Aufgeblättert

Die Liebe des Hausmeisters

Es fällt in jedem Buchstapel als eine Art Verheißung auf: Auf dem Umschlag ist ein Foto, ein Junge sitzt da auf einer wuchtigen alten Balkonbrüstung und guckt hinaus aufs Meer. Erzählt wird eine Geschichte, die in Neapel in den Tagen nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt. Der Ich-Erzähler wächst ohne Eltern auf, Don Gaetano, der Hausmeister, zieht ihn groß. Das Verhältnis der beiden ist geprägt von einer würdevoll distanzierten Großherzigkeit, die in der Übersetzung von Annette Kopetzki elegant erhalten bleibt. Zum Beispiel, indem sie den Jungen seinen väterlichen Freund mit der im Deutschen ungebräuchlichen, althergebrachten Anredeform des Ihr und Euch ansprechen lässt.

In einer der magischen Szenen dieses Romans versucht der Junge, mit den anderen im Hof Fußball zu spielen, am Fenster steht Anna, in die er verliebt ist. Der Ball landet auf einem Balkon oben im ersten Stock, und der Junge sieht seine Chance, mit dazuzugehören und sich nützlich zu machen. Er klettert am Fallrohr nach oben und erklimmt unter Lebensgefahr den Balkon: "Warum hatte ich keine Angst gehabt? Ich begriff, dass meine Angst schüchtern war, sie musste allein sein, um zum Vorschein zu kommen. Hier aber waren die Augen der Jungen unten und die des Mädchens oben. Meine Angst schämte sich hervorzukommen. Sie würde sich später rächen, abends im Bett, im Dunkeln, wenn die Gespenster in der Leere raschelten." Dort, wo der Junge schläft, hat der Hausmeister während des Krieges einen Juden versteckt. Der Junge erbt dessen Bücherschatz, der nach der Flucht zurückblieb.

Erri de Luca heißt der Autor. Er hat erst mit 40 Jahren zu schreiben begonnen. Inzwischen ist er in Italien einer der meistgelesenen Schriftsteller. Seine Geschichten haben die Kraft, das zu tun, was er selbst so beschreibt: "Geschichten sind wie Wasser, die in die Tiefe stürzen. Ein Mensch ist ein Sammelbecken für Geschichten, je weiter unten er lebt, desto mehr empfängt er." Das ist so einer dieser filigranen, eigentümlichen Sätze, über die man sich beugt, sie buchstabiert und zu verstehen sucht.

Erri de Luca: Der Tag vor dem Glück, Graf Verlag. 72 Seiten, 16,95 Euro

In "Aufgeblättert" stellen im Wechsel Rainer Moritz (Literaturhaus), Annemarie Stoltenberg und Wilfried Weber (Buchhandlung Felix Jud) Bücher vor.

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