Offen gesagt

Die Angst vor dem letzten Vorhang

Ein Kommentar von Iris Hellmuth

Es kann ja auch gut gehen. Unzählige Beispiele gibt es, da zieht es alternde Diven noch einmal auf die Bühne, Leonard Cohen zum Beispiel, im vorigen Sommer. Als dieser die Berliner Waldbühne betrat, war er 75 Jahre alt, und Cohen brauchte das Geld. Es hätte ein schlimmes Konzert werden können, aber das Gegenteil geschah: Am Ende verneigten sich Fans und Kritiker - weil sich da einer, so verletzlich er war, noch einmal allen stellte. Er wahrte seine Würde.

Der Moment des Abtritts von der Bühne, er ist der wohl schwerste im Leben eines Künstlers, und Künstler meint in diesem Fall: Tänzer, Schauspieler, Sänger, aber auch Artisten und Sportler. Wie sehr wünscht man sich bereits jetzt für den Fußballer Michael Ballack, dass er den richtigen Zeitpunkt für den Abgang findet, so wie Oliver Kahn es konnte. Niemand musste ihn aus dem Tor der Nationalmannschaft tragen. Das hatte viel mit dem Gefühl für den eigenen Zenit zu tun und wohl auch mit Selbstliebe. Nur wer jahrelang seinen Selbstwert aus der Bewunderung Dritter gezogen hat, ist sich selbst nichts mehr wert, wenn all das vorbei ist. Was den tragischen Absturz so manches Kickers und Künstlers erklärt, wenn er nicht mehr die großen Bühnen bespielt.

Niemand schützt einen alternden Künstler vor sich selbst. Auch das zahlende Publikum nicht. Was Montserrat Caballé am Donnerstagabend passiert ist, war einer Diva unwürdig. Nichts ist dieses Mal gut gegangen.