Vor der Wahl

Keine Ideen und kein Geld: Kultur in lauwarm

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Joachim Mischke

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Wo ist sie hin, die Leidenschaft? Ein Zustandsbericht über die Orientierungslosigkeit der Kulturszene kurz vor der Büürgerschaftswahl.

Hamburg. Man ist immer so gut, wie man sich fühlt? Schön wäre das ja. Doch weiten Teilen der Hamburger Kulturlandschaft ist in den letzten Monaten offenbar ihr Koordinatensystem abhandengekommen. Sie kommt nur lauwarm und unentschieden daher.

Wo ist vorn, wo ist oben? Und wo stehen wir? Die verunsicherte Szene sucht Antworten und hofft schicksalsergeben auf Besserung nach der Bürgerschaftswahl an diesem Sonntag. Zu wenig Geld ist für viele ein großes Problem. Keine zündenden Ideen für die clevere Anlage des Vorhandenen gehabt zu haben ist ein größeres, wie sich nun mancherorts zeigt. Orientierungslosigkeit macht sich breit. Es wird viel geredet und zu wenig getan.

Dabei ist es erst einige Monate her, dass viele Bürger ihre Leidenschaft für die Kultur offen und vehement demonstrierten. Protest und Einmischen war urplötzlich mehr als schick, es war ernst gemeint. Für das Gängeviertel, für das Schauspielhaus, für das gute alte Altonaer Museum. Gegen Kürzungspläne. Doch dieser Druck ist wieder aus dem Kessel und der Kulturbehördenapparat inszeniert, als wäre nichts geschehen, das Übermaß der eigenen Bedeutung, auch durch das Gängeln von Mäzenen, denen man am liebsten bis in die Weinbestellung für ihre Ausstellungseröffnung hineinregieren möchte.

Viel zu selten vermitteln Angebote derzeit das Gefühl, große Kunst live und in Farbe erleben zu dürfen. Sidi Larbi Cherkaouis Tanztheater-Spektakel "Babel" auf Kampnagel war solch ein Abend. Das war weite Welt. Eingekauft, die Premiere ging in London über die Bühne. Oder das unfassbar gute Konzert des Concertgebouworkest in der Laeiszhalle. Ein Import aus Amsterdam. Derartige Import-Highlights gab es immer schon. Sie fallen jetzt aber stärker auf, weil Hiesige dieses Niveau trotz des demonstrativen Ehrgeizes nach wie vor nicht erreichen können.

Die Kunsthalle musste gerade mitansehen, wie das kleine Bucerius-Kunst-Forum ihm mit einer Gerhard-Richter-Ausstellung die Butter vom Brot mopste. Hubertus Gaßners Haus war mit seiner klug korrespondierenden Satelliten-Schau zu Richter zweiter Sieger im Rennen um die Aufmerksamkeit. Das letzte Update der Kunstmeile soll erst noch beweisen, was es taugt, in trauter Gesellschaft mit den Bemühungen, Hamburgs Ambitionen beim Thema Kulturstadt überregional bekannt zu machen, die von der Kulturpolitik so gründlich demoliert wurden.

Einige Steinwürfe entfernt wartet das Schauspielhaus darauf, wieder systemrelevant zu werden. Die Zuschauerzahlen sind ordentlicher als lange Zeit moniert, die Stimmung am Haus, das auf die Noch-Kölnerin Karin Beier als Intendantin ab 2013 hofft, ist kämpferisch. Doch darf es für das größte deutsche Sprechtheater genügen, sich vor allem mit seinem Jugendtheater-Ableger zu profilieren und hin und wieder eine Premiere zu bieten, die okay ist? Talk of the town im klassischen Sinne des Kulturauftrags ist man jedenfalls nicht. Die Musik spielt woanders.

Womit man bei der Staatsoper landet. Dort haben die zweiten fünf Jahre der Dekade von Generalmusikdirektorin Simone Young begonnen. Ihr Prestige-"Ring" hat nicht den erhofft großen Erfolg gehabt. Was soll jetzt noch kommen? Mit wem und vor allem: warum? Auch die Chemie zwischen Chefin und Orchester soll schon mal deutlich besser gewesen sein, wird gemunkelt.

Das NDR-Sinfonieorchester wiederum wäre momentan vielleicht froh, überhaupt einen Chef zu haben, der für Format und Feinschliff sorgt. Doch Christoph von Dohnányi hat sich im Zorn verabschiedet, Nachfolger Thomas Hengelbrock ist noch nicht da.

Sichtbarster Sündenbock für die atmosphärische Verstimmung in Hamburgs Kulturszene ist und bleibt die Elbphilharmonie. Je öfter deren Kosten explodierten und je dilettantischer die Schadensbegrenzungsversuche waren, desto größer waren auch die Kollateralschäden rund um die Problembaustelle. Die vorfreudige Hochstimmung, die so viele mitriss, ist verheerend tiefer Skepsis gewichen, was das noch alles kostet. Und auf wessen Kosten wohl.

Wie groß die Kluft zwischen der Kultur und der Kreativwirtschaft ist, bewies in der letzten Woche ein Besuch auf der MS "Stubnitz". Die städtische Kreativgesellschaft hatte ihre Klientel zu einem zweitägigen Spontanseminar-Marathon auf einem alten Dampfer im Hafen eingeladen. Jeder sollte dort mal mit jedem über alles Mögliche reden können. Und so war es dann auch: Computerspiel-Produzenten und Social-Media-Agentur-Praktikantinnen redeten stundenlang an den sehr wenigen anwesenden Kulturschaffenden vorbei.

Sicher, man findet auch positive, wegweisende Ausnahmen. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Nur leider an den Rändern statt in der Mitte des Geschehens. Als Sättigungsbeilage, während die Hauptmahlzeit oft bescheiden ausfällt. Das gerade laufende finnische Freistil-Musik-Festival "Rantakala" und die Lessingtage am Thalia wären zwei dieser positiven Beispiele. Die Lessingtage waren gut durchdacht und gut besucht. Aber nur ein kurzer Ausnahmezustand und nicht die Spielzeit-Regel. Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard sorgt mit sehr vielen Koproduktionen und Vermietungen für eine kunterbunte Programmmischung. Thalia-Intendant Joachim Lux füllt als versierter Stichwortgeber die Prestige-Lücke, die eigentlich dem Schauspielhaus-Leiter gebührt. Doch dort regieren Platzhalter. Platzhirsche fürs große Ganze fehlen, Leitgestalten oder gar Visionäre sind nicht in Sicht.

Und die Politik? Die hat auch auf der Zielgeraden zum Wahltermin nur ganz kleines Karo für die Kultur parat. Wenn man sich umhört, bekommt man überall Planungssicherheit und regelmäßige Dialoge als dringlichste Aufgaben genannt. Diese Grundvoraussetzungen werden als bahnbrechend verkauft, während Kultur an sich keine Rolle im Wahlkampf spielte.

So wenige Perspektiven hier - und am Horizont lockt auch noch Berlin. Aktueller Kandidat mit Umzugsgedanken ist Rocko Schamoni, der demnächst mit seinen Kollegen von Studio Braun an Ulrich Khuons Deutschem Theater gastiert. "Ich werde mich wirklich mal in Berlin umschauen", sagte Schamoni gerade dem Hauptstadt-Magazin "tip". "In Hamburg ist so ein komischer Endpunkt erreicht. Ich langweile mich gerade und hab keine Lust, hier als Letzter Kultur zu machen."