Manson-Morde

Charles Manson: Kaltes Blut

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Vor 40 Jahren begann in Kalifornien der Prozess gegen Charles Manson und seine "Familiy". Brutal ermordeten sie neun Menschen.

Nur einmal, einen kurzen Moment lang, sind sich Sharon Tate und Charles Manson begegnet. Im März 1969 erschien Manson auf dem Anwesen 10050 Cielo Drive in den Canyons westlich von Hollywood, das Tate und ihr Ehemann Roman Polanski gemietet hatten. Vor dem Eingang stieß er auf Tates Fotografen Sharokh Hatami, der ziemlich barsch fragte, was Manson wolle. Manson wusste nichts von den Polanskis, er suchte den früheren Mieter Terry Melcher, mit dem er unbedingt eigene Songs aufnehmen wollte. Hatami wies ihn brüsk zum Haus des Eigentümers: "Take the back alley", den Weg an den Mülleimern. In diesem Moment erschien Sharon Tate auf der Veranda, sah Manson an und fragte beiläufig: "Wer ist das, Hatami?" Manson ging.

Hat Hatamis Beschützerattitüde Manson verärgert, sodass er seine Anhänger vier Monate später zum Morden in den Cielo Drive schickte? Diese These legte Staatsanwalt Vincent Bugliosi im Manson-Prozess nahe, der am 24. Juli 1970 in Los Angeles begann. Neben Reportern und Kamerateams aus der ganzen Welt war unter anderem sogar Truman Capote, der Autor von "Kaltblütig", aus New York angereist. Die Morde an mindestens neun Menschen - darunter die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, vier ihrer Freunde und des Ehepaares La Bianca - erschütterten damals nicht nur die USA, sondern auch Westeuropa. Und auch 40 Jahre nach Prozessbeginn entsetzt die ungeheure Brutalität dieses Falles und steht zugleich für die Entzauberung der Hippiekultur. "Ein emotionaler Schock", sagt der Publizist Michael Jürgs heute. "Man hatte das Gefühl, dass diese unschuldige Jugendkultur, diese schöne, neue Welt, plötzlich schuldig war, dass sie durch diese Morde erledigt war."

Kalifornien war seit Mitte der 60er die Keimzelle der Hippiekultur mit ihren Symbolen: langen, ungebändigten Haaren, Blumenschmuck und Kommunen; mit dem Slogan "Make Love Not War", mit LSD und Pot, Bewusstseinserweiterung und der Suche nach Spiritualität. Mit Songs wie "California Dreamin'" von The Mamas and the Papas, mit Kultfilmen wie "Easy Rider". Jeder junge Mensch, auch in Europa, fühlte sich angezogen. Kalifornien erschien als das gelobte Land.

Und ausgerechnet dort, im Mittelpunkt dieser friedlichen und freundlichen Bewegung, war jetzt eine Killersekte erstanden: Mansons "Family".

Wie und warum, das erschloss sich erst nach und nach während des Prozesses gegen Manson und vier Mitangeklagte. Manson wählte seine Opfer "at random", sagte Kronzeugin Linda Kasabian - willkürlich. Es genügte, dass sie "pigs" waren: Mitglieder des reichen Establishments. Manson hatte eine apokalyptische Theorie, wonach die Taten nach geheimen Botschaften im "Weißen Album" der Beatles notwendig waren, um einen Weltuntergang einzuleiten. Niemand konnte diese Mischung zwischen Massenmord, Popkultur und Landkommune begreifen. Auf eine solche Tätergruppe und eine solche Art von Kriminalität war die Welt nicht vorbereitet.

Bis dahin hatte die "Family" in Kalifornien keine besondere Aura umgeben. In den Canyons um Los Angeles und Hollywood lebten unzählige Aussteiger in Kommunen, darunter auch Weltretter und Sekten. Seit 1968 war Manson mit seiner wachsenden Gruppe von Mädchen und ein paar jungen Männern in einem umgebauten Schulbus herumgezogen, auf dem "Magical Mystery Tour" stand. Zuletzt lebten sie auf der "Spahn Movie Ranch" in den Santa Susanna Mountains nördlich von Hollywood, die einmal Filmkulisse für ein paar "Bonanza"-Folgen und Marlboro-Werbespots war.

