Kunstprojekt Hajusom

Sehenswerte Explosion im Kleiderberg

Das Kunstprojekt Hajusom bringt mit "Bollyland" seine Interpretation des Hindi-Kinos auf die Kampnagel-Bühne, Aminatu erzhält davon.

Hamburg. Ausdauernd bearbeitet Aminatu Jalloh ihr Kaugummi. Zwischendurch ertönt ein kleines Knallen aus ihrem Mund, wenn die Zähne Luftblasen zerbeißen. Ein eigener Sound, den die 22-Jährige da ganz nebenbei produziert. Die Energie, die Jalloh ausstrahlt, ist der Musik ähnlich, die sie am liebsten hört. Reggaeton mit seinen puertoricanischen Wurzeln zum Beispiel und Coupé Décalé aus ihrer Heimat Afrika. Stile, die mit ihren impulsiven Rhythmen zur Bewegung zwingen. "Tanzen ist meine Leidenschaft", sagt Jalloh und streicht eine Rastalocke aus ihrem Gesicht. Und wie sie diesen Satz sagt, klingt er nicht nach auswendig gelerntem Kitsch, sondern wie ein Lebenselixier.

Ausleben kann die kleine, kraftvolle Frau ihre Passion seit zehn Jahren bei dem Kunstprojekt Hajusom, in dem junge Flüchtlinge und Migranten interdisziplinäre Performances entwickeln. Vor gut zwei Jahren brachte die Gruppe zusammen mit dem Elektro-Avantgardisten Jimi Tenor das Musical "Back Up Story" auf die Bühne der Kulturfabrik Kampnagel. Seit anderthalb Jahren nun hat Hajusom eine weitere Musiktheater-Show erarbeitet, die am heutigen Freitag Premiere feiert: "Bollyland". Eine Hommage an das üppig ausgestattete indische Kino, aber auch eine augenzwinkernde bis nachdenkliche Interpretation von Kassenschlagern wie "Om Shanti Om" und "Fanaa".

"Das Faszinierende an Bollywood ist dessen utopisches Potenzial, dass alle Gefühle und Genres gemixt werden können", erklärt Dorothea Reinicke, eine Frau mit fürsorglichem Charisma, die neben Ella Huck die künstlerische Leitung innehat. Das Cross-over, von dem sie spricht und das im Hindi-Cinema Masala genannt wird, ist bei Hajusom gelebte Realität. "Salam aleikum" und "Hallo" begrüßen sich die Darsteller zur Probe in der Kampnagel-Halle 2. Sie umarmen sich, essen noch schnell ein paar Bratnudeln, reden über die Schule, kommen an und runter. Sie wirken wie eine große Ersatzfamilie. Immerhin treffen sich die Performance-Künstler im Schnitt zweimal pro Woche zur Probe im Feldstraßen-Bunker.

19 Mitglieder hat das Ensemble derzeit, fast ebenso viele Nationen sind vertreten. Die Neuzugänge, sogenannte Shootingstars, präsentieren sich jetzt erstmals mit erfahreneren Hajusom-Akteuren. "Es ist schön zu sehen, wie die Älteren für die Jüngeren übersetzen und so eine Brücke schlagen", sagt Ella Huck, die ihre Haare kunstvoll unter Tuch und Wollmütze verbirgt. Zehn Jahre zählt der Jüngste, 49 der Älteste, Omied Khademsaba aus dem Iran. Mit seiner glitzernden Robe erinnert er ein wenig an den indischen Superstar Shah Rukh Khan.

Huck hockt auf dem Bühnenboden, das Skript vor sich ausgebreitet, und ruft: "Bitte alle im Kreis zusammenkommen, ihr Lieben!" Auch Sitarspieler Ashraf Sharif Khan gesellt sich dazu. Ebenso Viktor Marek, der rein optisch schon die Verbindung zweier Welten verkörpert. Über einem blauen Sari trägt der Elektro-Musiker eine alte Trainingsjacke, Insignie des Pudel-Club-Umfelds, aus dem er stammt. Fünf starke Eigenkompositionen hat Marek zusammen mit Khan für "Hajusom in Bollyland" arrangiert. Die CD wurde zur Promotion auf Schulhöfen verteilt, sogar einen iPod gab es zu gewinnen. Eine Aktion, die erneut zeigt: Hajusom, das 1999 gegründet wurde, ist kein gutmenschelndes Integrationsprojekt, das an der Wirklichkeit vorbei agiert. Und Huck bringt eine wirksame Kombination aus Geduld und Begeisterung mit für ihre meist jungen Akteure: "4, 3, 2, 1, zero", zählt sie einen rituellen Countdown, und das Gemurmel erstirbt, sodass sie in Ruhe Instruktionen für den ersten Song geben kann. "Beim Bhangra geht es sofort los. Ihr müsst aus den Kleiderhaufen explodieren!"

Sieben Stoffhügel bilden die Kulisse. Ihre Farben symbolisieren sieben Gefühlszustände, die in der indischen Dramaturgie Rasas genannt werden und aus denen sich das Musical "Bollyland" wie ein fein abgeschmecktes Curry zusammensetzt. Grün ist die Liebe, rot die Wut, schwarz die Angst, weiß die Komik, gelb das Heldentum, blau der Ekel und grau der Kummer.

"Der Begriff Rasa stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Saft, Essenz", wird die indische Choreografin Varsha Thakur später im Stück erklären. Und Huck erläutert vorab: "Es geht darum, all diese Emotionen zu durchleben, um zum Frieden zu gelangen." Und heftige Gefühle kennen die Mitglieder von Hajusom, heftiger vielleicht noch als der Durchschnittsdeutsche. Aminatu Jalloh etwa möchte erst gar nicht über ihre Vergangenheit in ihrem Geburtsland Sierra Leone sprechen. Als sie im Februar 2000 nach Hamburg kam, wütete in der westafrikanischen Republik immer noch der Bürgerkrieg.

"Hajusom hat mir viel geholfen", erzählt Jalloh, "ich sollte abgeschoben werden". Die Öffentlichkeit, die das Projekt herstellt, wirkt Misstrauen und bürokratischen Hürden entgegen. Mittlerweile hat Jalloh eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten, auf die Schauspielschule zu gehen ist ihr Traum und ihr Ziel. Jetzt aber begibt sie sich erst mal in die melodramatische Welt Bollywoods. "Wir haben mit Hajusom schon so vieles gemacht. Von Hip-Hop bis zu Swing. Das hier ist eine ganz neue Erfahrung", sagt sie und ergänzt: "Wenn ich zu der Musik tanze, dann genieße ich das einfach."

Hajusom in Bollyland 13.-15.1., 19.30, Kampnagel (Bus 172, 173) Jarrestr. 20, Tickets: 12,-, bis 16 J.: 8,-, Schüler: 5,-; www.kampnagel.de