Abendblatt-Interview mit Richard David Precht

"Der Mensch giert nach Liebe, Zuneigung, Respekt"

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Irene Jung

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Ein Gespräch über die grundlegende Frage, wieviel Egoismus wir in uns tragen und wieviel davon uns gut tut.

Hamburg. Um den deutschen Philosophen Richard David Precht balgen sich Journalisten gerade wieder. Sein neues Buch "Die Kunst, kein Egoist zu sein" passt perfekt in unsere Debattenlandschaft: Sind wir Egoisten geworden? Vergessen wir die Armen, schotten wir unseren Wohlstand ab wie eine Wagenburg? Der 45-Jährige, der wie ein großer schlaksiger Junge wirkt, ist ein hoch konzentrierter Gesprächspartner. Und einer, der sich in Rage redet.

Hamburger Abendblatt:

Sie haben zuletzt über die Liebe geschrieben. "Die Kunst, kein Egoist zu sein" ist viel politischer ...

Richard David Precht:

... ja, ich fand es nicht angemessen, die großen moralischen Fragen dieser Gesellschaft so zu behandeln, als gäbe es keine gegenwärtige Politik.

Als der Autor Josef Kirschner 1976 sein Buch "Die Kunst, ein Egoist zu sein" schrieb, gab es eine Welle von Ratgebern zur Selbstverwirklichung in allen Lebenslagen. War das Ego der Deutschen damals zu klein?

Precht:

Ich glaube, diese Ratgeber hatten damals eine gewisse Berechtigung. In den 60er-Jahren haben die meisten Frauen ja noch den Raum verlassen, wenn die Männer politisierten, und sich nicht getraut, Meinungen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen zu haben. Die Gesellschaft hat es damals schon nötig gehabt, sich etwas zu trauen und mehr an sich selber zu glauben. Aber das sind nicht mehr die Probleme, die wir heute haben.

Was hat sich denn am Ego geändert?

Precht:

Heute haben wir uns ein bisschen arg in die andere Richtung vergaloppiert. Wir haben eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten mit einem Milliardenaufwand Egoismus züchtet. Wenn Sie sich als außerirdischer Beobachter einen Tag lang die Fernsehwerbung in Deutschland angucken - Geiz ist geil, in erster Linie zähle ich, wie kaufe ich ein Auto, mit dem ich andere neidisch mache -, dann haben dagegen das bisschen Preußentum, das bisschen Schulerziehung und die paar christlichen Werte, die übrig geblieben sind, einen sehr schwachen Stand. Wir haben den Egoismus wirklich kultiviert und dürfen uns nicht wundern, wenn wir ihn in allen Gesellschaftsschichten finden.

Da werden aber einige widersprechen. Etwa mit dem Argument, kein anderes westeuropäisches Land habe so hohe Sozialausgaben wie Deutschland. Ist der Egoismusvorwurf überzogen?

Precht:

Wir haben so hohe Sozialausgaben, weil bei uns so viele Menschen davon abhängig sind - allein 6,6 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass der Staat besonders nett ist, sondern wie bedürftig die Milieus geworden sind.

Trotzdem bleibt der Umgang mit der Armut ein Gradmesser für den Egoismus. Es nervt viele, wenn sie von Bettlern angesprochen werden. Auf der anderen Seite unterstützen sie die Tafeln oder kaufen Obdachlosenmagazine. Muss Armut in unseren Augen glaubwürdig sein?

Precht:

Ich glaube, die meisten Menschen möchten einem "edlen Armen" etwas geben - wie St. Martin, der dem Bettler die Hälfte seines Mantels gab -, aber nicht demjenigen, von dem sie Angst haben, dass er die Spende missbraucht oder sich Alkohol davon kauft. Wenn wir etwas Gutes tun, wollen wir das Gefühl haben, einem guten Menschen etwas Gutes zu tun.

