Thalia-Theater

"Vor uns die Sintflut": Nadja Tillers starker Auftritt

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Schorsch Kameruns Thalia-Projekt "Vor uns die Sintflut" ist manchmal sehr lustig und manchmal viel unausgegorenes Bildungstheater.

Hamburg. Meist verheißt eine Sintflut Untergang. Hier könnte sie erlösen. Dem närrischen Treiben auf der Bühne ein Ende bereiten. Sie kommt nicht. Dafür kommt Nadja Tiller, 81. Die Grande Dame des Wirtschaftswunder-Kinos legt einen kurzen aber prägnanten Auftritt als auferstandene Operndiva Faba Fabela Tritua hin. Glitzernd wie eine Lametta-Kleopatra mahnt sie mit den Liedzeilen der Schorsch-Kamerun-Band Die Goldenen Zitronen, "Monster regieren dieses Planet" (heißt wirklich so), und beschwert sich über die Inflation der Filial-Ketten in den Innenstädten. Anschließend rauscht sie wieder davon. Eine morbide Trash-Queen mit erhobenem Zeigefinger.

Unumstritten eine Gipfelszene in dem an dramaturgischen Höhen eher armen Schorsch-Kamerun-Projekt "Vor uns die Sintflut", das jetzt im Thalia im Zelt Uraufführung feierte. Dabei ist der Abend so gut gemeint. In unmittelbarer Nähe zu den stetig wachsenden Glitzerfassaden der HafenCity, wo das Kreuzfahrtschiff "Aida" am frühen Abend noch brav vor Anker liegt, eine politische Klassenrevue aufzuführen, erscheint geradezu als künstlerisches Gebot der Stunde.

Doch der Autor und Regisseur lenkt den Kahn unentschlossen zwischen seinem Misstrauen gegenüber dem bürgerlichen Repräsentationstheater und der wirklich bissigen Politsatire hindurch. Der ganze Abend ein Paradoxon wie sein Schöpfer, der stets so wohlerzogen wirkende Punk im Stadttheater. Das Dasein auf diesem metaphorischen Narrenschiff ist so chaotisch wie die Lebensreise.

Die ihre Neurosen pflegende Oberklasse auf dem Sonnendeck gleicht eher einer Fin-de-Siècle-Bohème als glamourösen Globetrottern, erstklassig verkörpert vom Ensemble. Operndiva Maria (Sandra Flubacher) bandelt mit der kasachischen Tänzerin Monika (Marina Galic) an. Nachwuchsschauspieler Stéphane (Paul Pötsch) hofft auf den großen Durchbruch, den ihm Künstleragent Claus von Lotzow (Thomas Niehaus) allerdings nicht versprechen will. In seinem Namen vermengt sich eine von vielen Insideranspielungen auf die Hamburger Musikszene, hier Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow sowie deren Manager und Zitronen-Trommler Stephan Rath. Zusammengehalten wird das Ganze von den Erklärungen, die Felix Knopp als Reisejournalist Pascal wie aus dem Schulbuch vorträgt und zweifelt: "Wovon will ich eigentlich erzählen? Worum geht es eigentlich?"

Es gibt aber auch die anderen, die wunderbaren, berührenden Momente an diesem Abend. Wenn Lisa Hagmeister als geheimnisvolle Monique mit ihren Sternstaub verhangenen Augen klimpert und einen rauschhaften Monolog hält über kenternde Flüchtlingsschiffe, ihre Kenntnis blumiger Getränke wie des Cocoloco-Cocktails oder das Wissen darum, wie man eine Schwimmweste über dem Abendkleid trägt. Wenn sie sich selbst am Ende "Aida" nennt und der gleichnamige Dampfer wie auf Befehl laut tutend am Zelt vorbeirauscht.

Oder wenn Alexander Simon als Seemann ohne Papiere in den Fängen der Behörde landet und wie ein geborener Punk-Sänger den wunderbaren Zitronen-Song "Wenn ich ein Turnschuh wär" anstimmt: "Über euer scheiß Mittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär. Oder als Flachbildscheiß. Ich hätte wenigstens einen Preis." Dazu spielt die Bord-Kapelle "Die Vögel (+1)" aus Musikern der Goldenen Zitronen und der Hamburger-Schule-Band "Die Sterne im Salonhintergrund" aufs Raueste auf. Das süße Leben der Bohème ist spätestens dann vorbei, als sie sich unverhofft erst mit malochenden Heizern im Unterdeck ("Die würden sich an Deck gar nicht wohl fühlen") und mit einer Schar Flüchtlinge konfrontiert sieht, symbolisiert von Damen und Herren des Kammerchors Altona. "Was sprechen die für eine Sprache?", fragt Sängerin Maria. "Die sprechen keine Sprache, das sind Flüchtlinge", erwidert Monika. Die Boat-People, so ein Seitenhieb gegen Sarrazin und die aktuelle Politik des französischen Präsidenten Sarkozy, sind Roma aus Paris und "haben alle dieselben Zigeunergene".

Eine Menge Anarchie und Dada huscht da durchs Bild. Leider auch viel unausgegorenes, moralisierendes Bildungstheater. Die politischen Denkanstöße laufen in knappen Szenen und in Texten von hölzerner Direktheit ins Leere. In seinen Aufführungen, die Kamerun seit Ende der 90er in der ganzen Republik aufführt, zehrt er vom Leben in der linken Subkultur und vom Hang zur Groteske. Doch anders als die Revuen seines Pudel-Klub-Mitbetreibers Rocko Schamoni will er kritische Szenen-Collagen zeigen. Nicht immer, wie in "Vor uns die Sintflut", münden sie dabei auch in konsequente Text- und Bilderfantasien.

Vor uns die Sintflut - von fliehenden Kreuzfahrern und See räubernden Weltbummlern: Termine bis 15.10., Thalia im Zelt, HafenCity, Strandkai, Nähe Marco-Polo-Terrassen, T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de