Fremdschämen, die nächste

Die ProSieben-Containershow "Solitary" startet Sonnabend. Das soll der neue Fernsehskandal sein?

München. Erregung ist ein autodynamischer Antrieb. Sie braucht zwar Impulse von außen, doch was uns wie sehr reizt, ist individuell fast so verschieden wie das, was uns kalt lässt. Umso erstaunlicher, dass gewisse Erregungskurven abseits von Sex und Gewalt berechenbar steigen, sobald das Fernsehen nur die richtigen Signale sendet. Dann wird Erregung rasch zu Empörung.

Ende der sexuell ziemlich befreiten 70er-Jahre etwa reichte dem Bayerischen Rundfunk noch ein schwuler Kuss in Wolfgang Petersens "Die Konsequenz", um sich angeekelt aus der ARD zu schalten. Im dualen Zeitalter schrillten die Alarmglocken besonders laut, als sich bei RTL mündige Bürger auf heiße Stühle setzten oder halbnackig machten ("Tutti Frutti"). Und als sie sich erstmals wochenlang freiwillig unter Kamerabeobachtung begaben, wurde beinahe der humanistische Notstand ausgerufen. Ob "Big Brother", das Dschungelcamp oder die "Super Nanny" - wenn das Leitmedium unter dem Siegel "Reality" das inszeniert, was mit Realität so wenig zu tun hat wie Christine Neubauer, weckt das Feuilleton reflexartig sein Helfersyndrom. "Hilfe!", ruft es dann. "Die Hochkultur! Das Bildungsniveau! Unsere Kinder!"

Nun brüllt es fast. "Solitary" heißt ein neuer TV-Knast, der an diesem Sonnabend beim Plastikkanal ProSieben startet, frei übersetzt: "Besieg dich selbst." Neun leidlich prominente Kommerzgewächse, deren Prominenz ausschließlich aus Prominenz selber erwächst, werden für maximal zehn Tage in Kubussen isoliert und von der leidlich bekleideten Sonya Kraus mit Spielchen getriezt: aus dem Tiefschlaf heraus Zahlenkolonnen auswendig lernen zum Beispiel und bei Versagen repetitive Refrains von Hasselhoff erdulden.

So etwas ist fraglos nicht schön, dabei sinnfrei und sterbenslangweilig, fürs Publikum also kaum weniger traumatisierend als für die Protagonisten. Deren Namen ohnehin nur denen etwas sagen, die solche Formate für sehenswert halten (Martin Kesici? Liza Li?? Benny Kieckhäben???). Aber bedenkenswert, gefährlich, strafbar gar?

I wo! Insassen, die sich hierzulande voyeuristischer Fremdscham aussetzen, sind wie alle Protagonisten des Real-Life- und Show-Fernsehens Angestellte auf Zeit mit Arbeitsverträgen, -auflagen und -entgelten. Spontaneität, Überraschung, Unvorhergesehenes ist in diesem verregelten Prozess der erklärte Feind jeder Erregung und damit kontraproduktiv. Jede Eventualität wird vom Drehbuch abgefedert, die Wirklichkeit zur gigantischen Illusion. Sonst wäre sie (was sich im Grunde nur noch Stefan Raab traut) ja live.

So gesehen haben offen irreale Medienereignisse weit mehr reale Relevanz als "Solitary": Wolfgang Menges Film "Millionenspiel", der die steigende Sensationslust via TV schon 1970 so real persiflierte, dass es viele Zuschauer für ähnlich authentisch hielten wie Orson Welles' Hörspiel "Krieg der Welten" 32 Jahre zuvor. Oder, 2006, "De Grote Donorshow" im niederländischen Programm, wo Nierenkranke angeblich Spenderorgane gewinnen konnten.

Da kann man bei Aufgaben wie die, in freiwilliger Isolationskurzhaft 36 T-Shirts übereinander zu ziehen, doch müde lächelnd abschalten - und seine Erregung mit der Wirklichkeit entfachen. Oft reicht da ein Blick in die Tageszeitung.

"Solitary", ProSieben, Sa 20.15 Uhr