Manson, 1934 in Ohio geboren, war das uneheliche Kind einer 16-Jährigen, die nach Aussage ihrer Verwandten "mit Männern herumzog". Charles Manson lernte seinen Vater nie kennen. Seine Mutter überließ ihn wechselnden Fürsorgeeinrichtungen. Mit 16 Jahren wurde er zum ersten Mal straffällig wegen Autodiebstahls. In seiner Kriminellenkarriere fiel der 1,63 Meter kleine Manson weniger durch körperliche Gewalt als durch Betrug, Zuhälterei und Raub auf. Er lernte, Menschen für sich zu instrumentalisieren. Mit 19 hatte er die Bildung eines Siebtklässlers. Aber mehrere Psychiater bescheinigten ihm hohe Intelligenz. Als Manson 1967 nach mehreren Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, war er 32 Jahre alt und hatte 17 davon in staatlichen Einrichtungen verbracht.

Er fand an der Westküste eine faszinierend veränderte Welt vor. Das Viertel Haight Ashbury in San Francisco war im Sommer 1965 zum Zentrum der Hippiebewegung geworden. Junge Tramper aus dem ganzen Land kampierten in Parks und in offenen Wohngemeinschaften. Der Stadtteil, in dem unter anderem Janis Joplin, die Bands Jefferson Airplane und Grateful Dead lebten, war eine vitale Quelle der Popmusik des Experiments und der Lebenslust.

Manson, der im Gefängnis annehmbar Gitarre spielen gelernt hatte, fühlte sich zum ersten Mal akzeptiert. Es gelang ihm sogar, sich mit Brian und Dennis Wilson von den "Beach Boys" anzufreunden. Sie waren bereit, ein paar seiner Songs aufzunehmen. Einen davon, "Cease To Exist", übernahmen sie etwas verändert unter dem Titel "Never Learn Not To Love" in ihr Album "20/20".

Das könnte nach einer wunderbaren, sympathischen Resozialisierungs-Story klingen. Aber das war es nicht. Inmitten der schönen neuen Hippiewelt bewegte sich Manson immer in kriminellen Netzwerken: "Geld beschaffte er durch Drogenhandel, Diebstahl und Schnorrerei", schrieb der Musiker und Beatnik-Poet Ed Sanders in seinem Standardwerk über "The Family".

Manson brauchte Submilieus, Begehrlichkeiten und Strömungen, die ihn nährten. Seine Mädchen, überwiegend aus gutbürgerlichen Verhältnissen, gehörten zu den Tausenden der ersten Pille-Generation, die Ausbildung und College abbrachen und sich mit verlangender Naivität in die Hippiewelt warfen. "Wenn Charlie uns sagte, dass wir etwas tun sollten, haben wir es getan, ohne zu fragen", sagten Susan Atkins und andere Mädchen vor Gericht. Charlie verlieh seinen Harem auch gern an interessierte männliche Besucher, wie er es schon als Zuhälter getan hatte. Regelmäßige Kunden waren die Biker von den "Satan Slaves" und "Straight Satans", denen er Drogen verkaufte.

Was als Gegenkultur in Haight Ashbury begonnen hatte, war längst auf dem Weg in die Selbstzerstörung. Sowohl die Hippies wie auch die Hollywood-Schickeria waren dankbare Abnehmer von Drogen aus dem "dope land" in den Canyons. Als Sharon Tate und Roman Polanski Anfang 1969 in ihrem neuen Domizil am Cielo Drive eine Einweihungsparty gaben, verließ Nancy Sinatra wegen der angebotenen Drogen entrüstet das Haus, während Peter Sellers, Warren Beatty und die damals 24-jährige Mia Farrow ihr von der Terrasse bekifft hinterhergiggelten.

