Interpol

Eine kurze Reise an das Ende der Welt

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Das neue, schlicht selbstbetitelte Album der New Yorker Band Interpol klingt wie der Soundtrack für eine kommende zivilisationslose Zeit.

Paul Banks ist nicht gerade allerbester Laune. Erwartet man von dem Interpol-Sänger eigentlich auch nicht. Auf der Bühne ist er alles andere als kommunikativ, die gesamte Band agiert bei ihren Konzerten oft so abweisend, als wäre überhaupt kein Publikum im Raum. Banks ärgert sich über verspätete Flüge und über eine defekte Dusche in dem Berliner Vier-Sterne-Hotel, in dem die Band abgestiegen ist. Bei diesem Promotion-Trip für das am 3. September erscheinende vierte Album mit dem schlichten Titel "Interpol" muss er zudem noch über etwas sprechen, das jemand anderes besser erklären könnte als er. Denn Bassist Carlos Dengler hat die Band verlassen. Dengler hat zusammen mit Gitarrist Daniel Kessler die Musik von Interpol geschrieben und galt als der heimliche Kopf der Band.

"Ich vermisse ihn vor allem als Mensch", sagt Paul Banks. Dabei waren die beiden nicht gerade die dicksten Freunde, als Kessler das Quartett 1997 in New York zusammenstellte und Banks als Sänger dazuholte. Banks bestätigt, dass Dengler und er am Anfang schon aneinandergerasselt seien, doch später wurde daraus eine enge Beziehung: "Wenn wir zusammen spielen, funktionieren wir als Gruppe perfekt. Wenn wir diskutieren, fängt es schnell an zu nerven." Interpol kennen sich wie so viele andere Bands nicht aus der Schule, sie sind keine Freunde, sondern eine Gruppe von Künstlern, die gemeinsam in einem kreativen Prozess stecken. Kessler und Dengler komponierten die Musik, Banks schreibt die Texte, Schlagzeuger Sam Fogarino steuert das rhythmische Gerüst bei.

So war es auch bei diesem aktuellen vierten Album. Die ersten Demos entstanden bereits Ende 2008, dann arbeitete die Band neun Monate gemeinsam an den Songs, die Aufnahmezeit im Studio betrug nur zwei Wochen, weil alles perfekt vorbereitet war. Banks räumt ein, dass die Ideen von Kessler und Dengler zu Beginn sehr weit voneinander entfernt waren und es eine Zeit gedauert habe, bis aus diesen Experimenten fertige Songs geworden seien.

Eine Band, die Hits oder Ohrwürmer produziert hat, war Interpol nie. Die zehn neuen Nummern sind dunkler als alles, was die New Yorker bisher aufgenommen haben. Die drei Instrumentalisten bauen einen düsteren Klangwall, die von Banks' Bariton gesungenen Texte wirken darauf wie eine klare Projektion. Die schon oft gezogenen Vergleiche zu Joy Division oder Bauhaus behalten weiter ihre Gültigkeit.

Paul Banks verarbeitet in den Texten seine Ängste und seine Liebesbeziehungen, ohne dass man daraus autobiografische Rückschlüsse ziehen könnte. Der frühere Literaturstudent weiß natürlich, was ein lyrisches Ich ist, selbst mit Andeutungen zwischen seinem Privatleben und seiner Lyrik hält er sich zurück. Überhaupt ist er vorsichtig in seinen Äußerungen. Über die Auflösung des Vertrages mit dem EMI-Label Capitol sagt er: "Ich weiß nicht, ob ich darüber sprechen darf", seine Beziehung zum dänischen Supermodel Helena Christensen ist gleichfalls ein Tabu-Thema.

Auskunftsfreudiger ist Paul Banks, wenn er über Tennis und Basketball sprechen darf. Dann hellt sich seine Miene hinter der schwarzen Brille auf und er erzählt begeistert von dem Wimbledon-Match zwischen Nicholas Mahut und John Isner, das im fünften Satz nach elf Stunden 70:68 endete.

Lieber als im Fernsehen stellt Paul Banks sich mit seinem Racket auf den Tennisplatz oder er klemmt sich seinen Basketball unter den Arm und macht mit ein paar Jugendlichen ein Shoot-Out auf einem eingezäunten Basketballfeld, ein paar Blocks von seinem Apartment in Manhattan entfernt.

Paul Banks im weißen Tennisdress, ein Bild, das nicht so richtig zu dem Sänger passen will. Doch der Sportfan Banks ist nichts weiter als eine private Facette des Künstlers Banks. Und der macht sich eine Menge Gedanken über die Welt, seine Zukunft als ein Viertel von Interpol und seine Solokarriere unter dem Namen Julian Plenti. Immer noch bewegt ihn der Film "The Road", der in einer postapokalyptischen Welt spielt. "Manchmal habe ich auch diesen Gedanken, dass man alles auseinandernehmen muss, weil die Gesellschaft so langweilig, unecht und reglementiert ist. Wenn es ums nackte Überleben geht, wirst du ehrlich." "Interpol" klingt oft wie der Soundtrack für eine Zeit, in der Zivilisation nicht mehr existiert. Trauermusik fürs Ende der Welt.

Die nächste Herausforderung für Interpol plus zwei Gastmusiker sei es, die neuen Songs auf der Bühne adäquat zu präsentieren. "In den Aufnahmen steckt eine Menge Arbeit. Aber jetzt kommt der leichtere Teil, die Tournee. Es ist wie beim Basketball: Nach den taktischen Anweisungen deines Trainers musst du den Ball nur noch in den Korb legen."

Interpol: "Interpol" (Soft Limit/Cooperative Music); www.interpolnyc.com