Jon Spencer Blues Explosion

Da erblassen selbst die besten Skispringer

Foto: Jahnke

Die Jon Spencer Blues Explosion beherrschte im Knust das ungestüme Musizieren, den Bass-Verzicht und den Telemark-Schritt.

Hamburg. Neben mir schreit ein Mann immer wieder "Blues Explosion! Blues Explosion!" Übermäßiger Bierkonsum hat seine Augenlider schwer werden lassen, sein Sprachvermögen scheint auf zwei Wörter reduziert zu sein. Sein monotones Geschrei ist Ausdruck tiefer Begeisterung über die drei Musiker auf der Bühne des Knust, und die teilt dieser angetrunkene Fan mit denen, die ohne Rauschmittel auskommen. Wie den beiden Zwillingsschwestern, die sich vor Konzertbeginn am Merchandising-Stand mit Vinyl beschenkt haben und die Platten jetzt wie eine Trophäe in den Händen halten. "Blues Explosion!", schreit auch Jon Spencer zwischen den Songs immer wieder mal, mehr als Anfeuerung als für seine kleine Band, denn die gibt sich vor fast ausverkauftem Haus total aus.

Hinterm Schlagzeug sitzt Russell Simins, ein Trommler mit einem mächtigen Bauch und einem harten Schlag. Er ist das rhythmische Gerüst der Jon Spencer Blues Explosion, denn einen Bassisten schenkt sich das Trio aus New York. Neben ihm steht Judah Bauer, der Gitarrist. Showeffekte sind ihm fremd. Stoisch - wie ein Bassist - steht er hinter dem eigentlich überflüssigen Mikro und spielt mit der Lässigkeit, wie sie nur jemand haben kann, der jahrelang Blues und Rock 'n' Roll gelebt hat. Bauer ist das Zentrum des Trios. Er bestimmt die Rhythmuswechsel, er haut die Blues-Riffs raus, er spielt die kurzen und pointierten Soli.

Bandleader, Sänger und Rhythmusgitarrist Jon Spencer, genauso schlaksig wie Bauer, ist die Rampensau der Band. Er ist ein Meister des Telemark-Schritts mit Gitarre, der jedem Skispringer zur Ehre gereichen würde. Spencers Songtexte bedienen sich zwar bei bluestypischen Themen, doch musikalisch wird der Blues dekonstruiert und mit anderen Stilen vermischt. Vor allem schnelle Rockabilly-Rhythmen tauchen immer wieder auf.

Das Publikum hat viel Spaß an Spencers wilder Performance. In der Mehrzahl sind es männliche Rockfans jenseits der 40, die sich freuen, dass die Jon Spencer Blues Explosion überhaupt mal wieder nach Deutschland auf Tour gekommen ist. Entsprechend groß ist nach dem gefeierten 90-minütigen Auftritt das Gedränge am Merchandising-Stand. Auch die Zwillingsschwestern werfen noch einen kurzen Blick auf die ausgestellten Platten, Poster und T-Shirts. Strahlend, mit ihren Platten unterm Arm, verlassen sie den Klub. Man ahnt, was sie zu Hause als Erstes tun werden: Plattenspieler anwerfen, noch mal "Extra Width" und "Orange" hören und vielleicht noch einmal in aller Ruhe "Blues Explosion!" schreien.