Zwille spannen, Vogel abschießen, Schweine treffen

Das iPhone-Spielchen Angry Birds führt weltweit die Download-Charts an. Warum?

Hamburg. Wenn ein Branchenriese 20 Millionen Dollar für eine kleine Software-Vertriebsfirma bezahlt, ist Ungewöhnliches im Gange. Electronic Arts kaufte vor einigen Tagen Chillingo und mit dem Unternehmen wohl auch die Vertriebsrechte an der iPhone-App "Angry Birds". Weltweit führt es in mehr als drei Dutzend Ländern die Rangliste der Bezahl-Apps an, über 6,5 Millionen Mal ging das Programm bereits über Apples digitalen Ladentisch. Warum eigentlich? Dem an PC und Konsole sozialisierten Zocker in mir widerstrebt schon das Konzept: "Casual Gaming". Spielen auf dem Handy, ohne Riesenbildschirm und Tastatur - das kann doch gar nicht funktionieren. Aber gucken kostet ja (fast) nix. Mit dem iPhone einer Kollegin bewaffnet, lade ich "Angry Birds" herunter, belaste ihre Handyrechnung mit 79 Cent und drücke auf Start.

Der Skeptiker in mir meldet sich sofort lautstark zu Wort, erwartet erst mal ein gefühlt stundenlanges Intro und einen komplizierten Wust von Erklärungen, wie man wann was warum anklicken soll. Und verstummt ganz schnell wieder. Ein einziges Bild erklärt das gesamte Spielprinzip: die Zwille spannen, den Vogel abschießen, die Schweine treffen. Ob das wohl Spaß macht?

Macht es. Die ersten Level bringen schnelle Erfolge. Ha! Direkter Treffer, es hagelt Bonuspunkte. Schnell regt sich der Spieler-Ehrgeiz: Irgendwie muss es doch möglich sein, mit einem Piepmatz gleich vier Borstenviecher zu erlegen. Punkterekorde und neue Fähigkeiten winken.

Wenn ich ein Level nicht sofort beenden kann, prasseln Schimpftiraden auf das kleine Gerät und die große Welt um mich herum ein. Aus dem wohlwollendem Desinteresse der Kollegen weicht zuerst das Wohlwollen, dann das Desinteresse. Irgendetwas scheint sie zu stören, nur was?

Doch nein, dafür ist jetzt keine Zeit. Neue Herausforderungen harren der Bewältigung, der Schwierigkeitsgrad steigt langsam, aber stetig. Verdammte Axt, komm raus, du Sau! Wenn ich sie dann wirklich gekriegt habe, freue ich mich wie ein Schuljunge, der gerade ein Papierkügelchen zielgenau in den Nacken des ungeliebten Mathelehrers geschossen hat.

Irgendwann - ist es wirklich schon drei Stunden her? - möchte die Kollegin ihr Telefon zurück. "Dein iPhone, welches iPhone?", frage ich, könnte ja klappen. Doch ihr gestrenger Blick macht die Hoffnung auf weiteren Spielspaß zunichte. Nicht mal betteln hilft. Dabei wollte ich doch nur spielen!