Ein Erklär-Bär, der Fragen stellt

Bei Conradi, unserer Galerie der Woche, machen sich zwei Künstler über die Vorherrschaft von Text und Bild Gedanken

Galerie Conradi. Ist nicht der Wunsch groß, einmal alles erklärt zu bekommen? Besonders in der modernen Kunst? Was soll und was bedeutet das? In der Galerie Conradi von Elena Winkel und Heiner Conradi gibt's für solche bohrenden Fragen zurzeit ein Extrakunstwerk, den Erklär-Bären sozusagen. Der soll die Kunst und die Welt um ihn herum erklären.

Seinen Namen verdankt er einem (bewussten) Hörfehler. Weil dessen Rumpf und Gliedmasse dem französischen Gebäck "éclair" nachempfunden sind, wurde er kurzerhand zum Erklär-Bären erkoren. So kann er zwar vieles versüßen, aber eben nicht auf den harten Kern reduzieren - ein "éclair" kennt nur süße Sahne in seinem Innersten.

Verantwortlich für Bär und Kunst zeichnen Thomas Baldischwyler und sein australischer Kollege Thomas Jeppe. Letzterer hat derzeit als Stipendiat der Hamburger Kulturbehörde das Gästeatelier auf der Fleetinsel bezogen. Baldischwyler arbeitet dort bis März 2011 als Gast der Philipp-Otto-Runge-Stiftung.

Die beiden Künstler haben in intensiver Zusammenarbeit eine Ausstellung konzipiert, in der sie einen Rückblick auf ihre Jugend- und Kinderzeit in den 80er-Jahren nehmen. Da geht es um zentrale Ereignisse und Figuren dieses Jahrzehnts. Um den anarchistischen Möchtegern- und selbst ernannten "People's Poet" Rick Mayall in der britischen Sitcom "The Young Ones", um Prime Minister Maggie Thatcher, den Bergarbeiterstreik 1984 in England, um die "Challenger"-Katastrophe 1986 sowie Michel Jarres Reaktion auf das Unglück während des bis dahin weltweit größten Konzerts in Houston/Texas.

Mit dabei ist auch die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland", Schultafeln oder das Bild eines Magiers. Aus solchen Bezügen errichten Baldischwyler und Jeppe eine komplexe Installation aus Bildern, Skulpturen und Bühnenarrangement, in der der Erklär-Bär dann plötzlich wie die selbstkritische Personifikation des modernen Künstlers erscheint, betraut mit der gesellschaftlichen Aufgabe des großen Durchblicks. Doch statt Antworten gibt es Fragen. Wichtige Fragen, die den eigenen Status als Künstler thematisieren, so in der Figur des Rick Mayall.

Dafür führten die beiden Künstler Jeppes "Text-Paintings" und Baldischwylers Vorarbeiten für eine imaginäre Ausstellung mit dem Titel "Das politische Plakat: Dekontextualisierung ohne Erkenntnisgewinn" zusammen und verwischen damit die Grenzen der Autorenschaft im Grundrauschen ihrer gemeinsamen soziokulturellen Prägung in Europa und Australien durch die "Konservenbüchsen" BBC, Lewis Carroll und Barbour-Jacken. Damit greifen sie den ewigen Streit um die Vorherrschaft von Text, Poesie oder Bild auf, wie es bereits Gotthold Ephraim Lessings Schrift "Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie" unternahm.

Indirekt zitieren die Künstler sogar die Kritik von Theodor W. Adorno an Ernst Bloch, der in seinem "Prinzip Hoffnung" dem Wort Vorrang vor der Farbe in puncto "wahrheitsgemäße Mitteilung" gab.

Das Wort kann hier im Übrigen jeder ergreifen. Am letzten Tag der Ausstellung, am 20. August, 19 Uhr, darf jeder, der sich berufen fühlt, auf der Bühne seinem Mut oder Unmut freien Lauf lassen, sich als "People's Poet" oder "Erklär-Bär" probieren.

Galerie Conradi bis 20. August. The People's Poet: Prevention of Education through Poetry. Eine Ausstellung von Thomas Jeppe & Thomas Baldischwyler, Schopenstehl 20 (U Messberg), Di-Fr 11.00-19.00, Sa 14.00-16.00, T. 46 96 66 45; www.galerie-conradi.de