Elektronische Musik

Digitalism: Ein Blitz zuckt um die Welt

Foto: EMI

In Winterhude produziert das Duo Digitalism international gefeierten Elektrosound. Nach drei Jahren meldet es sich jetzt mit neuer Single zurück.

Hamburg. Dieses eine Silvester vor zwei Jahren, da waren Jens "Jence" Moelle und Ysmail "Isi" Tüfekçi so richtig spät dran. Sie sollten in Neuseeland auftreten. Die Flüge aber waren entweder verspätet oder gestrichen. Also transportierte eine kleine Propellermaschine, die sonst Nonnen zum seelsorgerischen Einsatz bringt, die zwei Musiker zu der Party, auf der ihre akustische Lebenshilfe gefragt war.

"Wir haben das Feuerwerk von oben aus der Luft gesehen in sternenklarer Nacht. Das war super", erzählt Jence, ein blonder Schlaks, dessen Höflichkeit nicht zwingend auf den international gefeierten Elektropopstar verweist, der er ist. Denn normalerweise betrachten der 28-jährige Hamburger und sein Kollege den Funkenflug nicht aus der Ferne, sie verursachen ihn.

Ihre Shows als Digitalism sind lichtzuckende, soundstrotzende Ereignisse. Als befinde sich die Milchstraße in einem alten C64-Computer. Die Tracks mit ihren Melodien und Brüchen, ihren Schichten von Beats, Schlaufen aus Synthesizern und gesungenen Slogans scheinen zeitgleich zu im- und zu explodieren. Mit einem Spaceshuttle-ähnlichen, 300 Kilo schweren Gerätepark aus Mischpulten, Mikro, Drumpads, Boxen, Leinwänden und Stroboskopen beglückt das Duo seine Anhänger rund um die Welt.

Als 2007 ihr Debüt "Idealism" herauskam, etablierte sich das Album schnell zum Soundtrack für das coole urbane Leben, vereinte es doch genreübergreifend Elektro- und Indierock-Szene. Gut konnte es passieren, dass einem beim Bar- und Klubhopping in Berlin oder Hamburg stets aufs Neue Songs wie "Pogo" oder "Zdarlight" begegneten. Wenn heute also mit "Blitz" die erste Single seit drei Jahren veröffentlicht wird, ist das für die Fangemeinde schon ein mittelgroßes Fest - und eine gute Gelegenheit nachzufragen, wie es Hamburgs Elektro-Exporteuren Nummer eins als Party-Jetsetter so ergangen ist.

"2007 und 2008 waren wir mindestens jeweils 230 Tage im Jahr unterwegs", sagt Isi, ein bäriger baumgroßer Typ mit weicher Stimme. "2009 haben wir das Live-Spiel ein bisschen heruntergefahren, weil wir uns auf neue Musik konzentrieren wollten", erklärt der 31-Jährige. Und diese neue Musik, also die mit Spannung erwartete zweite Platte, die 2011 erscheint, entsteht derzeit wie ihre Vorgängerin im beschaulichen Winterhude.

Der Kontrast zwischen den gepflegten Edelboutiquen und Parfümerien einerseits und dem spröden chaotischen Charme des Bunkerstudios andererseits könnte größer nicht sein. Die leeren Pappbecher zwischen Technik, T-Shirts, Postern und Krimskrams zeugen jedoch davon, dass ein Laden für Digitalism ein wichtiger Standortfaktor ist: das Café Elbgold am Mühlenkamp. Koffein ist ohnehin ein gutes Stichwort. Denn Schlaf fand für das Duo in den vergangenen Jahren nicht unbedingt regelmäßig statt zwischen Flughäfen, Hotels und Bühnen.

Lediglich Afrika ist als Kontinent von Digitalism noch unbespielt. "Wir hatten auch Anfragen aus Kapstadt oder Johannesburg, aber es kamen zwei, drei Sachen dazwischen, die leider wichtiger waren", erklärt Isi. Und Jence ergänzt: "Es gibt eben bestimmte Märkte, wo man immer wieder Präsenz zeigen muss." So wunderschön sinnfrei und befreiend der Digitalism-Sound driftet und wummert, so genau wissen die zwei auch, was sie tun. Wenn sie von "Zeitfenstern", "Masterplan", "Hauptmärkten" und "Luft nach oben" reden, klingt das nicht nach den verpeilten Schlonzen, die sie optisch geben.

Am meisten getourt ist Digitalism bisher durch Europa, USA, Japan und Australien, wohin es zum diesjährigen Jahreswechsel für mehrere Auftritte geht. "In Indonesien haben wir auch mal gespielt. Das ging auch richtig ab", sagt Jence. "Die haben als einziges Land noch Kassetten gemacht von unserem Album. Richtige Sammlerstücke."

Regionale Unterschiede unter ihren Fans können sie kaum ausmachen. "Das ist überall gleich intensiv", findet Jence und fährt sich durch die struppige Frisur. Welch Wogen sich Digitalism live gegenübersieht, ist in dem Video zu ihrer Single "Blitz" zu sehen. Ein Stück, das mit einem unterdrückten Sound beginnt und dann derart losbricht, dass Ausrasten die einzig logische Konsequenz zu sein scheint. Eine Frau im Tanktop fletscht die Zähne vor Euphorie. Ein Raver tanzt mit nacktem Oberkörper, die Tattoos schweißüberströmt. Jence und Isi schuften im steten Wippen an den Knöpfen. Die Energie scheint von der Decke zu tropfen. Gegengeschnitten sind diesen tobenden Massen Aufnahmen aus dem menschenleeren Hamburger Stadtpark. In der Halle und in der Natur schwebt die Seele zum Sound.

Besondere Rituale vor der Massenbeschallung pflegt Digitalism nicht. "Wir trinken noch ein Bier, und sobald wir da oben stehen, geht es darum, komplett alles rauszulassen", sagt Jence. In bescheidenem Tonfall. Trotz Superlativen wirken Isi und er wie die netten Musik-Nerds von nebenan. Und die Freundschaft, die vor zehn Jahren im Plattenladen Underground Solution am Dammtor begann, ist nach wie vor der Maßstab für das kreative Schaffen. "Jence kocht und ich schmeck ab", erläutert Isi die Aufgabenverteilung bei der Produktion in Winterhude.

Ihre sozialen Kontakte jedoch sind längst über ihre Heimatstadt hinausgewachsen. Und wer die globale Vernetzung nicht nur virtuell, sondern ganz real lebt, der sieht auch die Diskussion, ob nun Hamburg oder Berlin besser ist, so entspannt wie ein Astronaut, der von seinem Spaceshuttle aus auf die Erde blickt. "Beide Städte haben etwas Besonderes", sagt Isi gelassen. "In Hamburg kann man durchaus 24 Stunden unterwegs sein, wenn auch im kleineren Rahmen." Für Jence herrscht in der Hansestadt noch eine stärkere Mentalität des Sich-Kümmerns vor, eine größere Ernsthaftigkeit. Oder, wie Isi es formuliert: "Hamburg ist arbeitsgeil."

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: "Hamburg ist für mich ein großer Erholungspark", sagt Jence, "weil es nicht so hektisch ist wie in den Megastädten." Für Winterhude gilt das ganz bestimmt.

Blitz (EP inklusive Remixes von Harvard Bass und Villa), Label: Kitsuné; DJ-Set: 13.11., Berlin, Ritter Butzke; www.thedigitalism.com