Zum 80. Geburtstag

Der Grandseigneur von der Alm: Maximilian Schell

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Klaus Witzeling

Foto: dpa / dpa/DPA

Regisseur, Schauspieler und mitunter Weltstar - Der Schweizer Maximilian Schell feiert heute seinen 80. Geburtstag und ist immer noch auf der Suche.

Hamburg. Er müsste diesen Schal nicht tragen, dort oben auf der Alm, wo er ja eigentlich herkommt und niemand sonst einen Schal trägt, aber Maximilian Schell ist dieser Mann, wie es ihn in Deutschland nicht viele gibt. Ein Künstler und Weltmann, und jetzt sitzt er auf der Bank vor dem Holzhaus, wo er mit Sissi Hüetlin für die Filmbiografie "Mein Leben - Maximilian Schell" (2010) plaudert. Schal tragend. Die bedächtige Sprechmelodie verrät den Schweizer. Aber Schell bleibt selbst auf der grünen Wiese Grandseigneur. Und wohl nicht nur der Kamera zuliebe; das ist sein Stil, spürbar bodenständig, er ist eben alles andere als ein Bergbauer. Maximilian Schell, der Mann mit dem weißen Vollbart, den gütigen, zuweilen schelmisch aufblitzenden und auch mal traurigen Augen, der mehr an einen griechischen Philosophen erinnert als einen urigen Schweizer, feiert heute seinen 80. Geburtstag.

Auf der von den Eltern geerbten Alm im Grenzland von Kärnten und Steiermark erzählt Schell auch die Anekdote von seinem ersten Theaterauftritt. Als Vierjähriger spielt er in einem "Blumenstück" seines Vaters, des Schweizer Dichters Hermann Ferdinand Schell. In Begleitung eines Veilchens musste er sagen: "Ich bin keine Blume/ Wisst Ihr was?/ Und doch eine Blume/ Ich bin Gras." In den Versen, in der Rolle zeichnet sich das spätere Drama seines Lebens ab, es nicht zur vollen Starblüte gebracht zu haben wie seine Schwester Maria. Neben der Älteren, dem Veilchen, blieb er der Grashalm, durchschnittlich, doch beschenkt mit viriler Attraktivität, ein Homme à femmes. Wie Schell in jedem Interview betont, hat er zeitlebens in ihrem Schatten gestanden - bis er sie in seinem ausgezeichneten Dokumentarfilm "Meine Schwester Maria" als Schatten ihrer selbst zeigte. Eine späte, doch keineswegs lieblose Rache.

Den Schauspieler Schell verbindet eine besondere Geschichte mit Hamburg. Er stand in der Abschiedsinszenierung von Gustaf Gründgens 1963 als "Hamlet" auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses. Damals ein blendend aussehender, doch eher mittelmäßiger Schauspieler von der deklamatorischen Fraktion (wie es Film- und Ton-Dokumente beweisen), konnte er einen Triumph feiern.

Im Jahr zuvor hatte Schell einen Oscar und einen Golden Globe als Bester Hauptdarsteller für seinen ahnungslosen deutschen Strafverteidiger in Stanley Kramers Film "Das Urteil von Nürnberg" erhalten und erfreute sich einige Zeit internationaler Aufmerksamkeit. Und das nicht nur in der Klatschpresse wegen seiner Liaison mit der persischen Ex-Kaiserin Soraya. 30 Jahre später betrat er dieselbe Bühne als Professor Henry Higgins in "My Fair Lady" - und musste einen Flop einstecken. Die schlampige, mit seinem Namen protzende Musical-Produktion wurde nach wenigen Vorstellungen abgesetzt.

Dieses Auf und Ab von Erfolgen und Niederlagen kennzeichnet die Laufbahn des kleinen Bruders von Maria Schell. Älteren Leuten sind drei seiner Filme im Gedächtnis geblieben: "The Young Lions" mit Marlon Brando, "Das Urteil von Nürnberg" und sein smarter Juwelendieb im Istanbul-Krimi "Topkapi" mit Peter Ustinov. Sie haben ihn als Zar Peter im Fernsehen gesehen oder seine Serie "Der Fürst und das Mädchen" (2002 - 2007) verfolgt. Den Jüngeren ist Schell vielleicht noch als Moderator von "Terra X" bekannt. Den weißen Schal umgeworfen, präsentiert der passionierte Kunstsammler Schätze aus der Geschichte.

Hinter der Kamera war Schell zuweilen erfolgreicher als davor. Seine Autorenfilme "Der Fußgänger" und "Der Richter und sein Henker" nach Friedrich Dürrenmatts Erzählung sowie die Dokumentationen über Marlene Dietrich und seine Schwester Maria brachten dem Regisseur Preise. Als einer der wenigen deutschsprachigen Künstler hat er es immerhin geschafft, auch in London und Los Angeles erfolgreich zu arbeiten oder aufzutreten.

Als Weltstar hat sich Maximilian Schell jedoch nie bezeichnet, als solcher vielleicht posiert, diesen Ruf genossen. Im Inneren weiß er, spricht es auch aus: Er ist ein Künstler auf der Suche nach seinen Talenten geblieben. Im Klavierspiel, Schreiben, Spielen und Zeichnen versiert, hat sich der gebildete Musensohn bei seinen ambitionierten Versuchen verloren und bekennt: "Ich führe heute noch sehr viele Leben." Eines davon als Erbhalter auf der Alm.