Freiluftkino zeigt "Rocker"

Zwischen Kiez, Knast und Krad

Foto: defd Deutscher Fernsehdienst

Heute ist von 22.30 Uhr an der Hamburger Kultfilm "Rocker" im Freiluftkino auf dem Heiligengeistfeld zu sehen.

Millerntor-Stadion. Der Star brachte sein eigenes Bier mit. Na gut, der Name Hans-Jürgen Modschiedler taucht nicht mehr allzu oft in Feuilletons auf, aber wer jemals den Film "Rocker" gesehen hat, in dem er einen 15 Jahre alten Lehrling spielt, wird ihn kaum vergessen. Und weil der Mann nicht nur vor der Kamera Eindruck zu machen versteht, sondern auch geschäftstüchtig ist, kam er zu einer der Filmvorführungen mit 20 Kästen Bier aus der Brauerei eines Verwandten in Süddeutschland. Die Rechnung ging auf. Wie eigentlich immer, wenn der Film gezeigt wird, verspürten die Zuschauer auch diesmal einen stechenden Durst. Modschiedler wurde alle Flaschen los, musste noch die Etiketten signieren und verpasste fast seinen Auftritt vor der Leinwand. Das Star-Dasein fordert eben seinen Preis.

Klaus Lemke drehte seine Milieustudie "Rocker" 1971. Er zeigt darin junge Leute zwischen Kiez, Knast und Kraftrad. Die Zuhälter bekämpfen darin die Rocker. Gedreht hat ihn der Münchner Lemke wie immer fast ohne Zuschüsse irgendeiner Filmförderung und ausschließlich mit Laiendarstellern. Das ZDF war 1971 noch so mutig, diesen unkonventionellen Regisseur und seine Filme zu finanzieren.

Der Ton ist rau, manchmal sogar herzlich, die Typen sind schräg, die Songs exquisit. Auf dem Soundtrack sind die Rolling Stones mit "Sister Morphine" vertreten, Van Morrison singt mit der Band Them "It's All Over Now, Baby Blue", Elvis schmettert "King Creole", Santana spielt "Jingo" und Led Zeppelin lässt es bei "Rock 'n' Roll" krachen. Der Film ist musikalisch randvoll mit dem Zeitgeist der frühen 70er-Jahre. Eine Milieustudie ist der Film auch deshalb, weil er zeigt, wie aggressiv die Bevölkerung zum Teil auf die Lederjacken-Gang reagiert.

Dieses Werk darf in keiner Hausapotheke mit Hamburg-Filmen fehlen. Dass der Film längst Kultcharakter errungen hat, belegt ein eigener Fanklub. "Mach dich grade" heißt die Gemeinschaft von Lemke-Verrückten, die kaum eine Aufführung verpassen. Momentan sind sie im Klub zwar nur zu fünft, aber der Leidenschaft tut das keinen Abbruch. Der Vorsitzende nennt sich natürlich "Präsi" - wir reden hier schließlich von Rockern! Torsten Stegmann weiß gar nicht mehr genau, wie oft er den Film schon gesehen hat. Nach einigem Überlegen schätzt er: "Zum ersten Mal bin ich ihm 1976 begegnet, seitdem mindestens so 200-mal."

Eine solide Grundlage, sollte man meinen. Die Vorführungen im Millerntor-Stadion besitzen einen besonderen Charme, denn hier hat der Film, der überwiegend auf dem Kiez gedreht wurde, ein echtes Heimspiel. Präsi Stegmann hat ihn aber auch schon in andere Spielstätten begleitet, zum Beispiel in eine Gaststätte an der B 73 zwischen Hamburg und Cuxhaven, vor der in einer entscheidenden Szene ein Lkw-Fahrer ein Motorrad überrollt.

"Man merkt dem Film immer noch an, dass er authentisch ist", versucht sich Stegmann an einer Erklärung des Dauererfolgs. Sein Mitstreiter, der Hamburger Regisseur Henna Peschel, habe das mit dem Satz "Da klebt der Dreck der Straße dran" in Worte gefasst. Und Fernsehgeschichte hat "Rocker" auch noch geschrieben. In einer Szene wird ein Joint gedreht. "Der erste im deutschen Fernsehen", behauptet der Regisseur.

Viele Locations, die Lemke ins Bild setzt, gibt es längst nicht mehr. "Rocker" ist auch ein Film für Hamburg-Nostalgiker. Und die sind offenbar treu. Darsteller kommen regelmäßig als Gäste zu den Vorführungen, deren Texte kennt längst auch das Publikum auswendig. Sätze wie "Ein Daimler ist ein Daimler, und das ist mein Daimler", "Mach dich grade, Klappstuhl" oder "Du flachst mich nicht, Torte!" werden je nach Alkoholpegel verhalten oder etwas kräftiger mitgesprochen - oder gegrölt. Und jedes Mal gibt es einen ausgiebigen Schlussapplaus.

Das Filmfieber hat Stegmann übrigens nachhaltig infiziert. Der 47-Jährige arbeitet als Filmvorführer im Alabama-Kino und für die Kurzfilmagentur. Gerade hat er seinen ersten eigenen Langfilm gedreht. "Harrys Comeback - Letzter Puff vor Helgoland" ist - natürlich - schräg, setzt auf Laiendarsteller und kann seine Vorbilder Lemke und Peschel nicht verleugnen. Er läuft ab dem 19. August im 3001.

Rocker ca. 22.30, Millerntor-Stadion (U St. Pauli), Auf dem Heiligengeistfeld, Eintritt 7,-/5,-; www.machdichgrade.de