Opern-Sängerin

Annette Dasch: Ich bin ein Star, ich will keinen Applaus

Foto: picture alliance / / picture alliance //picture alliance

Eigentlich wollte sie Dachdeckerin oder Rockerin werden: Wie Annette Dasch dann die ungewöhnlichste Sopranistin ihrer Generation wurde.

Berlin. Es gibt Stars, die ihre Aura vor dem Schritt ins Rampenlicht anschalten können, im Alltagsrest der Welt aber abtauchen und wie ein Chamäleon eins werden mit der Kulisse. Wenn sie das will, kann Annette Dasch das virtuos.

Es war der Sommer 2007, der Nachmittag vor Haydns "Armida" bei den Salzburger Festspielen. Annette Daschs Premiere in der Titelrolle. Sie saß an einem Tisch im Künstler-Treff "Triangel", abgeschirmt von einer Sonnenbrille - und vom Lampenfieber gebeutelt. Aber niemand nahm sie wahr. Wenige Stunden später tobte die Sopranistin über die Bühne der Felsenreitschule.

Annette Daschs Welt hatte sich damals, wieder einmal, über Nacht verändert. Der Chef der New Yorker Met, um nur ein Beispiel zu nennen, war hellhörig geworden, während die meisten Kritiker vor lauter Begeisterung übersahen, dass die vermeintliche Senkrechtstarterin schon im Vorjahr nur wenige Meter Luftlinie entfernt in einer Kammerspiel-Version von Mozarts "Il re pastore" debütiert hatte.

Dreieinhalb Jahre und viele Erfolge ihrerseits später sitzt die 34-Jährige in einem Bildungsbürger-Café in Berlin-Charlottenburg. Ohne Sonnenbrille, ohne Lampenfieber. Noch wohnt die gebürtige Berlinerin hier in der Gegend und teilt sich die Wohnung, in der sie nur wenige Wochen im Jahr ist, mit einem ihrer Brüder. Demnächst steht allerdings der Umzug nach Frankfurt an. Ihr Verlobter, ein Bariton aus Österreich, hat dort ein Engagement an der Oper bekommen. Wo man zu selten Heimat spürt, mag in dem Vielflieger-Job der beiden eine Zeit lang egal sein - aber irgendwann nicht mehr, mit wem.

Während die Klassik-Branche ständig Arien-Platten mit neuen Stimmen in großer Garderobe auf den Markt wirft, ist Annette Dasch, die ihr Rollendebüt gleich als Elsa im "Lohengrin" in Bayreuth und neben Jonas Kaufmann hatte, sich treu geblieben. "La Dasch" wird es mit ihr nicht geben, das ist schon mal klar. Erst wollte sie Dachdeckerin werden. "Den Lebensstil wollte ich gern haben", sagt sie: "Nach wie vor gibt es nichts, was mich so glücklich macht wie 24 Stunden an der frischen Luft zu sein. Draußen pennen, draußen sein." Sie grinst nostalgisch, wenn sie von ihrer Zeit als Stammesführerin bei den Pfadfindern erzählt. Auf der Gitarre klampfen und jede Menge Heringe in den Boden kloppen, das war's damals. Klassische Sängerin ist ihr anscheinend irgendwie passiert. "Eigentlich wäre ich gerne Rockerin oder so was geworden. Aber das hat nicht so aus mir rausgesprochen", erklärt sie, fast ein wenig verdutzt. "Ich hatte keine eigene Stimme, auch im übertragenen Sinne nicht. Da kam irgendwie keine Nina Hagen aus mir raus."

Auf die Frage, was für sie persönlich das Besondere an der Oper sei und was diese einem heute noch sagen könne, wird Annette Dasch schnell und sehr ernsthaft grundsätzlich: "Ich glaube, man sucht immer nach den besonderen Erlebnissen. Das Theater ist ein Erlebnisraum, ein Erfahrungsraum. Man läuft immer diesem einen Moment hinterher", sagt sie und sammelt sich für einen Monolog: "Das passiert natürlich nicht andauernd, sonst wäre es ja nichts Besonderes. Aber den Rest der Zeit ist es einfach gut, etwas zu machen, von dem man weiß, dass es einfach gut ist. Es ist einfach gut. Es ist nicht schlecht. Wir machen nie etwas Schlechtes. Wir müssen uns nie die Frage stellen: Haben wir nicht doch jemanden über den Tisch gezogen? Es kommt kein schlechtes Karma vom Musizieren."

