Hier wird gelitten, gezofft, gesoffen

Großes Schauspielertheater, doch auch ein wenig altmodisch - "Eines langen Tages Reise in die Nacht" feierte Premiere im St.-Pauli-Theater

Hamburg. Großartige schauspielerische Leistungen beeindruckten in Ulrich Wallers Inszenierung von Eugene O'Neills Familiendrama "Eines langen Tages Reise in die Nacht", das jetzt am St-Pauli-Theater Premiere hatte. Doch die Inszenierung wirkte seltsam altmodisch, fern wie aus einer längst vergangenen Zeit des Virtuosentums, des großen Auftritts auf der Bühne. Tolle Schauspieler, die mal schutzlos, mal explosiv Sucht, Hass, Trauer, Verrat oder Missgunst spielen, sieht man auch hier. Da wird auf hohem Niveau und exzessiv gelitten, gezofft und gesoffen, dass es eine Freude ist. Doch vergisst man, dass man im Theater sitzt, wenn die Darsteller ihr Bestes geben, um Feuer in dieser Familienhölle zu entfachen.

Denn schließlich stellt man sich die Frage, was dieses 1940 geschriebene autobiografische Stück mit der Realität, mit unser aller Leben heute noch zu tun hat. Ob man ins Theater geht, um Figuren dabei zuzuschauen, wie sie leiden und von ihrem Leiden erzählen, oder ob man neue Kunstformen erwartet, bildliche Übertragungen von Einsamkeit, Flucht und Mittelstandselend. Und ob man nicht längst auch ein wenig entwöhnt ist von Schauspielern, die tief ins Innere ihrer Figur schauen lassen, ohne dabei ans Hier und Jetzt zu denken.

Schön arrangiert waren Vater, Mutter und die beiden Söhne auf der Bühne. Doch ihr Kampf ums Leben und Harmonie erscheint wie hermetisch abgeschlossen, hinter einer vierten Wand. Diese Familie der Tyrones, in der jeder süchtig ist und gefangen in einem Kokon aus Einsamkeit und verpassten Chancen, schreit geradezu nach heftigen Gefühlsausbrüchen, nach Drama und Krisenmanagement. Das wurde wunderbar expressiv und differenziert gespielt von Angela Schmid, Gerd Böckmann, Ben Becker und David Bennent, und auch in einer Nebenrolle von Anne Weber. Doch es berührt einen nicht wirklich. Man betrachtet die Schauspieler eher wie bunte exotische Fische in einem Aquarium. Bewundern allerdings kann man sie alle, wie sie die hässliche Fratze des schönen Scheins hervorzaubern können.

Wenn Angela Schmid als Mutter Mary nicht nur die spinnerte Morphiumsüchtige spielt, sondern auch die handfeste Nervensäge. Mit ihren Klagen über ein verpasstes Leben, in dem sie ihrem Mann, einem mittelmäßigen Schauspieler hinterherreiste, in schäbigen Hotels wohnte und auf ein Zuhause verzichtete, tyrannisiert sie den Rest der Familie. Ihren jüngeren Sohn Edmund will sie nicht loslassen, doch hasserfüllt wirft sie ihm vor, dass seine Geburt sie süchtig und krank gemacht habe. Und er ja ebenfalls krank sei.

Alkoholkrank und wohl auch schwindsüchtig. Schmid spielt kein armes Hascherl, sie spielt das Wrack und die Träumerin, die Meckerliese und Künstlerin. Und das wandelnde schlechte Gewissen. Ihr Mann Tyrone ist bei Gerd Böckmann Charmeur, Tyrann, Geizhals, Egozentriker und Schöngeist. Seine Söhne verachtet er, sie haben es zu nichts gebracht. Seine Frau vernachlässigt er. Doch immer wieder ermahnt er sich, großzügiger zu sein, nachsichtiger. Dann fällt ihm ein, dass er ein vielversprechender Shakespeare-Darsteller war und dass er, ob aus Geldgier oder Familienräson, seine Träume von einer Bühnenkarriere drangegeben hat, um jahrelang als Graf von Monte Christo aufzutreten. Und dass er darüber wohl zum Alkoholiker wurde und die Familie daran schuld sei.

Sohn Jamie, den Ben Becker als Kraftbolzen spielt, ist ebenfalls Schauspieler, allerdings ein schlechter. Becker spielt das schon recht hinreißend, grinst blöde, springt im Vollrausch auf den Tisch und brüllt wie ein Affe oder lümmelt in der Gegend herum. Eine klassische Machostudie, die es so prall wohl nur noch auf der Bühne gibt. Seinen Bruder Edmund will er mal beschützen, mal hasst er ihn, weil er klein und krank ist und offenbar von der Mutter mehr geliebt wird. Edmund, der "der Kleine" genannt wird, ist bei David Bennent zwar wirklich klein und verletzlich. Doch er ist auch der Nachdenkliche, derjenige, bei dem jeder sich ausheult, obwohl Edmund selbst am meisten Zuneigung bräuchte. Wie Vater und Bruder säuft auch er, doch scheint er gefestigter. Ob die Schwindsucht ihn umbringen wird, kann man bezweifeln.

O'Neills einst moderne Version aller Familienschlachten hat immer noch Kraft. Doch heute würde diese Familie wohl keine Zwangsharmonie mehr beschwören. Sie würden voreinander weglaufen. Und einander vergessen.