Kino: "Howl - Das Geheul"

Heult doch! Ein Gedicht vor Gericht

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Volker Behrens

1955 sollte das Gedicht "Howl" des Beatpoeten Allen Ginsbergs gerichtlich verboten werden. Jetzt erzählt ein Spielfilm die spannende Geschichte.

Vor 54 Jahren hatte ein amerikanisches Gericht in einem ungewöhnlichen Fall zu entscheiden. Angeklagt war ein Gedicht. Der Vorwurf: Es sei obszön. Das Verfahren, das eigentlich die Verbreitung des Werks unterbinden sollte, hatte jedoch den gegenteiligen Effekt: Allen Ginsbergs Poem "Howl", das in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Das Geheul" erschien, ist zu einem Klassiker der Beat-Literatur geworden.

Ginsberg stand mit Jack Kerouac, William S. Burroughs und Neal Cassady für eine Gegenströmung in der amerikanischen Kultur, die als Beat Generation den amerikanischen Traum hinterfragte. Das Gedicht "Howl" verbindet in einer bildgewaltigen, poetisch überhöhten und vom Drogenkonsum angetriebenen Sprache Kritik an politischen Verhältnissen, Konsumkult und Gleichgültigkeit mit homoerotischen Bildern und Wahnvorstellungen. Berühmt ist sein Beginn: "I saw the best minds of my generation destroyed by madness" ("Ich sah die besten Geister meiner Generation im Wahnsinn enden"). Die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman bringen die Geschichte des Kunstwerks, seines Dichters und des Skandals nun ins Kino. Sie erzählen ihren komplizierten Stoff auf unterschiedlichen Ebenen und versuchen so, ein filmisches Äquivalent zur verbalen Virtuosität des Textes zu finden.

Ein Erzählstrang zeigt die erste öffentliche Lesung des Gedichts 1955 durch den jungen Allen Ginsberg (James Franco) in einer kleinen Galerie in San Francisco. In fiktiven Interviewpassagen erzählt Ginsberg außerdem, wie der Text entstand, wie ihn sein schwieriges Verhältnis zum Vater geprägt und wie er seine homosexuellen Neigungen entdeckt hat. Dieses Interview basiert auf dokumentierten Äußerungen Ginsbergs. Ein weiterer Erzählstrang zeigt Passagen des Gedichts, die der Künstler Eric Drooker in überbordende Animationen umgesetzt hat.

Die Rahmenhandlung des Films bilden die Gerichtsszenen. Sie zeigen zugleich den konformistischen Zeitgeist der Fünfzigerjahre, gegen den die Beat-Poeten rebellierten. Senator Joseph McCarthy blies damals zur Hetzjagd auf Kommunisten und Linksintellektuelle. Staatsanwaltschaft und Verteidigung bieten vor Gericht jeweils Literaturkritiker und -wissenschaftler auf, die beweisen oder widerlegen sollen, ob das Gedicht schuldig im Sinne der Anklage sei. Verzweifelt fragt der Staatsanwalt immer wieder, was bestimmte Textpassagen bedeuten, bis ihm ein Gutachter erklärt: "Man kann Poesie nicht in Prosa übersetzen."

Diese auf den Prozessakten basierenden Szenen zeigen, dass es um mehr geht als um Ginsbergs Text: In dem Land, das die Meinungsfreiheit und die Möglichkeit zum Streben nach dem persönlichen Glück in seiner Verfassung verankert hat, stehen diese Werte ebenso infrage wie die Freiheit der Kunst. Das erkennt am Ende des Films auch der zunächst offenbar anders denkende Richter. "Der Inhalt der Gerichtsakten hat uns fasziniert", sagt Jeffrey Friedman: "Der Gedankenaustausch und die Versuche, das Gedicht zu analysieren, führen zu einigen absurden Momenten." Die Regisseure bereiten mit ihrem dokumentarischen Spielfilm auf bemerkenswerte Weise ein Stück amerikanische Literaturgeschichte auf. Und das ohne jegliche staatliche finanzielle Förderung. Die kam schließlich aus einer ganz anderen Ecke. "Das Sundance Institute hat uns unterstützt", sagt Rob Epstein: "Robert Redford übernimmt dort solche Aufgaben, obwohl die eigentlich Regierungssache wären."

Zusammen mit seinem Koregisseur betreibt Epstein eine Produktionsfirma, die bislang auf Dokumentationen spezialisiert war, "Howl" ist ihr erster Spielfilm. Epstein und Friedman haben sich mit Filmen über die Situation homosexueller Künstler in der Gesellschaft wie "Gefangen in der Traumfabrik" einen Namen gemacht und zwei Oscars gewonnen. 1984 drehte Epstein die Dokumentation "Wer war Harvey Milk?" über den ersten schwulen Politiker, der sich offen zu seinen Neigungen bekannte. Im vergangenen Jahr gewann Sean Penn den Oscar als bester Hauptdarsteller, als er Milk in der Spielfilmfassung verkörperte. Barack Obama verlieh dem einem Mordanschlag zum Opfer gefallenen Kommunalpolitiker posthum die Friedensmedaille. Zur Preisverleihung eingeladen waren die Familie Milks, Sean Penn, aber auch Epstein und Friedman. "Wir haben den Präsidenten und die First Lady getroffen und mit ihnen über diese Dinge gesprochen. Das gab es vorher noch nie", freut sich Jeffrey Friedman.

Ob ihnen das mit ihrem kommenden Projekt auch gelingt, ist eher fraglich. Denn als Nächstes wollen sie einen Film über Linda Lovelace drehen. Die Hauptdarstellerin des trashigen Porno-Klassikers "Deep Throat" hat mehrfach ihre Lebensgeschichte komplett umgeschrieben. Epstein und Friedman wollen herausfinden, ob sie ausgebeutet wurde oder andere ausgebeutet hat. "Es wird dramatisch", verspricht Epstein.

"Howl - Das Geheul": Preview, heute, 20.00, Abaton, Eintritt 7,50/6,50. Anwesend ist Michael Kellner, der das Gedicht ins Deutsche übersetzt hat.