Beiläufig boshafte Bürgerlichkeit

Regula Venskes "Rent a Russian" erscheint als 10. Band in der Abendblatt-Krimibibliothek

Auf der Uhlenhorst lässt sich's gut leben - zur Idylle gehören großzügige Altbauwohnungen, die Alster mit ihren Kanälen, Kitas und Kinderboutiquen, Stammrestaurants um die Ecke. Selbst das kleine Verbrechen gehört hier so beiläufig boshaft zum Alltag wie der bürgerliche Lebensstil, der vieles aushält: die Geliebte neben der Ehefrau bei SPD-Arbeitswochenenden, der Exhibitionismus auf dem Balkon zum Kanal, das frustrierte Liebesleben einiger Singles und deren Versuche, es sich auch im Gefühlsleben heimeliger zu machen.

Das haben vor allem zwei Frauen vor: Vera, die von den Eskapaden ihres Mannes kaum noch genervt ist, sondern insgeheim über den Ausbruch aus Langeweile und Kindererziehung nachdenkt. Was sie nicht weiß: Sie wird beobachtet von einem Mann, den sie Jahre zuvor mal in Moskau getroffen hat. Über eine Veränderung in ihrem Leben denkt auch Renate nach, Veras beste Freundin und erfolgreiche Anwältin, die auf ihrem Weg nach oben viele Kerl hat ziehen lassen und noch immer auf der Suche nach Mr. Right ist. Sie geht in dem heißen Sommer, in dem "Rent a Russian" spielt, einen für sie eher ungewöhnlichen Weg: Sie antwortet auf eine Kontaktanzeige.

Mit Renates Erkenntnis, dass die beiden Freundinnen mehr gemeinsam haben, als sie ahnen, nimmt eine quirlige Krimikomödie ihren Lauf, in der man lernen kann, dass man sich als Amateur-Gesetzesbrecher nie zu viel Gedanken machen kann. Denn was als erhitztes Spiel mit alternativen Lebensformen beginnt, erweist sich als Ausgangspunkt einer Kindesentführung, die eigentlich gar keine sein sollte, und eines nicht vollendeten genialen Mordplans.

Immer tiefer und mit diabolischer Freude lässt Regula Venske ihre Figuren in den Sumpf der bösen Gedanken abrutschen. Am Ende ist dann der Falsche tot, den es aber auch nicht wirklich ungerecht getroffen hat.

In ganz viel Lokalkolorit bettet Regula Venske die Handlung ihres lesenswerten Uhlenhorst-Krimis liebevoll ein, gleichzeitig würzt sie ihre Geschichte stets mit vielen giftig-süßen Bemerkungen. Sie zeichnet das Bild eines sehr hamburgischen Stadtteils. Ihre Uhlenhorster sind vor allem damit beschäftigt, dass beim Verzehr ihres Teils vom Wohlstandskuchen der Genuss nicht zu kurz kommt.

Und der ist vielfach gefährdet: durch Eheroutine, durchs Kinderkriegen, durch eigene Ängstlichkeiten, durch die vielen Anstrengungen, das Gesicht nicht zu verlieren. "Auf der Uhlenhorst, da setzt sich eine Mutter selbst ins Laufställchen, um so vor ihrem Krabbelkind geschützt ungestört Cello zu üben." Weil sie "auf keinen Fall den natürlichen Bewegungsdrang ihres Kleinen behindern möchte". Wen wundert's bei so viel Selbstkontrolle, dass hinter der Fassade die Lust am Befreiungsschlag wächst, dass mörderische Gedankenspiele in der Luft liegen und panikartige Ängste vor deren Entdeckung für irrwitzige Volten sorgen.

Es ist das Spiel mit der Erkenntnis, wie dünn und durchlässig die Trennwand ist, die die sonnigen Liegewiesen des vermeintlich Guten von den finsteren Abgründen des mutmaßlich Bösen teilt - in jedem Menschen, vom Taschendieb über den Spanner am Kanal bis zur enttäuschten Geliebten, vom kleinen Vandalen bis zum Emigranten auf der Suche nach einem Ruhepunkt im Leben. Regula Venskes Kunst in "Rent a Russian" ist es, die scheinbaren Gegenpole den gesamten Kriminalroman hindurch in einer leicht, heiter und ungezwungen wirkenden Balance zu halten.