Schöne Lieder in böser Absicht

Seine Gesellschaftskritik verpackt Randy Newman in Pop und Spottsongs. Das Polittbüro widmet dem Musiker eine Ode

Polittbüro. Eigentlich hätte Randy Newman vor zwei Jahren wieder einmal ein Konzert in Hamburg geben sollen. Doch kurzfristig musste der inzwischen 67 Jahre alte Sänger, Pianist und Komponist wegen Krankheit absagen. Ob der in Kalifornien lebende Künstler mit den zynischen Wortwitzen überhaupt noch einmal die Strapazen einer Europatournee auf sich nimmt, steht in den Sternen. Sein Geld hat Newman in den letzten Jahren sowieso nicht mehr mit Plattenverkäufen oder Tourneen verdient, sondern als Komponist vieler Film-Soundtracks.

19-mal war er für einen Oscar nominiert, 2002 hielt er die begehrte Trophäe für den Song zu "Monster AG" in den Händen. Diese zur leichten Muse zählenden Filmsongs werden jedoch keine Rolle spielen, wenn das Polittbüro ab heute an Randy Newman erinnert.

"Political Science" heißt der Abend mit dem Untertitel "Eine Ode an Randy Newman". Hausherrin Lisa Politt singt Newmans Songs, eine dreiköpfige Band mit Gunter Schmidt (Klavier), Jo Jacobs (Schlagzeug, Synthesizer, Gitarre) und Hendrik Lorenzen (Saxofon, Bass) wird sie begleiten. Ein Konzert im herkömmlichen Sinne ist diese Ode allerdings nicht, denn sie geht weit über die üblichen Cover-Versionen und größten Newman-Erfolge hinaus - die übrigens schon viele andere gecovert haben: Joe Cocker landete mit "Leave Your Hat On" einen Hit, Three Dog Night mit "Mama Told Me Not To Come", Melanie und Katie Melua interpretierten "I Think It's Going To Rain Today".

Fünfter in dieser Polittbüro-Bande ist Hermann L. Gremlitza, Schriftsteller und Herausgeber des Politikmagazins "Konkret". An einem Schreibtisch sitzend wird er von der Bühne aus Songs von Randy Newman erläutern, kommentieren und richtig stellen. Denn Newman ist oft falsch verstanden worden, weil er in seinen Songs Positionen eingenommen hat, die alles andere als politisch korrekt waren. "Randy Newman schreibt schöne Lieder in böser Absicht", hat sein langjähriger Freund, der frühere Warner-Boss Lenny Waronker, über ihn gesagt. Gremlitza formuliert Newmans Ansatz so: "Er rettet seine Integrität dadurch, dass er sich Widersprüchen aussetzt, denen jeder andere zu entfliehen trachtet."

Das berühmteste Beispiel für diese Missverständnisse ist vielleicht "Short People" vom Album "Little Criminals". Randy Newman macht sich darin über kleinwüchsige Menschen lustig. Scheinbar. Behindertenorganisationen strengten Beleidigungsklagen gegen ihn an, im US-Bundesstaat Maryland wurde der Song sogar verboten. Dabei schlüpft Newman nur in die Rolle eines Zwerges, um die ganzen Vorurteile aufzuzählen, mit denen diese "short people" konfrontiert werden.

Newman zeigt die Kehrseite Amerikas. In dem fröhlichen "Birmingham" besingt er eine Stadt in Alabama, die für schlimmen Rassismus steht, in " I Love L.A." macht er sich über die Absurditäten in Los Angeles lustig, vor zwei Jahren rechnete er in dem Lied "A Few Words In Defense Of My Country" mit der Bush-Administration ab, indem er sie lobt. Es habe schließlich schlimmere Führer gegeben, römische Kaiser hätten Inzest betrieben und Rom angesteckt und Hitler und Stalin habe es schließlich auch gegeben. "Mein Job ist es, in meinen Liedern von Ungerechtigkeit, von menschlichen Schwächen und von Dummheit zu singen", erklärte Newman in einem "Spiegel"-Interview. Man muss sich in der amerikanischen Geschichte schon gut auskennen, um jede Anspielung zu verstehen oder jede Rolle zu begreifen, in die dieser geniale Provokateur schlüpft. Aber dafür gibt es ja im Polittbüro Hermann L. Gremlitza als Erklärer. Der Titel "Political Science", den das Polittbüro für seine Ode gewählt hat, ist übrigens der Titel eines gleichnamigen Songs vom 1972 erschienenen Album "Sail Away". Kurz vor Ende des Vietnamkriegs besingt Newman die Fantasien vieler Amerikaner, die am liebsten die ganze Welt beherrschen würden, gern auch unter Einsatz nuklearer Bomben. Wenn Paris und London erst einmal pulverisiert wären, würde sich niemand mehr über Amerika lustig machen.

Nicht nur diese Satire über den amerikanischen Narzissmus, auch viele andere Songs von Randy Newman haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Insofern hat das Polittbüro zum Saisonauftakt eine gute Wahl getroffen. Politische Lyrik in Pop, Balladen und Spottlieder gekleidet - das ist die große Kunst des Randy Newman.

"Political Science". Eine Ode an Randy Newman, Premiere heute, 20.00, Polittbüro (U/S Hauptbahnhof); Steindamm, Eintritt 17,60; danach bis zum 12.9. täglich außer montags; www.polittbuero.de