Der Mann für die Manns

Arte zeigt Heinrich Breloers Kinofilm "Die Buddenbrooks" in einer TV-Fassung sowie ein Porträt des Regisseurs

Hamburg. Egal, wie Weihnachten wird - Freunde des Werks und der Person Thomas Mann werden Grund zur Freude haben. Denn Arte, Das Erste und der WDR zeigen "Buddenbrooks", "Weihnachten bei den Buddenbrooks" sowie den Dreiteiler "Die Manns - Ein Jahrhundertroman". Und an diesem Sonntag beginnt das Mann-Festival mit einem Porträt über Heinrich Breloer, der all diese Filme inszeniert hat.

Als 66-Jähriger gab er 2008 mit den "Buddenbrooks" sein Kinodebüt. Trotz opulenter Ausstattung und Stars wie Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz, August Diehl und Mark Waschke erntete der erfolgsverwöhnte TV-Regisseur für die Verfilmung der Saga einer Lübecker Patrizierfamilie einige harsche Kritiken. Das Publikum sah das anders: Rund 1,3 Millionen Menschen schauten den Film im Kino. Auch international stieß das Werk auf Interesse und konnte in 80 Länder verkauft werden. Breloer hat das versöhnt: "Wenn die Kritik recht hat, muss man ihr zuhören. Aber wenn sie gemein ist, wirkt sie verletzend." Jetzt kommt die Literaturverfilmung in einer 40 Minuten längeren Fassung als Zweiteiler ins Fernsehen. Die Verlängerung steht der Geschichte gut zu Gesicht, die Charaktere gewinnen Tiefe. Die Vorliebe des Regisseurs für eine der beiden Fassungen ist eindeutig: "Ich mag den Fernsehfilm lieber, weil er dem Roman näher kommt."

Das Werk des Lübeckers Mann hat sich der Kölner Breloer nach der Schule selbst erarbeiten müssen. "'Buddenbrooks?' So etwas lesen wir nicht", hatte seine Deutschlehrerin entschieden. Für die Anerkennung von Thomas Manns Erzählkunst fehlte es ihr ganz offensichtlich an Sensibilität. Breloer besuchte das Canisianum in Lüdinghausen, eine "katholische Kaderschule des Konservatismus", wie er heute sagt.

Wie merkwürdig es in dieser Erziehungseinrichtung zuging, hat Breloer 1987 in seinem Film "Geschlossene Gesellschaft" gezeigt. Schon damals deutete er auch den sexuellen Missbrauch von Schülern an. "Ich persönlich bin von dem Priester nicht angefasst worden. Vielleicht, weil ich noch zu klein war", sagt er, "aber es gab auch bei uns so einen." Auch von diesen Erfahrungen erzählt der Filmemacher in dem Porträt, das Arte am Sonntag ausstrahlt. Die 45-minütige Sendung gefällt ihm gut, bis auf den kuriosen Titel "Gedanken auf glitzernden Flügeln". Er wundert sich: "Bin ich etwa Rilke oder ein Schmetterling?"

Natürlich nicht, Breloer hat in Bonn und Hamburg Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. "Hamburg ist gut zu mir gewesen", sagt er, "ich überlege immer noch, ob ich nicht doch wieder dorthin ziehen soll." Seine Tochter arbeitet als Dozentin am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, seine Enkelkinder leben hier.

Das Liberale, das Gewährenlassen haben dem Studenten in den 60er-Jahren besonders gut gefallen. "Die Universität war offen, man war nicht gezwungen, dies oder das zu machen. Man musste sich selbst in Bewegung setzen." Das tat er ausgiebig. Im Studententheater arbeitete er mit Claus Peymann zusammen. Er besuchte Philosophie-Vorlesungen bei Carl Friedrich von Weizsäcker und über Psychosomatik in der Uniklinik Eppendorf. "Ich habe mich und mein Weltbild noch einmal umgebaut. Hamburg, die Stadt und ihre Menschen waren das Glück meines Lebens."

Unglücklich wäre er aber beinahe mit der Bürokratie an der Universität geworden. Er hatte seine Doktorarbeit schon fertig, da fiel der Philosophischen Fakultät auf, dass er im Abitur in Latein die Note 5 bekommen hatte. So wollte man ihn nicht promovieren lassen. "Ich musste tatsächlich das Latinum noch nachmachen, auch wenn ich schon verheiratet und Vater einer Tochter war." Breloer schaffte es, schrieb nebenbei Fernsehkritiken für die "Morgenpost".

Da erzählte ihm sein Lateindozent von einem Bekannten, einem Fernsehregisseur, der gerade für den NDR die Serie "Sympathy For The Devil" gedreht hatte: Horst Königstein. Breloer schrieb zunächst über ihn, dann freundeten sie sich an. Königstein machte ihn mit Leuten vom Radio und Fernsehen bekannt. "Das passte genau in meine Situation hinein, denn ich war auf der Suche."

Später sollten beide ein neues Fernsehgenre aus der Taufe heben. Im Dokudrama vermischten sie Spiel- und dokumentarische Szenen auf bis dahin nicht gesehene Weise. So entstanden Erfolge wie "Todesspiel" (aus dem Jahr 1997) über die Schleyer-Entführung oder "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (2001).

Seit den frühen Siebzigerjahren arbeiten Breloer und Königstein bereits zusammen. Auch das Drehbuch zu den "Buddenbrooks" haben sie gemeinsam geschrieben.

Derzeit sitzt der Kölner noch an einer anderen Geschichte ("Ich soll noch nicht darüber reden, aber Sie werden staunen") - aber er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann zu "seinem" Literaturnobelpreisträger zurückzukehren: "Einen Film über Thomas würde ich gern noch machen", sagt Breloer, "denn er wird immer meine große Liebe bleiben."

"Gedanken auf glitzernden Flügeln - Der Filmemacher Heinrich Breloer" So 16.35 Uhr Arte

Buddenbrooks 23.12., 20.15 Uhr Arte (Teil 1 und 2) und 27./28.12., jeweils 20.15 Uhr ARD