Manson - als Schnorrer und auch als Drogenhändler - sog alles auf wie ein Schwamm: nicht nur die Beachtung der Reichen und Erfolgreichen, sondern auch ihre Kreditkarten, Musikinstrumente, Antiquitäten und Waffen. Ebenso braute er sich aus verschiedensten Mythen seine bizarre Mixtur aus Jüngstem Tag, Krieg der Welten und Hopi-Indianerlegenden zusammen.

Manson glaubte an einen bevorstehenden Krieg, in dem die Schwarzen alle Weißen töten - bis auf eine kleine Gruppe, die in einer Erdspalte des kalifornischen Death Valley überlebt: Mansons "Family". Nach 40 Jahren würden die Schwarzen in Manson endlich den einzig auserwählten Führer erkennen, der eine neue Welt aufbaut. Als Ende 1968 das sogenannte Weiße Album der Beatles erschien, fühlte sich Manson bestätigt, vor allem in den Titeln "Helter Skelter" (etwa: drunter und drüber) und "Revolution 9".

Wer die Songtexte liest, wird darin weder Weltuntergang noch Aufforderung zum Mord finden. Die Beatles erfuhren erst während des Prozesses von Mansons Auslegung und fanden sie "lächerlich". John Lennon kehrte damals gerade von einem sechswöchigen Urschrei-Seminar in Los Angeles nach London zurück und sagte: "Helter Skelter ist ein erotischer Song. Jeder weiß das. Wie konnte Manson den Tod darin finden? Wäre ich ein gläubiger Mensch, würde ich dafür beten, von Leuten wie Manson erlöst zu werden."

"Helter Skelter", das große Durcheinander, wurde Mansons Mantra. Weil die Bewegung der Black Panthers - "Blackies", wie er sie abfällig nannte - keine Anstalten zum Angriff machte, entschloss er sich nachzuhelfen. Die Morde an Sharon Tate und ihren Freunden und am Ehepaar Leno und Rosemary LaBianca wollte er den "Blackies" in die Schuhe schieben, sagten Family-Mitglieder aus. Er wollte "den Blackies zeigen, wie's gemacht wird".

Obwohl der Prozess sich noch acht Monate hinzog, war er nach der Aussage der Kronzeugin Linda Kasabian "im Grunde beendet", schrieb Ed Sanders. Ihre 18 Tage währende, ehrliche und von Weinkrämpfen begleitete Beschreibung der Taten trieb zahlreiche Reporter aus dem Raum, auch einigen Jury-Mitgliedern wurde schlecht. "Der Saal roch nach Tod", so Sanders.

In der Nacht vom 8. zum 9. August 1969 hatten Susan Atkins, zur Tatzeit 21, Patricia Krenwinkel, 22, und Tex Watson, 23, auf Mansons Anweisung im Cielo Drive den Hausmeister Steven Earl Parent getötet, dann erstachen sie Sharon Tates Freunde Jay Sebring, Abigail Folger und Vojtech Frykowski und zum Schluss die Schauspielerin selbst. "Bitte, tötet mich nicht, ich bekomme ein Baby", sagte sie zu Susan Atkins, die ihr ungerührt antwortete: "Hör zu, bitch! Es ist mir egal, ob du ein Baby bekommst. Du solltest besser bereit sein, du wirst sterben." Der Gerichtsmediziner zählte an den Opfern insgesamt 102 Stichwunden, allein 51 im Körper von Frykowski. Vor der Rückfahrt schmierte Tex Watson mit Blut das Wort "Pig" an die Eingangstür.

