Appell an die Verantwortung des Einzelnen

Das Junge Schauspielhaus beeindruckt mit "Die Gerechten"

Hamburg. Wann ist es gerecht zu morden? Kann es überhaupt gerecht sein zu morden - auch für eine gute Sache? Oder heiligt nicht vielmehr der ideologische Zweck die zu verurteilenden Mittel? Diese nicht eindeutig zu beantwortenden Fragen untersucht Albert Camus im Drama "Die Gerechten". Alexander Riemenschneider hat es zum Saisonstart des Jungen Schauspielhauses inszeniert und wurde mit dem eindringlich agierenden Darsteller-Sextett minutenlang vom schwer beeindruckten Premierenpublikum gefeiert.

Wie ist der Regisseur zu Werke gegangen, das philosophisch-moralische Diskurs-Stück von 1949 in lebensnahe Szenen zu überführen? Statt einer vordergründigen Aktualisierung und ohnehin fragwürdigen Parallelen zum islamischen Terrorismus, beließ er das Stück in seinem Kontext. Er rückte es jedoch aus der geschichtlichen Ferne des Zarenreiches vor der Oktoberrevolution in eine zuweilen (bedrängende) physische Nähe zum Publikum.

Katrin Plötzky sperrt die Terroristen und Zuschauer zusammen in den offenen Betonbunker des Malersaals. Das mit Holzbrettern errichtete Sitzpodium mit den harten Klappstühlen ist zugleich Spielfläche und Tribunal für die Sozialrevolutionäre. Andererseits kommen sie aus den Zuschauerreihen, spielen diese direkt an. Zwischen ihnen will Janek seine Bombe - einen zerfallenden Schneeball - werfen. Die Zuschauer sind Ziel seines Attentats, aber zugleich handelt er als ihr Abgesandter: ein im Sinn und Wohl des Volkes handelnder Attentäter.

Riemenschneider gelingt es mit seinem klugen Zugriff, die thesenhafte Dialektik des Camus-Dramas in eine szenisch sinnliche zu übertragen. Er gewinnt der argumentativen Widersprüchlichkeit im Stück eine körperlich erlebbare Dimension. Das Übrige leisten die packenden, trotz der Nähe zum Publikum locker bleibenden Darsteller.

Allen voran: Thorsten Hierse, Boy-Gobert-Preisträger 2010, als sensibler Idealist Janek. Geradlinig und unsentimental zeichnet er den Liebenden und an sich (ver)zweifelnden Terroristen. Er scheitert beim ersten Attentatsversuch auf den Großfürsten, tötet ihn aber beim zweiten und entscheidet sich bewusst, dafür gehängt zu werden. Seine Freundin Dora verzichtet im Dienst der Revolutionsideologie auf ihre Liebe und ein Leben mit ihm. Bewegend intensiv und dabei sehr präzise vermittelt Nadine Schwitter den Konflikt zwischen Gefühl und Vernunft, Entschlossenheit und Lebenssehnsucht.

Riemenschneider geht es wohl weniger um die Problematik von Mitteln und Opfern der Täter als um deren unbedingten Willen, für die Gerechtigkeit einzustehen und auch handelnd zu kämpfen. Ein indirekter, aber doch klarer Appell ans soziale Gewissen und die Verantwortung des Einzelnen für die Welt, in der er lebt.

Die Gerechten 13./ 27.9., 19.00, 14./ 28.9., 11.00, Malersaal im Schauspielhaus, T. 24 87 13