Vorlesung

Kein Trost, nirgendwo

Foto: Toni Härkönen

Die finnische Autorin Sofi Oksanen liest aus ihrem psychologisch fein gesponnenen Familienroman "Fegefeuer"

Universität. Als Mann fühlt man sich eher schlecht, wenn man Sofi Oksanens Roman "Fegefeuer" liest, die Männer sind nämlich ziemliche Scheusale in diesem starken Stück Prosa. Sie morden und kriegen, sie beuten Frauen aus und sie foltern. Ob man sich als Este schlecht fühlt, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten; zumindest aber wird man als solcher durch das Buch der Finnin Oksanen (mütterlicherseits stammt sie aus Estland) mit der traumatischen Vergangenheit des Landes konfrontiert, in dem mal die Deutschen sagten, wo es langgeht, und mal die Russen. In Estland hat sich das Grauen der Besatzung in das kollektive Gedächtnis gefressen, es ist eine Geschichte, die in anderen Ländern kaum bekannt ist.

Als sich der Sozialismus des kleinen Landes, man könnte es fast unbedeutend nennen, bemächtigte, entwickelte sich nach der Niederlage der Nazis gar nichts zum Guten. Estland wurde ausgebeutet von den Herren aus Moskau.

Oksanen war bereits im September in Hamburg zu Gast, sie las auf dem Harbour Front Literaturfestival. Damals erzählte sie, die 33-jährige Frau mit den schwarzen Dreadlocks, dem Publikum, wie sie an ihren Stoff kam: Sie studierte KGB-Akten. Das Schicksal der poetisch verdichteten und entfalteten Figuren, die in "Fegefeuer" eine Art Zirkelgeschichte aufführen, indem sich Kreise schließen und die Umstände immer auf das gleiche Resultat zulaufen, gab es so oder so ähnlich tatsächlich in dem kleinen Land. Diese Menschen müssen sich verstecken. Vor dem Leben, dem Schicksal, dem Mahlstrom der Geschichte.

Es geht um Aliide Tru, eine alte Frau in Estland, und um ihre Großnichte Zara, die bei ihr Zuflucht sucht. Aliide weiß nicht, wer Zara ist; dabei ist ihr Leben auf ähnliche Art und Weise dramatisch verlaufen. Die Lebensläufe der beiden sind auf unheilvolle Weise miteinander verbunden. Die Geschichte spielt um die Zeit, als der Eiserne Vorhang fiel, sie holt allerdings weit aus in jene Zeit, als die Deutschen mit ihren Soldaten nach Osten zogen und nach deren Scheitern dann die Russen versuchten, ein großes Reich zu errichten.

Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie in Berlin zur Hure gemacht haben, eine junge, hoffnungsvolle Frau.

Aliide, die etwas skurrile alte Frau, wittert auf paranoide Weise in der jungen Frau eine Bedrohung. Das denkt man zunächst als Leser, ehe sich die Lebensgeschichte der Alten vor einem entblättert; dann werden die Gespinste Aliides nachvollziehbar, wenn man so etwas sagen kann angesichts der Lebensumstände, wie sie in friedliebender Zeit herrschen. Die Geschichte Aliides ist unrettbar verloren in einer Familientragödie, die sich auf schmerzliche Art dem Leser mitteilt. Jene Tragödie setzt sich wie ein Puzzle zusammen: Da sind die verzweifelten Niederschriften einer Figur namens Hans, die sich in einer Kammer versteckt, weil sie als Partisan für die Freiheit Estlands kämpft. An Hans hatte Aliide einst ihr Herz verloren; aber der nimmt sich die Schwester Ingel. Es ist die narzisstische Kränkung, die in diesem psychologisch fein gesponnenen Werk den persönlichen Dramen vorausgeht. Ingel wird vom KGB abgeholt, sie überlebt das Arbeitslager. Aber ihre Tochter und ihre Enkelin müssen in der Fremde aufwachsen, nicht in der geliebten Heimat. Der Verlust durchzieht dieses Buch, das in Finnland ein Bestseller war und mittlerweile in 25 Sprachen übersetzt wurde und in nahezu 40 Sprachen erscheint.

Das Schicksal ist unerbittlich, wenn die Zeiten so sind, wie sie sind. Trost gibt es nicht in diesem fesselnden Roman, der seine Qualität aus dem gelungenen Perspektivenwechsel bezieht. Es ist eine Kunst, so nüchtern über menschliche Abgründe zu schreiben. "Fegefeuer" ist ein Geschichts- und ein Familienroman: Zusammen ergibt das ein Schmerzensbuch.

Sofi Oksanen: heute, 18.00, Universität Hamburg, Institut für Finnougristik/Uralistik (Bahnhof Dammtor), Johnsallee 35