Aus dem Flügel steigt der Gesang der Vögel

Vorsicht, Suchtgefahr: Alexandre Tharaud spielt Scarlatti

Ob es angeht, Domenico Scarlattis berühmte Sonaten nicht auf dem Cembalo zu spielen, sondern auf dem Klavier, für dessen Prototypen sich der italienische Barockmeister seinerzeit nicht erwärmen konnte: Diese Streitfrage erhitzt die Gemüter der Spezialisten ungeachtet der Tatsache, dass es zahlreiche überzeugende Einspielungen nicht nur auf dem Konzertflügel, sondern auch auf Gitarre oder Harfe gibt. Nun werden sie ihren Disput noch mehr ganz unter sich austragen müssen. Denn der französische Pianist Alexandre Tharaud liefert jetzt eine derart überzeugende Spielart von Scarlattis Sonaten auf dem Flügel, dass die Aufnahme geradezu als Referenzalbum gelten muss.

Man hört diese wunderbare und klug gespielte Musik, die trotz Scarlattis (1685-1757) Zeitgenossenschaft zu Bach so gar nichts von dessen kontrapunktischer Strenge und erhabener Architektur hat, als beinahe der Zeit enthobene Reflexionen von Lebensfeuer, Schönheit und Empfindung. Der Komponist ging mit Mitte 30 nach Portugal und verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens am spanischen Hof; hörbar sind mindestens Anklänge an den Flamenco. Auch meint man in manchen Trillern, Tonwiederholungen und Verzierungen exotische Vögel singen zu hören. Die Leichthändigkeit und Präzision, mit denen Tharaud die Husarenstücke unter den Sonaten bändigt, sind schlichtweg begeisternd. Und die zarten Piècen dieser Aufnahme spielt er mit einer von Diskretion moderierten Innigkeit.

Aus den über 600 Sonaten Scarlattis, die Tharaud alle zumindest einmal gespielt hat, suchte er sich 30 aus und fügte 18 von ihnen zu einem Kaleidoskop der Stimmungen, Tempi und Artikulationen zusammen. Wer es einmal in den CD-Spieler legt, wird es immer wieder staunend drehen wollen.

Alexandre Tharaud plays Scarlatti (Virgin)