Konzert in Hamburg

Carlos Santana: Ein Himmel ohne Geigen

Foto: Karsten Jahnke

In der O2 World veredelt der Woodstock-Veteran Carlos Santana am Samstag die beliebtesten Tonfolgen der Nachwuchs-Gitarrero.

O2 World. Eigentlich hätte man von Carlos Santana ein Album mit Balladen und Liebesliedern erwartet. Denn der 63 Jahre alte Gitarrist hat sich auf seine alten Tage noch mal verliebt. Im Dezember wird er auf der hawaiianischen Insel Maui die 13 Jahre jüngere Kollegin Cindy Blackman heiraten, drei Jahre nach der Trennung von seiner Frau Deborah. Bereits im Sommer kündigte er bei einem Konzert in Chicago die Hochzeit mit der Schlagzeugerin an, die unter anderen für Lenny Kravitz und Jazzgrößen wie Pharoah Sanders, Joe Henderson und Cassandra Wilson getrommelt hat. Doch der Himmel, den Santana seiner Braut beschert, hängt nicht voller Geigen, sondern sieht eher aus wie ein Gitarren-Shop. "Guitar Heaven" heißt das aktuelle Werk des in Mexiko geborenen Musikers.

Darauf nimmt Carlos Santana sich all die Stücke vor, die in Instrumentengeschäften besonders oft erklingen, wenn Amateurmusiker sich eine neue Gitarre kaufen. "Smoke On The Water" von Deep Purple soll in der Rangliste der häufigsten gespielten Riffs Platz eins belegen, dicht gefolgt von Led Zeppelins "Whole Lotta Love" und Creams "Sunshine Of Your Love". Diese Tonfolgen sind so einfach, dass sie auch der unbegabteste Nachwuchs-Gitarrero nach drei Übungsstunden hinbekommt. Für einen Ausnahmegitarristen wie Santana also nicht gerade eine Herausforderung. Doch mit diesen zwölf auf Nummer sicher gehenden Songs dürfte seine Plattenfirma im Vorweihnachtsgeschäft gut Kasse machen, und auch das Hochzeitsgeschenk für Cindy Blackman könnte angesichts des zu erwartenden hohen CD-Absatzes sehr üppig ausfallen.

Ob Clive Davis Carlos Santana zu diesem Projekt überredet hat? Der Produzentenfuchs hatte bereits vor elf Jahren großen Einfluss auf dessen Karriere. Im Jahr 1999 brachte er Santana mit ein paar sehr angesagten jungen Sängern wie Lauryn Hill, Everlast und Rob Thomas zusammen. Mit ihnen nahm Santana das Album "Supernatural" auf, das sich weltweit 27 Millionen Mal verkauft hat. Der langsame Karriere-Niedergang des Latin-Rockers wurde jäh gestoppt, stattdessen erlebte er ein erstaunliches und überraschendes Comeback. Plötzlich interessierten sich Abertausende von jungen Musikfans für den Woodstock-Veteranen, in der Folge wurde Santana von einer Reihe jüngerer Musiker wie Shakira eingeladen, mit seinem einzigartigen Spiel den einen oder anderen Song zu veredeln.

Angefangen hat die Karriere von Carlos Santana beim Woodstock-Festival. Einen derartigen Sound mit der schneidenden Gitarre und den drei durcheinanderwirbelnden Percussionisten hatte es so noch nicht gegeben. Die drei ersten Alben des jungen Virtuosen aus San Francisco mit Knallern wie "Jingo", "Oye Como Va", "Black Magic Woman" und "Jungle Strut" verkauften sich wie geschnitten Brot und ließen den Twen sehr schnell zu einem Superstar der progressiven Rockmusik werden. Hinterher gab Santana in einem Interview zu, dass er den bahnbrechenden Auftritt in Woodstock wie hinter einer Nebelwand erlebt habe. Er hatte so viel gekifft, dass er sich kaum erinnern konnte, wie er auf die Bühne gekommen war. Das Marihuana schien sein Spiel jedoch eher zu beflügeln, der Rausch katapultierte ihn in einen anderen Gitarren-Himmel.

Auch wenn "Guitar Heaven" auf der Qualitätsskala nur einen hinteren Rang belegt, sind die außerordentlichen Fähigkeiten dieser zur Legende gewordenen Persönlichkeit doch unbestritten. Bei jedem Konzert schafft Santana solistische Höhenflüge. Seinen früh entwickelten Stil hat er über die Jahre kultiviert, ohne von dem einmal beschrittenen Weg abzuweichen. Manchmal empfinden gerade seine älteren Fans sein Spiel als zu laut, ein Problem, von dem auch Kollege Eric Clapton ein Lied singen könnte, wenn er statt des sanften "Tears In Heaven" einen Blues-Klassiker raushaut. Auch Carlos Santana hat zarte Nummern wie "Samba Pa Ti" im Programm, doch mag er es lieber laut und energetisch. Vielleicht rührt daher die Liebe zu Cindy Blackman. Sie steht auch eher für einen knüppelharten Beat statt einer säuseligen Schnulze.

Santana Sa 23.10., 20.00, O2 World (S Stellingen plus Bus-Shuttle), Sylvesterallee 10, Karten ab 51,30; Internet: www.santana.com