Eine Opernsängerin zu spielen käme Annette Dasch niemals in den Sinn. "Ich kann nicht bei ,Wetten, dass ..?' eine Arie singen, das ist mir einfach nicht gegeben", sagt sie. Eine Opernsängerin sein? Das geht, aber nur nach ihren kategorischen Spielregeln. "Die Musik darf nicht das Trittbrett für unsere Eitelkeiten sein. Man muss die Bühne rein halten von solchen Sachen."

Solche Sachen sind ihr viel zu wichtig, um sie nur halb und damit schlecht zu machen. Klar kann sie in ihrem selbst erfundenen "Dasch-Salon", einer Mischung aus Teekränzchen und Liederabend, im Berliner Radialsystem die Quatschdrossel spielen und ausprobieren, was geht, bis hin zur belächelten Brokat-Handtasche für die Fragenkärtchen. Klar kann sie ein großes Talkshow-Format lässig meistern - im März 2010 moderierte sie neben Giovanni di Lorenzo "3 nach 9". Doch die Sängerin will es lieber intensiv. So intensiv, dass sie es kaum noch aushält und froh ist, ganz und gar in der Kunst aufzugehen. Dieser elektrische Moment, wenn sie, wie bei ihrem Debüt an der New Yorker Met, die Tür zur Bühne öffnet und es sich anfühlt, als ob sie im Fleischkleid von Lady Gaga in einen Käfig voller hungriger Tiger spaziert.

Bayreuth, die Neuenfels-Elsa, das empfand sie ganz anders: "Der Ort ist so wundervoll, weil er so inhaltlich ist. Weil an diesem Ort nichts Glamouröses ist, nichts. Alle wissen um das Gewicht dieser Musik", sagt sie, "das ist genau das richtige Umfeld für mich. Als die Tür aufging und ich, als Elsa von den Pfeilen durchbohrt, da rausging, hatte ich meinen Frieden damit gemacht. Das war in Ordnung."

Dieses große Wollen, die Sucht nach Perfektion, die Verzweiflung, wenn man einer Figur wieder mal nur nah kommt. Die Freude, ihr wieder mal nah gekommen zu sein. Dieses Sehnen. "Wenn das Sehnen mal aufhört, was ist dann? Ich kann's mir einfach nicht vorstellen", sagt sie: "Ich kenne Zufriedenheit nicht. Nur ganz kurze Momente, dann fängt mein Herz wieder an zu pochen." Gipfelerlebnisse machen süchtig. "Man will nicht mehr aufhören. Man will nicht runter, wenn man da oben ist. Ein Abstieg ist halt einfach immer ein Abstieg. Aber man kann nicht immer da oben bleiben. Das geht nicht."

Damals, 2009 als "Figaro"-Gräfin in der Met, konnte sie ganz und gar nicht in der Musik verschwinden. Dabei geht es ihr doch darum, eines klarzumachen: dass die Musik die Haupt- und sie die Nebenrolle spielt. "Ich wäre froh, wenn sich der Vorhang am Ende einfach schließt und man nach Hause geht. Ich muss nicht immer diesen Applaus erleben, das ist mir irgendwie", sie pausiert, "peinlich. Applaus ist trügerisch und merkwürdig. Tja." Heute Abend wird ihr Hamburg applaudieren. Tja.

Liederabend heute, 20 Uhr, Laeiszhalle, Kl. Saal. Lieder von Brahms, Beethoven, Beaudoin, Korngold. Karten (11-38 Euro) unter T. 35 76 66 66 oder unter der HA-Tickethotline unter T. 30 30 98 98