Mary Poppins, der Stillzwang und die Mütterpolizei

Elisabeth Badinter diskutiert in der Bucerius Law School

Wer oder was die perfekte Mutter ist - auf dem Schlachtfeld (von wegen Kinderspielplatz) über die Deutungshoheit in dieser Frage wird mit harten Bandagen gekämpft. Feministinnen gegen Stillberaterinnen und Demografen, Mütter gegen Nicht-Mütter und die Mütterpolizei gegen alle. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele Mütter sind verunsichert. Und fühlen sich schuldig. Was damit zusammenhängt, dass gerade auf diesem Gebiet der Anspruch an die eigenen Fähigkeiten ins Unermessliche steigt. Man kann sich nachsagen lassen, eine lausige Köchin zu sein, eine emanzipatorische Niete, vielleicht sogar eine unzuverlässige Freundin, aber eine schlechte Mutter? Undenkbar. Eine Kombination aus Mary Poppins und Ursula von der Leyen - darunter machen es Frauen in der Kindererziehung heutzutage nicht mehr.

Zwei Bücher sind in den vergangenen Wochen auf Deutsch erschienen, die bei aller Unterschiedlichkeit im Kern eines beabsichtigen: die angeblich neu erblühende Mütterhaftigkeit, den "natürlichen Mütterinstinkt" zu polemisieren. Und die Frage aufzuwerfen: Wo soll uns das alles gesellschaftlich hinführen? Die französische Philosophin Elisabeth Badinter kritisiert in "Der Konflikt - Die Frau und die Mutter" (C.H. Beck) die Rückkehr zum Stillzwang und der Das-Kind-braucht-seine-Mutter-Ideologie. "Gerade als man glaubte, das alte Konzept des Mutterinstinkts überwunden zu haben, ließen einige Leute es unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Studien wieder aufleben", schreibt Badinter, die heute in der Bucerius Law School mit "Zeit"-Redakteurin Iris Radisch diskutiert. Mehr als 200 000-mal hat sich Badinters im Frühjahr erschienenes Buch bislang in Frankreich verkauft, wochenlang stand es auf Platz eins der Bestsellerlisten.

Auch Ayelet Waldman seziert in "Böse Mütter" (Klett-Cotta) mit gnadenlosem Blick den grassierenden Mütterwahn. Quasi über Nacht wurde die amerikanische Autorin zum Paradebeispiel für mütterlichen Verrat. Ihr Verbrechen: "Wenn eine gute Mutter ihre Kinder mehr liebt als alles andere, bin ich keine gute Mutter. Ich liebe meinen Mann mehr als meine Kinder", schrieb sie in der "New York Times" - und wurde mit Kommentaren und Blicken bedacht, wie ein Norovirus-Infizierter auf der Neugeborenenstation. Wo Waldman angriffslustig dafür plädiert, nicht einem antiquierten Mütterbild hinterherzulaufen, nicht sein eigenes Leben zum vermeintlichen Wohl des Kindes hintenanzustellen, warnt Badinter eindringlich vor zunehmendem "Gebärstreik": "Wir müssen die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass die Gegenwart eines Kindes zu einer Lebensweise führt, die nicht mehr allen zusagt."

Auf die Frage, ob sie ihren drei Kindern selbst eine gute Mutter sei, lautete ihre Antwort: "Nein - wie die große Mehrheit der Frauen war ich eine eher schlechte Mutter." Darin sind sich die Autorinnen einig: Weibliche Identität kann sich nicht im Muttersein erschöpfen. Der Wettstreit um das perfekte Mütterdasein, er ist nicht zu gewinnen.

Elisabeth Badinter in der Bucerius Law School (Jungiusstraße 6). Heute, 19 Uhr, freier Eintritt, Anmeldung unter brigitte.zinke@institut-francais.fr