Am folgenden Abend war Manson mit Atkins, Watson, Krenwinkel, Kasabian, der 19-jährigen Leslie van Houten und dem 16-jährigen Steve Grogan unterwegs und suchte schließlich - "at random" - das Haus der ihm völlig unbekannten LaBiancas aus. Das Ehepaar schlief bereits. Manson selbst fesselte sie nur, dann fielen Watson, Krenwinkel und van Houten mit ihren Messern über die Opfer her. Insgesamt 52 Stichwunden, dazu sechs Stiche mit einer zweizinkigen Gabel aus der Küche. Auf Lenos Bauch ritzten sie das Wort "War" (Krieg). An Tür und Kühlschrank schrieben sie, wieder mit Blut, "Death to pigs", "Helter Skelter" und "Rise" (erhebt euch).

Eine Reihe von Ermittlungsfehler des Morddezernats von Los Angeles führte dazu, dass Manson erst spät festgenommen wurde. Auf das Konto der Family gingen auch die Morde an dem Musiker und Drogenhersteller Gary Hinman und an dem Cowboy Shorty Shea, die im Prozess nicht verhandelt wurden. Aber ohne Linda Kasabian, die nur das Auto der Bande gefahren hatte und als Kronzeugin straffrei blieb, hätte Staatsanwalt Vicent Bugliosi Probleme gehabt, Mansons treibende Rolle nachzuweisen. Dessen Prozesstaktik bestand darin, seine Sklavinnen von einer Aussage gegen ihn abzuhalten.

Am 25. Januar 1971 wurden Manson und seine Mitangeklagten wegen Mordes und Verschwörung zum Mord schuldig erfunden und zum Tode verurteilt. Hätte der Oberste Gerichtshof von Kalifornien nicht im Februar 1972 die Todesstrafe für verfassungswidrig erklärt, wären alle in die Gaskammer gegangen. So wurden die Urteile in lebenslänglich umgewandelt.

"Natürlich erregte der Prozess eine riesige Neugier", erinnert Michael Jürgs, damals bei der Münchner "Abendzeitung". "Es kam alles zusammen, was einen guten Film ausmacht, einen Polanski. Man könnte sagen: Das war 'Rosemarys Baby' auf erschreckend wirkliche Art."

In Hollywood begann die Zeit der Alarmanlagen und der Bodyguards. "Die Szene reagierte mit Panik und Paranoia auf die Morde", sagt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung. "Es war die völlige Desillusionierung über die Hippieszene. Das Negativ-Echo der Manson-Family hat alles verschlungen."

Schon während des Prozesses begann Mansons Mystifizierung. "Ich habe schon immer in eurer Gefängniszelle gesessen", klagte er die Amerikaner während des Prozesses an. Viele sahen in ihm ein Opfer des Establishments, für andere war er das personifizierte Böse. Der Name Manson wurde zur Blaupause für alle, die Gebrauch für einen absoluten Anti-Star haben: Möchtegern-Revoluzzer, Rebellen, Satanisten. Hardrock-, Death-Metal- und Punk-Bands haben Mansons Abschreckungsimage immer wieder gern genutzt, unter anderem Sonic Youth, die Ramones (in "Glad To See You"), Guns N' Roses. Und allen voran der androgyne Schock-Rocker Marilyn Manson (bürgerlich: Brian Warner), der im Jahr der Manson-Morde geboren wurde und keine Gelegenheit ausließ, die ästhetischen und musikalischen Schmerzgrenzen der Öffentlichkeit auszutesten. Sein Künstlername sei ein typisches US-Paradoxon, sagte er, "ein Statement über die amerikanische Kultur, die Macht, die wir Ikonen wie Marilyn Monroe und Charles Manson verleihen".

Charles Manson ist mittlerweile 75 Jahre alt und sitzt im Hochsicherheitstrakt des kalifornischen Staatsgefängnisses in Corcoran ein. Er gibt hin und wieder Interviews, 1986 veröffentlichte er eine Autobiografie. 2007 wurde sein elftes Bewährungsgesuch abgelehnt, das nächste kann er 2012 stellen. Bisher hat er alle Rehabilitationsprogramme verweigert. Seit der "Family" hat er von seiner Selbststilisierung als Mann mit überweltlicher Mission gelebt. So sieht er sich bis heute.