genommen."

Andreas Falke weiß genau, dass der Bandleader Andy Falke ein anderer Mensch sein muss. Ein Produkt, ein Dienstleister. Künstlerische Selbstverwirklichung ist im Kleingedruckten nicht vorgesehen. "Love Is In the Air ist nun wirklich keine Geheimwissenschaft, bar jeden philosophischen Hintergrunds. Man kann auch einen einfachen Titel richtig und gut spielen - deswegen bleibt es aber trotzdem nur Movie Star . Also versuche ich authentisch zu bleiben." Man sehe dabei hin und wieder schreckliche Dinge, aber wie vielen schlecht ondulierten Dauerwellen er im Laufe einer langen Nacht begegnen mag, ist ihm "völlig schnurz". Rustikalen Ritualen widersetzt sich Andy Falke nicht. Wird ein Suppenmarsch als Begleitmusik zum Essen gewünscht, serviert er ihn. "Der Witz hat sich mir nie erschlossen. Aber ich mach das einfach mit." Bei dieser Gelegenheit erklärt Falke auch, was ein "Marschwalzer" ist: eine Polonäsen-Abart in gegenläufigen Kreisen, die dafür sorgen soll, dass jeder einmal mit jedem tanzen kann.

Ganz wichtig ist, ein Gespür für den Abend zu bekommen; eine Show zu bieten, die jeden auf die Tanzfläche saugt. Ohne Erfahrung ist man da verloren. Jeder pubertierende Enkel könnte für Onkel Herberts goldene Hochzeit Tausende von Titeln aus dem Internet herunterladen, klar. "Aber damit ist die Feier noch nicht gerettet. Wenn jemand nicht weiß, wie man einen Abend musikalisch dramaturgisch leiten muss, damit er funktioniert, fällt er auf den Bauch. Man muss sehr gewieft sein. Der richtige Titel zur richtigen Zeit, das muss man lernen im Laufe der Jahre."

"Sobald das Licht angeht, lächle ich und bin ein anderer Mensch", sagt Falke, der Privatleben strikt von der Arbeit trennt. "In meinem Privatleben bin ich Intellektueller, lese ein Buch nach dem anderen und interessiere mich für ganz andere Dinge. Auf der Bühne sitze ich nur für Geld. Da geht es ganz klar darum, Oma zu bespaßen."

Schön ist das längst nicht immer, wenn man in Landgasthöfen die Tür zum Festsaal öffnet und in eine Duftwolke läuft, dass man am liebsten gleich wieder nach Hause möchte. "Kellnerinnen in diesen komischen Schlappen, bei denen sich die Zehen vorn so drüberkrallen, dazu Strumpfhosen mit ganz hartem Zwickel. Grauenvoll, klar." An solchen Abenden spielt Falke konsequent durch, nach der Devise "Der Scheck heiligt die Mittel" wird Programm gemacht wie bestellt, die Gage ist eher Schmerzensgeld. Egal. "Es nützt mir wenig, eine Message rüberbringen zu wollen. Es geht darum, dass die Leute das Stück wiedererkennen", erklärt Falke. "Bei dem, was ich mache, sehe ich mich als Dienstleister und will meinen Kunden gerecht werden."

In der Rottorfer "Linde" klappt das bestens, Falke spielt vor rund 140 begeisterten Endverbrauchern. Bei Strunks Tiffanys hieß das: "Hauptsache, geil abliefern." Es dauert keine Stunde, bis die Feier in vollem Gange ist. Falke und seine Sängerin Silke haben ihr Publikum unter dem knappen Dutzend Deko-Girlanden, das gleichmäßig verteilt von der Fachwerkdecke baumelt, sicher im Griff. Sie hauen gekonnt einen Fetenklassiker nach dem anderen raus, von "Dancing Queen" bis "Viva Colonia", von "Über den Wolken" in einer Latin-Version bis zu "Sweet Caroline". Bei Konserven-Hits während der Pausen leert sich die Tanzfläche fast wie auf Knopfdruck, sobald das Duo, das nun Betriebstemperatur erreicht hat, wieder im Rampenlicht ist, sind die Rottorfer nicht mehr zu bremsen. Der Schneewittchen wedelt lasziv mit seinen Zöpfen, die Schafe schwitzen in ihren Fell-Kostümen.

In einer Pause sitzt Silke, fröhlich mit den Beinen baumelnd, auf dem Eintrittstisch am Saaleingang und freut sich. Alles bestens. Zehn von zehn möglichen Punkten für diesen Auftritt. Die Stimme gehorcht, die High Heels nerven nicht. Das Leben kann so einfach sein zwischen "Er gehört zu mir" und "Rockin' All Over The World". Am Abend zuvor hatte Falke noch "bis tief in die Nacht" Miles Davis gehört. Das 59er-Meisterwerk "Kind Of Blue". Eine coole, melancholische Jazz-Platte, von der ein Kritiker schwärmte, sie sei wie ein sanfter Kuss auf die Ohrmuschel.

Um drei Uhr nachts endet dieser Job in Rottorf. Eine Stunde abbauen, dann geht es zurück nach Neu Wulmstorf. Für den Rest des Sonntags ist bei Andreas Falke Ausschlafen angesagt. Die Ruhe hat ihn wieder.