Ernst Deutsch Theater

Gefeierter Spielzeitauftakt mit Psychodrama "Eine Familie"

Foto: Engerfoto.de

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In Tracy Letts Stück "Eine Familie" beeindruckte am Ernst Deutsch Theater vor allem Claudia Amm als kranke und gnadenlose Matriarchin.

Hamburg. Mit Tracy Letts' Psychodrama „Eine Familie“ ist das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater am Donnerstagabend in seine neue Spielzeit gestartet . Bei der Premiere des dreistündigen Abends über Demütigung, Egoismus, Inzest und Entfremdung erhielten Regisseur Peter Hailer und seine 13 Darsteller vom Publikum viel Beifall. Andere Besucher ließen sich allerdings weniger überzeugen. Vor allem beeindruckte Claudia Amm als sucht- und krebskranke, gnadenlose Matriarchin.

Für das 2007 in Chicago uraufgeführte, gut gebaute und durchaus unterhaltsame Stück hat der Autor den Pulitzer-Preis bekommen. Erstmals auf Deutsch gezeigt wurde es 2008 am Mannheimer Nationaltheater. Letts, Jahrgang 1965, verbindet darin literarische Traditionen eines Tschechow, Williams und O'Neill mit Fernsehästhetik und drastischer Wortwahl.

„Das Leben ist sehr lang“, zitiert der ältere Hochschullehrer Beverly (Hartmut Schories) gleich am Anfang den Dichter T.S. Eliot. Er isst noch etwas Rührei mit Speck und verschwindet für immer. Seine in jeder Hinsicht angeschlagene, aber machtbewusste Frau Violet (Amm) trommelt ihre drei Töchter und Schwester sowie deren Anhang zusammen. Was folgt, ist eine endlos erscheinende Folge verbaler Tiefschläge, in denen sich die geistig-seelischen Verwerfungen offenbaren. Alle sind Opfer und Täter zugleich.

Bühnenbildner Etienne Pluss benutzt dafür die Drehbühne: In verschachtelten, trüben Räumen mit miefigem, einst schicken 60er-Jahre-Mobiliar kreist die Familie um sich selbst.

Der Amerikaner Letts schuf neben der Haupthandlung viele knappe, von bitterem Humor geprägte Szenen mit Einzeldisputen. Sie finden mal in der Küche, mal im Schlafzimmer statt. So streitet sich die zickige Barbara (Isabel Vértes-Schütter) mit ihrem untreuen Mann Bill (Stefan Reck) oder macht sich Karens Verlobter Steve (Hans-Christian Seeger) an den Haschisch rauchenden Teenager Jean (Adriana Möbius) heran.

Dadurch gewinnt das Drama Sitcom-Qualität. In der gestrafften, sehr direkt ausgespielten Inszenierung Hailers kommt der Aspekt den Sehgewohnheiten des TV-Publikums entgegen. Doch verlieren sich psychologischer Tiefgang und quälend unter die Haut gehende Spannung. Wahr ist der Abend trotzdem.

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