Uebel & gefährlich

Untypisch deutsch

Foto: verstärker

Heute spielt die Kapelle Erdmöbel ihre muttersprachlichen Lieder, ihr Chefpoet Markus Berges hat gerade seinen ersten Roman veröffentlicht

Uebel & Gefährlich. Markus Berges trägt eine kantige Brille in einem noch kantigeren Gesicht. Das Gestell, es verbindet in seinem Retrodesign die Lässigkeit des Nerds mit der Aura des Wirtschaftswunders. Sehr deutsch irgendwie. Ein Charme, der zum Kunstschaffen des Kölners passt, zu den neuen Songs, die er jetzt mit seiner Band Erdmöbel vorgelegt hat. Und zu dem Roman, mit dem Berges, Jahrgang 1966, jetzt als Schriftsteller debütierte.

Vielleicht sickert es tiefer ein, das Krude, Schöne, Bürgerliche und Bräsige der deutschen Worte, wenn einer im Münsterländer Wallfahrtsort Telgte geboren wurde und nicht im, sagen wir mal, hippen, daueraufgekratzten Berlin. Auf "Krokus", dem nunmehr achten Album der 15-jährigen Bandgeschichte, verarbeitet Berges auch das Stolperige seiner Muttersprache zu Poesie. Ein eigener Erdmöbel-Duktus entsteht so aus einst Vertrautem. Von der "Luftballonwettbewerbskarte" und der "Ausstellung über das Glück im Hygienemuseum Dresden" sprechsingt er da zum feinen Bossa-nova-Bläser-Sound. Easy Listening mit Ironie. Tristesse im Sixties-Stil. Soufflé-leicht arrangiert von Berges sowie den Multiinstrumentalisten Ekimas, Proppe und Dewueb, die von Bass und Gitarre über Orgel und Akkordeon bis zum Tenorhorn agieren. Zu hören ist all das heute Abend im Uebel & Gefährlich.

Mit dem Album "No. 1 Hits" hat Erdmöbel vor drei Jahren Songs von Kylie Minogue bis Nirvana zu eigenen umgestaltet. "Aber es war an der Zeit, dass wir ein kleines Statement machen", verkündet die Band auf ihrem YouTube-Kanal "Erdmöbel TV". Und dieses Credo lautet: "Wir schreiben selber Songs, machen selber Musik. Und die ist außergewöhnlich." Dem ist durchweg zuzustimmen. Wohl kaum einem deutschen Dichter ist es gegeben, die Worte "Rosen", "Ochsen", "Holz" so rhythmisch aneinanderzureihen wie in "77ste Liebe". Und der Erzähler dieses Liedes denkt bei einem Heiratsantrag mal eben die Beziehungshistorie des Paares mit. Unbequem? Vielleicht. Romantisch? Trotzdem.

Die Schönheit des Lebens wird bei Erdmöbel ebenso verhandelt wie das Thema Arbeit. Und mit der Nummer "Fremdes" legt Berges zudem ein knackiges "Köln-Hass-Lied" vor. "In den Himmel hat sich meine Stadt gegossen/feine Schweineleberwurst im goldenen Darm", rattert der Sänger, Gitarrist und Flügelhornist da böse heraus.

Doch der genreübergreifende Autor Berges kann auch sanfter. In seinem nun bei Rowohlt Berlin erschienenen Debütroman "Ein langer Brief an September Nowak" scheint es, als habe er eine zartere, femininere Seite seiner Selbst ausgelotet.

Schon mit wenigen Zeilen vermag er ein Gefühl von süßer verwirrender Freiheit entstehen zu lassen. Wenn die Schulzeit vorbei ist und der Rest des Lebens noch nicht angefangen hat. Berges' Protagonistin Betti Lauban, eine 19-Jährige aus Warendorf im Münsterland, fährt Mitte der Neunziger mit dem Zug nach Monaco, um ihre Brieffreundin September Nowak zu besuchen. Die beiden haben sich noch nie zuvor gesehen, und die Adressatin in Frankreich hat der Korrespondenz ein striktes Fotoverbot auferlegt. Mit gutem Grund. Denn die mondäne, aufregende, schöne September aus den Briefen ist lediglich die Erfindung eines dicken Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen.

Enttäuscht von dem Schwindel, startet Betti auf eigene Faust eine Tour durch Frankreich und Spanien. Zweimal lässt sie sich von anderen Reisenden mitnehmen. Eine Adoption auf Zeit. Und je länger Betti unterwegs ist, desto mehr entfernt sie sich von ihrer alten Identität. Lustvoll probiert sie neue Rollen aus. Mit allen Risiken.

Berges großes Verdienst ist es, dass er seine 200 Seiten starke Geschichte einer adoleszenten Häutung, vom Sich-Verlieren und Neu-Finden mit zahlreichen Leerstellen verfasst hat. Wie ein Durchatmen wirkt sein literarisches Schreiben im Vergleich zum komprimierten Format des Pop. Seine Songs und sein Roman haben jedoch gemein, dass ihre Aussage keine eindeutige ist, sondern oftmals in der Schwebe bleibt, geheimnisvoll. Dazu passt, dass er in die Handlung ganz nebenbei noch E.T.A. Hoffmanns "Meister Floh" einfügt, ein Kunstmärchen aus dem Jahr 1822, bei dem Fantasie und Realität ebenfalls schwer auseinanderzuhalten sind.

Berges kann Sätze von zartbitterer Schönheit schreiben, etwa "Schlagartig war ihre Abgerissenheit Aristokratie". In Erinnerung bleiben nach der Lektüre Momente, die uns verdeutlichen, dass das Innere oft dann einen Schub macht, wenn äußerlich kaum etwas passiert: "Das Ausmäandern dieser Kleinstadt war nur ein hübscher, aber belangloser Anblick. Dennoch sprangen ihr eiserne Bänder vom Herzen", heißt es etwa.

Mit wenigen hingetupften Fakten (Reichstagsverhüllung) und Zeitgeistphänomenen (Eurodance) erzeugt Berges eine historische Grundierung, auf der die Konturen der Story umso deutlicher sichtbar werden. Berges mag zwar typisch deutsch scheinen, doch er stellt die Heimat auch immer wieder infrage: "Vergiss nie, woher du kommst!", sagt der Vater Betti vor ihrer Abreise. Und diese entgegnet nur: "Woher ist das?"

Erdmöbel heute, 20.00, Uebel & Gefährlich (U Feldstraße), Bunker Feldstraße 66, Eintritt: 18,-

Markus Berges: "Ein langer Brief an September Nowak" (Rowohlt Berlin, 18,95 Euro)