Fernsehen

Betrugsskandal: Ki.Ka vermisst vier Millionen Euro

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Der Herstellungsleiter Marco K. soll den Sender fast fünf Jahre lang mit Scheinaufträgen an eine Berliner Firma um Millionen betrogen haben.

Hamburg. Welcher der mittlerweile recht zahlreichen Skandale der Öffentlich-Rechtlichen dem Image von ARD und ZDF am abträglichsten war, lässt sich schwer sagen. War es die Affäre um die NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze, die eigene Drehbücher und Skripte ihres Mannes dem Sender unter Pseudonym verkaufte? War es der Skandal um die Sportchefs von HR und MDR, Jürgen Emig und Wilfried Mohren, die sich bestechen ließen? Oder doch die zahlreichen Schleichwerbe-Skandale von Produktplatzierungen im "Marienhof" bis zu der für die Weight Watchers schleichwerbende ZDF-Moderatorin Andrea Kiewel?

Der aktuelle Skandal um den Ki.Ka-Herstellungsleiter Marco K., der seit Ende 2005 72 Scheinaufträge im Wert von mehr als vier Millionen an die Berliner Koppfilm vergeben haben soll, dürfte jedenfalls die kostspieligste Affäre von ARD und ZDF gewesen sein. Dabei steht die Schadenssumme noch gar nicht genau fest: Es ist nicht auszuschließen, dass zumindest für einige der Aufträge Leistungen erbracht wurden. Die Summe könnte aber auch viel höher sein: Die Staatsanwaltschaft in Erfurt, wo der Ki.Ka seinen Sitz hat, prüft nur Aufträge ab dem 1. Dezember 2005. Ältere Betrugsdelikte wären verjährt. Die Revision des MDR, die federführende Anstalt beim Ki.Ka, untersucht dagegen auch weiter zurückliegende Fälle.

Der Ki.Ka-Mann, hinter Senderchef Steffen Kottkamp die Nummer zwei im Kinderkanal, soll sich die unterschlagenen Beträge mit Koppfilm-Geschäftsführer Fabian B. geteilt haben, der bereits im Oktober Selbstanzeige erstattet hatte. Zuletzt soll K., der mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, sogar 60 Prozent der Summe für sich behalten haben. Sein Motiv, heißt es in Branchenkreisen, sei Spielsucht gewesen. Angeblich machte sich der 43-Jährige verdächtig, als er im Erfurter Spielkasino mit den Beträgen prahlte, die ihm zur Verfügung stünden.

Der Fall wirft Fragen auf: Wie konnten in einem relativ kleinen Sender wie dem Ki.Ka, der am Standort Erfurt über einen Jahresetat von nur 37,5 Millionen Euro verfügt, Unterschlagungen von knapp einer Million Euro jährlich so lange unentdeckt bleiben? Beim Ki.Ka gibt es das Vier-Augen-Prinzip: Aufträge müssen von zwei Personen abgezeichnet werden. K. soll die Summen, die an die Koppfilm gingen, aber so gestückelt haben, dass außer seiner eigenen nur noch die Unterschrift eines Untergebenen erforderlich war.

Nach einem Volontariat beim Fernsehen der DDR, einer Ausbildung an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg sowie einer Zwischenstation beim MDR kam K. 1996 zum Ki.Ka. In Erfurt ist der Herstellungsleiter eine Größe. Ende 2009 kürten ihn die Leser der "Thüringer Allgemeinen" neben Prominenten wie Yvonne Catterfeld, Clueso und Nike Wagner zu einem der "100 wichtigsten Thüringer".

Einer, der K. sehr gut kennt, arbeitet mittlerweile in Hamburg. NDR-Programmdirektor Frank Beckmann war als Ki.Ka-Geschäftsführer von 2000 bis 2008 sein direkter Vorgesetzter. Er mag sich mit Rücksicht auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht zu dem Fall äußern.