Cecil Taylor, übernehmen Sie!

Komponierter Free Jazz und Alphornmusik zum Abschluss der "Hamburger Klangwerktage"

Hamburg. Der Anblick allein war fast schon das Kommen wert. Blank poliert wie in einem Autosalon für schwarze Edel-Coupés standen sieben ihres Deckels beraubte Flügel im Halbkreis auf der Bühne der K 6 von Kampnagel, davor ein improvisiertes Dirigentenpult. Dass sich mit 70 Fingern auf sieben Mal 88 Tasten allerhand Unerhörtes anstellen lässt, bewiesen zum Abschluss der diesjährigen "Hamburger Klangwerktage" die sieben Pianisten, die Mathias Spahlingers Komposition "Farben der Frühe" aufführten.

Das Werk stellt extrem hohe Anforderungen an die Interpreten und an die Aufnahmefähigkeit der Hörer. Auch wenn vieles darin wie auskomponierter Free Jazz klingt, sind die Pianisten doch dem Diktat präziser Notation unterworfen. René Gulikers lotste sie unfehlbar durch die häufig wechselnden Taktarten. Doch bei allem Respekt vor dem Aufwand wuchs von Minute zu Minute die Sehnsucht nach einem Solo-Konzert von Cecil Taylor, der improvisierend allein ein Vielfaches der hier frei gewordenen Energie entfesselt.

Ein spannendes Gespräch zwischen Spahlinger und dem Münchner Maler Bernd Zimmer über Form und Farbe in Musik und Malerei erschwerte zuvor eine scheinkluge Moderatorin, die im Ton einer Undercover-Reporterin weitschweifig ihr Wikipedia-Wissen über die Künstler ausbreitete, statt sie selber reden zu lassen.

Wirkte Spahlingers Werk stellenweise wie eine wütende Meditation, evozierte Morton Feldmans Klavierquintett "Five Pianos" zu Beginn eine Sphäre jenseits aller Emotionen. 30 Minuten lang paraphrasieren fünf Pianisten in sanfter Verschränkung eine neuntönige Reihe. Mit ihren wie mit dem Wattebausch aufgetragenen Mehrklängen, Pausen und der Abwesenheit jeder dynamischen Entwicklung klang diese bis zur Ödnis geruhsame Musik wie ein Mantra, das lauten könnte: Es gibt nichts zu suchen, nichts zu finden.

Dem diesjährigen Klangwerktage-Motto "Naturklänge" widmeten sich die vier tollen Alphornbläser von hornroh aus Basel. Mit den oft ungeraden Metren ihrer Musik kompensieren sie die melodische und harmonische Askese des Instruments, das weder Grifflöcher noch Züge und als spielbare Töne nur die aus der jeweiligen Obertonreihe zu bieten hat. Balthasar Streiff öffnete in einem Solo das Spektrum der Klänge mit ins Instrument gesungenen Tönen und Obertongesang. Das Quartett nutzte seine imposanten Hörner auch zum Spiel mit der Performance. Schöne Minderheitenmusik, so schützenswert wie die Alpen.