Literatur

Die Möwe auf dem Fahrradhelm

Foto: Siri Juell Rasmussen

Für ihren neuen Roman "Sommersprossen auf den Knien" hat die Norwegerin Maria Parr gerade den "Luchs" des Jahres 2010 bekommen

Ein Mädchen fährt Ski in einem einsamen norwegischen Tal. Es stürzt sich die Hänge nur so hinunter und singt dabei, dass die Töne zwischen den Bergen ringsum tanzen. Tonje muss sich auch Mut zusingen, denn es kribbelt ganz schön in den Beinen, und nach einem Sprung über eine Felskante landet sie kopfüber im Schnee. Zum Glück hat der alte Gunnvald, ihr bester Freund, die Sache von Weitem verfolgt.

Aus der Flut von Fantasy- und All-Age-Büchern und was dergleichen Zugeständnisse an den Buchmarkt sind, ragt "Sommersprossen auf den Knien" heraus. Der neue Roman der 29-jährigen Norwegerin Maria Parr, von Christel Hildebrandt in unangestrengtes Deutsch übertragen, ist auf wunderbare Weise nicht mehr und nicht weniger als ein Kinderbuch. Soeben haben Parr und Hildebrandt den Kinder- und Jugendbuchpreis "Luchs" des Jahres 2010 bekommen, den die Wochenzeitung "Die Zeit" und Radio Bremen vergeben.

Wer angesichts der Ingredienzien an Astrid Lindgren denkt, der liegt zwar nicht völlig falsch, aber dann doch ziemlich: Der Roman teilt mit den Büchern der unvergessenen schwedischen Kinderbuchautorin den idyllischen Rahmen, den liebevollen Blick auf die kindliche Heldin und den Ernst, den das Buch seinen Lesern entgegenbringt. Doch Parr ist keine Epigonin. Sie trifft ihren eigenen Ton. Sie setzt ihre eigenen erzählerischen Maßstäbe, hohe Maßstäbe, und sie löst sie ein.

Allein wie sachte sie ihre jungen Leser mit dem Rahmen der Geschichte vertraut macht, bevor die an Fahrt aufnimmt, und wie fast beiläufig sie das Drama um den alten Gunnvald aus der Sicht der zehnjährigen Tonje erzählt und dabei Tonjes Entwicklung im Fokus behält, ist hohe Kunst.

Die Autorin erklärt wenig. Ihre Figuren sind beredt genug: der älteste Sohn einer Alleinerziehenden etwa, durch dessen Wortwahl die Verzweiflung der überanstrengten Mutter hindurchschimmert. Parr spricht ernste Themen kindgerecht und ganz ohne pädagogischen Zeigefinger an: Menschen machen Fehler, unverständliche, unkorrigierbare, sie verlassen und verletzen einander - und es ist nie die Schuld der Kinder; dieses eine Mal insistiert Parr. Es gibt nicht nur heile Familien auf der Welt. Sogar Tonje, die so gar keine Göre ist, sondern ein geliebtes, freches Kind mit unbestechlichem Gespür für Anstand und Gerechtigkeit, trägt ihr Päckchen: Ihre Mutter forscht auf einem Schiff über das schmelzende Polareis und ist monatelang fort von zu Hause. Und das einzige Kind im ganzen Glimmerdal zu sein - so heißt das Tal, und so lautet auch Tonjes Nachname - ist ein Schmerz, den sie zunächst hinter einem trotzigen Stolz verbirgt.

Übernatürliches braucht Parr nicht, um packend und immer wieder urkomisch zu erzählen: Wer fährt schon Fahrrad mit einer Möwe auf dem Kopf? Wer traut sich schon mit dem Rennrodel so todesmutig zu Tal, dass er, nein sie, bis zum Hafen hinunterschießt und gerade noch auf dem Schiff landet statt im Wasser? Und wer hat je hinter einem Wasserfall in einer Höhle gesessen und eine berühmte Geigerin spielen gehört?

Wie nebenbei kommen immer wieder Bücher und Märchen vor, die so individuell ausgewählt scheinen, dass man nicht umhinkann, darin autobiografische Anklänge zu sehen. Tonje ist ein belesenes Kind. Sie kennt Ronja Räubertochter und das schaurige Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern; zu dem norwegischen Märchen von den drei Böcken Bruse erfindet sie kurzerhand einen vierten hinzu, um ihren Freund Gunnvald zu trösten. Und passend zu Johanna Spyris "Heidi" taucht sogar eine echte auf, allerdings eine ziemlich herbe.

Wie bei Spyri spielt auch bei Parr die innige Verbindung mit der Natur eine tragende Rolle. Tonje kennt jeden Stein und jede Wegbiegung. Am Schluss verbinden sich die Klänge von Gunnvalds und Heidis Geigen mit dem Rauschen des Flusses, und Parr findet nicht nur ein diskretes Happy End, sondern verschmilzt zwei wesentliche Motive ihres Buchs, die Musik und die Natur, zu einem anrührenden Gesamtklang.

Die vier Berggipfel wiederum, die stillen Begleiter des Lebens im Glimmerdal, sind für Parr und ihre kleine Heldin geradezu Personen. Und wenn Tonje mal wieder singend durchs Tal saust - sehr zum Ärger des kinderfeindlichen Campingplatzbetreibers -, dann lächeln sie einander zu.

Maria Parr: "Sommersprossen auf den Knien". 256 S., Cecilie Dressler Verlag, 12,95 Euro