Ist uns der Egoismus in die Wiege gelegt? Sie gehen in Ihrem Buch auch auf die Erkenntnisse der Evolutionsbiologen ein. Etwa auf Richard Dawkins' "egoistische Gene".

Precht:

Man muss zunächst mal Egoismus definieren. Wenn wir sagen, der Mensch ist auf Eigennutz angelegt - insofern, als wir von allem etwas haben wollen, was wir tun -, dann sind wir alle Egoisten. Aber ich weiß nicht, ob es egoistisch ist, wenn Mutter Teresa sagt: Es gibt mir ein gutes Gefühl, den Sterbenden in Kalkutta zu helfen. Denn es kommt nicht darauf an, wie die Gesinnung ist, sondern auf die Folgen. Ein Egoist ist jemand, der auf Kosten anderer seine Interessen durchsetzt. Und das sind wir von Natur aus nicht. Anerkennung ist die Währung, mit der wir einander bezahlen. Der Mensch giert nach Liebe, Zuneigung, Respekt.

Was gehört denn zu einem gesunden Ego?

Precht:

Zu einem gesunden Ego würde etwa gehören, seine eigenen Bedürfnisse gut zu kennen und realistisch einzuschätzen. Das können sehr viele Menschen schlecht. Unser Status-Materialismus funktioniert dadurch, dass die Menschen sich Umwege zu sich selbst suchen. Indem sie versuchen, sich über Dinge, die sie nicht selbst sind, sondern die sie sich kaufen, selbst einen Wert zu verleihen. Ich bin nicht dagegen, dass man das tut. Unser Wirtschaftssystem würde zusammenbrechen, wenn die Leute nur noch das kaufen, was sie wirklich brauchen. Aber es wäre wichtig, dass man lernt, etwas genauer zu unterscheiden, was Bedarf ist und was unsere Bedürfnisse sind.

Zur Mechanik des Egoismus gehört die Abgrenzung einer Gruppe gegenüber einer anderen.

Precht:

Ja, das liegt wirklich in der Natur des Menschen. Die linke Vorstellung, dass es eine völkerübergreifende Solidarität zwischen den Menschen gibt, ist in unserem instinktiven Programm nicht vorgesehen. Wir gehören immer zu einer kleinen oder mittelgroßen Gruppe, mit der wir uns stärker identifizieren als etwa mit Menschen in Turkmenistan. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, die Reichweite seines Mitgefühls auf sieben Milliarden Menschen auszudehnen.

Dieses Abgrenzungsbedürfnis macht Sinn bei den Bewohnern eines Dorfs oder den Mitgliedern einer Familie. Aber macht es Sinn als Land gegenüber Einwanderern?

Precht:

Ein Land ist zu groß, um sich mit ihm zu identifizieren. Deshalb ist Nationalismus immer eine hoch verkrampfte Angelegenheit. Beim Fußball identifiziere ich mich mit den elf Spielern der deutschen Mannschaft, aber auch nicht mit "Deutschland".

Sehen Sie in den aktuellen Protesten, zum Beispiel gegen das Stuttgarter Bahnhofsprojekt oder auch gegen die Schulreform in Hamburg, einen selbstbewussteren Gruppenegoismus?

Precht:

Das ist eine spannende Entwicklung. Auch ich sympathisiere damit, dass man sich in seinem Viertel mit der Nachbarschaft zusammenschließt und gemeinsam dafür eintritt, dass die Lebensqualität für alle steigt. Ich sehe in diesen Zusammenschlüssen einen viel größeren Nutzen als Schaden. Ich halte ein Plädoyer für einen sozialen Patriotismus. Denn auf der anderen Seite haben sich die Oligarchen dieses Landes ja schon zusammengeschlossen, wie man sehr gut am Beispiel der Energievereinbarung sehen kann. Da reicht es, wenn vier Unternehmensvertreter der Energiewirtschaft die Kanzlerin besuchen und Anzeigen schalten, und plötzlich werden die Gesetze ausgehebelt.