Euphorische Schwitzkur zu Elektro-Indierock

Two Door Cinema Club verwandelte das ausverkaufte Docks in eine große Tanzhalle

Hamburg. "Was läuft denn hier heute?", fragt sich ein Touristenpärchen angesichts der Schlange junger Menschen auf dem Spielbudenplatz. Bier von der Ecktanke und Glühwein vom Weihnachtsmarkt "Santa Pauli" verkürzen und erwärmen die Zeit der Wartenden im einbrechenden Winter. Doch die Fans, die da stehen, werden sich bald in die Kühle zurückwünschen. Denn ein ausverkauftes Docks wie am Freitag bedeutet drangvolle Enge, vor allem, wenn mit Two Door Cinema Club eine Hipsterband aufspielt, deren treibende Indiesongs zur Ekstase zwingen.

Bevor aber die Nordiren die Menge elektrisieren, setzt das Londoner Quintett Chapel Club mit seinem getragenen Gitarrensound und durchdringendem Gesang vorab einen schönen Kontrapunkt zur anstehenden Hysterie.

Die Pausenmusik vor dem Hauptact hingegen erinnert schon stark an Autoscooterdisco und ist zur Stimmungsmache so unnötig wie der Konzentrationsverstärker Ritalin für Kinder kurz vor der Bescherung. Sprich: Vorfreude und Aufmerksamkeit sind ohnehin riesengroß. Im Fall von Two Door Cinema Club zu Recht. Zum Blitzlichtgewitter laufen die vier Jungs ein, angeführt von Sänger und Gitarrist Alex Trimble, einem rotblonden Bleichgesicht.

Schon bei den ersten Takten von "Cigarettes In The Theatre", dem Opener ihres Debütalbums "Tourist History", verwandelt sich das Publikum in einen rhythmisch ausrastenden Mob. Eine Frau scheint auf den Schultern ihres Begleiters zu dem Mix aus Pop, Rock und Elektro einem regelrechten Glücksanfall zu erliegen. Dabei sieht das Quartett keineswegs aus wie auf Trend gebürstet, sondern scheint mit den akkurat zugeknöpften Hemden eher aus dem College ausgebüxt zu sein.

Hits wie "Undercover Martyn", "Do You Want It All" und "This Is Life" leben nicht nur von ihren griffigen Melodien und Slogans in Dauerschleife, sondern vor allem von klugen Tempiwechseln und Brüchen, nach denen der schwelgerische Gesang und mit ihm die Euphorie umso schöner losbrechen kann.

"Zuletzt haben wir hier im Molotow gespielt", erinnert sich Bassist und Keyboarder Kevin Baird mit Verweis auf den kleinen Kiezklub. Die Musiker scheinen fast schon verwundert, dass jedes ihrer Worte, jeder ihrer Akkorde in Hamburg frenetisch bejubelt wird. Und sie werden nicht müde, sich auf Englisch und mit einigen Brocken Deutsch immer wieder höflich bei ihren - sehr textsicheren - Fans zu bedanken.

Als Two Door Cinema Club dann als Zugabe ihren Überhit "Come Back Home" spielt, gibt es kein Halten mehr in diesem karussellartigen Konzert. Die Gesichter glühen glänzend und glücklich. Die Luft, eine Schweißwolke. Wer war noch gleich dieser Winter?