Ein Isenheimer Altar macht noch keinen Roman

Lukas Hartmanns Roman "Finsteres Glück" ist zu weitschweifig

Ist es ein Stilmittel, oder schreibt der Autor so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Im letzteren Fall wäre Lukas Hartmann weniger Schriftsteller als Protokollant von Befindlichkeiten. Der Schweizer Autor hat mit seinem jüngsten Werk "Finsteres Glück" einen Roman vorgelegt, der auch als hoch persönlicher Erfahrungsbericht durchgehen könnte.

Die Psychologin Eliane Hess erzählt von einem Fall, der ihr Leben verändert hat. Der achtjährige Yves hat als Einziger überlebt, als das Auto seiner Familie in einem Tunnel gegen die Wand krachte. Wochen- und monatelang schwankt das Kind zwischen Schweigen und überdrehtem Zwitschern - nur das sogenannte gesunde Mittelmaß ist ihm nicht möglich, und schon gar nicht gelingt es der Ich-Erzählerin Hess, im Gespräch mit ihm zu seinem traumatischen Verlust vorzudringen.

Hin- und hergerissen zwischen eifersüchtigen Verwandten erzwingt der Junge, dass seine Therapeutin das letzte Bisschen professioneller Distanz aufgibt und ihn zu sich nimmt. Über Umwege findet sie mit Yves, ihren halbwüchsigen und entsprechend ungenießbaren Töchtern und schließlich sogar ihrem früheren Lebensgefährten zu jenem wackeligen, späten Familienglück, das der Titel verheißt.

Hartmann gelangt zu einem überraschenden und schlüssigen Ende. Seinen Weg dorthin aber garniert er mit diversen entbehrlichen Rückblenden und Betrachtungen. Der Unfall ereignete sich auf dem Rückweg vom Elsass, wo die Familie die Sonnenfinsternis des Jahres 1999 betrachtet hatte. Für den Grundkonflikt spielt dieser Anlass aber keine Rolle. Da wirkt es sonderbar kulinarisch, dass Hartmann Matthias Grünewalds berühmten "Isenheimer Altar" hineinbringt, mag auch er eine Sonnenfinsternis darstellen.

Mal geraten die Ausführungen über posttraumatische Belastungsstörungen allzu technisch, mal ergeht sich die Ich-Erzählerin in ausgedehnten Erinnerungen. Zudem kommentiert Hartmann viele Beobachtungen seiner Hauptfigur, als traute er seinen eigenen Bildern nicht. Von Verdichtung, Verknappung keine Spur - kurz: Die Geschichte hebt nicht ab.

Es dauert 175 Seiten, bis sich doch noch zeigt, dass der persönliche Ton als Stilmittel gemeint ist: Da nämlich räumt die Erzählerin ein, etwas verschwiegen zu haben. Eine zweite Ebene zieht Hartmann trotzdem nicht ein. Der Leser wäre zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr davon zu überzeugen, dass er ein genuin literarisches Werk in der Hand hält.

Lukas Hartmann: "Finsteres Glück". Diogenes Verlag, 320 S., 19,90 Euro