Sikorski-Verlag

Von Dach bis Keller auf Noten eingestellt

Foto: HA / A.Laible

In einer Harvestehuder Villa schreiben die Sikorski-Verlage seit 75 Jahren an der Musikgeschichte mit. Das Programm reicht von U- bis E-Musik.

Hamburg. Wäre das Bronzeschild mit dem Firmennamen nicht, man hielte die Gründerzeitvilla an der Ecke Johnsallee/Heimhuder Straße für ein Privathaus. Mitten im vornehm-stillen Harvestehude aber hat eines der bedeutendsten Musikverlagshäuser der Welt seinen Sitz: die Internationalen Musikverlage Hans Sikorski, die in diesem Jahr 75 Jahre alt werden. Bis heute ist die Gruppe ein Familienunternehmen.

Enkel Axel Sikorski, der sich die Leitung mit seiner Tante Dagmar Sikorski-Großmann teilt, geht voraus in die Bibliothek. Vor den Fenstern fällt fahles Herbstlicht auf die letzten Blätter in den Bäumen, drinnen dehnt sich eine ehrfurchtgebietende Bücherwand voll Partituren und Folianten aus. Goldene Schallplatten und sogar eine Goldene Kassette an den Wänden um den schweren Besprechungstisch erzählen von den Verkaufserfolgen des Verlags, der 1946 nach Hamburg kam.

"Musik ist Musik", fasst der 41-jährige Sikorski bündig das Profil des Hauses zusammen: Der Verlag tummelt sich gleichermaßen auf den Gebieten "Ernste" und "Unterhaltungs"-Musik; ohne diese notwendig vergröbernde Unterscheidung könnte er nicht arbeiten. Das Programm verteilt sich auf eigenständige kleine Verlagseinheiten, zurzeit sind es 17. Es umfasst Rolf Zuckowskis "Wie schön, dass du geboren bist" genauso wie Evergreens der Comedian Harmonists und Hits des gefeierten Chansonniers Max Raabe und reicht von Klassikern der Moderne bis zu taufrischen Kompositionen wie Jan Müller-Wielands Melodram "Der Knacks" nach dem Buch von Roger Willemsen.

Sikorski öffnet die Tür zu einer Art begehbarem Schrank: dem E-Musik-Archiv. Manchen Komponisten reicht ein Fach, die Verlagsflaggschiffe Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina dagegen füllen Fach um Fach bis an die Decke. Partituren und Orchestermaterialien haben traditionell riesige Formate und sind damit so handtaschen- wie kopiererfeindlich. Ganz anders das U-Musik-Archiv. Das verbirgt sich in Hängeregistraturen und teilt sich einen Raum mit dem Kopiergerät. Das Popmusikformat entspricht etwa der Größe von Schulheften. "Das sind ja oft Klavier- oder Gitarrennoten", sagt Sikorski. "Und die Künstler nehmen sie auch selber mit, anders als die Orchester."

Bei der Pop- und Filmmusik kommen nur noch wenige neue Titel hinzu. Eine Ausnahme bildet der enorm produktive Hamburger Rolf Zuckowski - aber der ist, findet Axel Sikorski, als Kinderliedermacher "eine Kategorie für sich". Der sogenannte Back-Katalog - die Liste der vorrätigen Unterhaltungswerke - bleibt aber beeindruckend. Begonnen hat der Gründer Hans C. Sikorski 1935 mit Filmmusik. Die lieferte damals die meisten Hits, etwa das unsterbliche "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins". Der Enkel hält einen Band hoch, dessen Einband sepiafarbene Fotos zieren: "Von Kopf bis Fuß auf Kino eingestellt" heißt er - eine Hommage für die Wurzeln des Verlags.

Im Dachstübchen mit schrägen Wänden und viel Tageslicht, zwischen Computern, imposanter Musikanlage und Nachschlagewerken schlägt das Herz der E-Musik. Hier nehmen die Lektoren die Werke unter die Lupe, die ihnen die Komponisten schicken: als Datei, wenn sie jung sind wie die Russin Lera Auerbach, häufig aber auch als handgeschriebene Partitur. Lektor Werner Sobotzik ringt mit der Notationsweise - viele zeitgenössische Werke haben Legenden, die es mit einem Straßenatlas aufnehmen könnten, die aber für die Musiker möglichst einfach zu lesen sein müssen. Das über die Jahre gewachsene Vertrauen zwischen Lektor und Komponisten erlaubt es Sobotzik, behutsam in den Notentext einzugreifen, wenn für die Abstimmung mit dem Komponisten mal wieder die Zeit fehlt und die Opern- und Konzerthäuser in Paris, Wien oder Helsinki drängeln. "Hören wir nach der Uraufführung nichts vom Komponisten", sagt er und lacht, "war die Änderung in Ordnung."

Russische Komponisten bilden traditionell einen Schwerpunkt im Verlagsprogramm. In den 50er-Jahren schloss Hans C. Sikorski, damals ein Neuling auf dem Gebiet der Ernsten Musik, einen Vertrag mit dem Außenhandelsministerium der Sowjetunion, damals der einzige Weg, sowjetische Komponisten zu verlegen. Mit seinem Coup hat er Musikgeschichte geschrieben, er holte Größen wie Dmitri Schostakowitsch und Aram Chatschaturjan zum Verlag. Ab Ende der 60er-Jahre knüpften Hans W. Sikorski, Sohn des Gründers, und Verlagsdirektor Jürgen Köchel ein feines Netz an Verbindungen in die Sowjetunion, sodass das Profil des Verlages bis heute von einem geradezu repräsentativen Querschnitt durch die zeitgenössische russische Musik geprägt ist.

Axel Sikorski ist in den Keller hinuntergestiegen. Er läutet eine winzige Schweizer Kuhglocke, die von der Decke hängt: "Wenn die Drucker brummen, hören die Leute sonst nicht, wenn jemand kommt." In einem Fach im Druckerraum liegen froschgrüne Notendeckel der "Edition Sikorski" - ohne Werktitel: "Wir machen hier Print-on-Demand", erläutert Sikorski. "Es gehört zum guten Ton, dass jedes Werk jederzeit lieferbar ist." Der Spagat zwischen Tradition und Fortschritt gehört zu seinem Arbeitsalltag: "Wir versuchen die Digitalisierung weiter voranzutreiben."

Das wird noch eine Weile nötig sein. Der Leihmaterialbestand umfasst so viele Regalmeter Papier, dass er nicht mehr in das Harvestehuder Haus passt. Er lagert in Bahrenfeld und wird von dort in alle Welt versandt. "Ein transport- und kostenintensives Geschäft", sagt Axel Sikorski. Dann lacht er und fügt hinzu: "Aber irgendwann spielen die Orchester vielleicht vom iPad."