Die Sehnsucht des Insektenjägers

Die Hamburgerin Jessica Broscheit inszeniert das Kakerlaken-Opernprojekt "Krrk-Krrk" als Politparabel auf Kampnagel

Kampnagel. Die gemeine Küchenschabe, auch Kakerlake genannt, hat nicht viele Freunde. Ursprünglich aus den Subtropen kommend, ist das Insekt längst ein Kosmopolit. Seine Widerstandskraft ist berüchtigt. Kakerlaken sollen sogar Atomtests auf dem Bikini-Atoll überlebt haben. Die Hamburgerin Jessica Broscheit sah sich während eines Kuba-Urlaubs massiv mit dem Krabbelwesen konfrontiert. Nach ihrer Rückkehr breiteten sich die eingeschleppten Tierchen in ihrem Mietshaus aus. Der Kammerjäger musste ran.

Doch das Thema ließ sie fortan nicht mehr los. Eine Mottoparty zu Silvester war erst der Anfang.

"Das ist ja ein Berufsstand, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben will. Der wirkt unromantisch", sagt Broscheit, zupft an ihrem Anzug des Hamburger Anzuglabels Herr von Eden und schüttelt ihr asymmetrisch freches Kurzhaar. Bislang gilt sie in der Theaterwelt als unbeschriebenes Blatt. Das hinderte die 36-jährige Allroundkünstlerin an der Schnittstelle von Kunst, Design und Musik nicht, ein Konzept zu entwickeln und es beim Wettbewerb "Popera 2010 MikRo.Urban.Oper" von RockCity einzureichen. Broscheit gewann. An diesem Donnerstag feiert ihre Kammerjäger-Oper "Krrk-Krrk" Premiere auf Kampnagel. Einen albtraumhaften Gruselabend müssen Besucher nicht befürchten. "Man kann über das Naturthema auch die schöne Seite der Insekten öffnen, sie zu dem Pragmatismus des Kammerjägers in einen Gegensatz setzen", sagt Jessica Broscheit.

Erzählen will sie das über ein klassisches Operndrama. Sie entdeckt Parallelen zwischen dem Berufsstand des Schädlingsbekämpfers und dem Genre des Musiktheaters. "Die Oper hat viel mit Be- und Entschleunigung zu tun." Natürlich weckt das Thema sofort Assoziationen an Kafkas Käfer-Erzählung "Die Verwandlung". Jessica Broscheit schüttelt den Kopf: "Es geht eher um die Gefühlswelt der Figur. Darum, ein romantisches Bild von jemandem aufzubauen, der auf den ersten Blick nichts Romantisches an sich hat. Ich mag es, mit Gegensätzen zu spielen." Die Klangkulisse bildet die Erinnerungen der Hauptfigur ab. "Die Emotionen, die der Kammerjäger auslöst, werden von der Musik weitergetragen", sagt Broscheit. Auf einer höheren Ebene öffnet sie einen futuristischen Raum der Abstraktion. Über den Fallen stellenden Kammerjäger und seine Tätigkeit des Erspürens und Beobachtens der kleinen Insekten erzählt Broscheit von Machtkonstrukten, von der modernen Arbeitswelt und vom Sicherheitsstaat.

Broscheit, selbst Autodidaktin, hat sich für das Projekt mit illustren Mitstreitern aus der Hamburger Kulturszene zusammengetan. Als ihr ein Freund den hochgewachsenen Schauspieler Uwe Preuss vorstellte, sah sie gleich den idealen Kammerjäger vor sich. Flankiert wird er von der Sängerin Constanze Stock, dem Komponisten Edvin Adler, dem Beatboxer Mark Boombastik, dem Kontrabassisten Andrew Krell und dem finnischen Organisten Timo Valtonen. Die Kostüme entwirft Bent Angelo Jensen, besser bekannt als Kopf des Anzuglabels Herr von Eden. Musikalisch verspricht der Abend ein Mix zu werden aus elektronischen Sounds, Rückkopplungen, die sich zu einer Sinfonie formieren und unverstärkter Klassik.

Das Line-up schürt Erwartungen an die Debütantin, die jedoch eine große Gelassenheit ausstrahlt. Die verdankt Broscheit, als Tochter eines Musikers und einer Friseurin in Winsen an der Luhe geboren, wahrscheinlich ihrer farbigen und vielseitigen Biografie.

Die studierte Grafikdesignerin (Lead Award 2009 für die Artdirektion der "Herr von Eden"-Kampagne) ist nach Stationen in Londoner Designbüros und in der Filmrequisite ("Effi Briest", "Fleisch ist mein Gemüse") als DJane und Veranstalterin von Kunstprojekten wie "Ding Dong" im ehemaligen Karstadt-Gebäude in Altona oder "Hotel Fox" in Kopenhagen auf den Geschmack gekommen, "eigene Welten zu erschaffen". Auch wenn sie einräumt, dass das Projekt ein Sprung ins Ungewisse sei. "Ich hole mir aus dem Visuellen den Inhalt", sagt Broscheit. "Aber es ist toll, Leute dazu einzuladen, eine Vision, die man im Kopf hat, gemeinsam zum Leben zu bringen."

Jawohl. Auch wenn die Vision sechs Beine hat und krabbelt.

Krrk-Krrk. Eine Kammerjäger-Oper Do 16.12. (Premiere) bis Sa 18.12., jew. 20.00, Kampnagel (Bus 172, 173), Jarrestraße 20, Karten 8,- bis 12,- unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de