Macht macht nicht glücklich, aber viel Vergnügen

Die erste "West Wing"-Staffel zeigt, wie spannend US-Politik ist

Ein demokratischer US-Präsident, clever, smart, moralisch integer. Auf einer Welle der Euphorie ins Oval Office gekommen und umgeben von ehrgeizigen Mitarbeitern, die alle seine Taten gegen böse Republikaner verteidigen müssen? Klingt nach Barack "Yes we can" Obama? Ist aber eine andere, wenn auch sehr ähnliche Erfolgsgeschichte.

In "West Wing", der mit Abstand besten TV-Show über Machtspiele vor und hinter den Kulissen des Weißen Hauses, verkörperte Martin Sheen in sieben Staffeln den Ostküsten-Intellektuellen Josiah Bartlet - und war dabei so gut, dass viele ihn womöglich wirklich in dieses Amt gewählt hätten. Die Ironie dieser Serie: Im Laufe der Jahre beobachteten die "West Wing"-Erfinder staunend, wie viele ihrer Ideen von der politischen Realität in den USA eingeholt wurden. Einer der Autoren ist übrigens Aaron Sorkin, dessen Handschrift das A und O für "Social Network" ist, den gerade im Kino laufenden Film über den "Facebook"-Gründer.

Für den realpolitischen Anschauungsunterricht im wöchentlichen Abendprogramm, bei dem Bartlets Crew eine nationale Krise nach der anderen auf die Schreibtische bekam, gab es haufenweise begeisterte Kritiken, weltweiten Fanjubel, drei Golden Globes und 27 Emmys. Die gerechtfertigte Begeisterung war so groß, dass sogar das ZDF in Mainz etwas davon mitbekam: Man blamierte sich 2005 mit einem noch nicht mal lauwarmen Aufguss, "Kanzleramt", der so miserabel war, dass er flott wieder aus dem Programm flog. Jetzt, endlich, ist die erste Staffel von "West Wing" auch auf dem deutschen Markt erhältlich. Die enorme Verspätung - vier Jahre nach dem anrührenden Ende des Originals - ist allerdings zu verschmerzen, denn die Klasse der Geschichten, der Charaktere und der rasiermesserscharfen Dialoge ist nach wie vor unerreicht.

West Wing - 1. Staffel (Warner)