Serie: Der kluge Kopf dahinter

Eike Schönfeld: Interpret, nicht Schöpfer

Foto: Roland Magunia

In loser Folge stellt das Abendblatt Künstler und Kulturarbeiter außerhalb des Rampenlichts vor. Heute: der Übersetzer Eike Schönfeld.

Hamburg. Im Wohnzimmer stehen Regale, im Arbeitszimmer auch. Auf ihnen lagern Bücher: Nabokov, Baker, Wilde. Hinten, in der Ecke, ein Exemplar mit glänzendem Einband, es schließt die Reihe der Bücher nach vorne ab. Der Umschlag weist Maxim Biller als Autor aus. Einer der lauteren unter den Schriftstellern, Biller lässt gerne mal krachende Salven durchs Feuilleton rattern. Ein Dichter, der es darauf anlegt, vernommen zu werden. Eike Schönfeld spricht leise, er bewegt sich sogar leise, wenn er zum Bücherregal geht. Schönfeld schreibt auch Bücher, aber seine Stimme hört man kaum je.

Schönfeld ist Übersetzer, einer der renommiertesten in Deutschland. 80 Bücher hat er in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten ins Deutsche übertragen. Deswegen ist Maxim Biller für ihn eigentlich uninteressant: als Arbeitsobjekt. Schönfeld ist Anglist. Er wird gebraucht, wenn Engländer oder, mehr noch, Amerikaner ins Deutsche übertragen werden sollen. Schönfeld hat J.D. Salinger, Nicholson Baker, Oscar Wilde und Jeffrey Eugenides verdeutscht. Er hat die Originaltexte übersetzt, mit Einfühlung und Stilwahrung, aber nicht ohne Kreativität. Er hat alles in einer neuen Sprache noch mal aufgeschrieben, ohne etwas zu erfinden.

Übersetzer sind wie Kapitäne einer Fähre. Sie haben die Hand am Steuer, aber das Schiff haben sie nicht gebaut.

Eike Schönfeld, 60, ist ein schlaksiger Mann mit grauem Haar und dicker Brille. Wenn er so vor einem sitzt im Wohnzimmer seiner Eimsbütteler Wohnung, wenn er gütig sagt: "Die Kinder schreien schon wieder", dann wirkt er genau wie der Büchermensch, der er ist. Draußen ist ein schöner Frühlingstag, drinnen schenkt sich Schönfeld japanischen Tee ein und sagt: "In England war ich mal eine Zeitlang und habe als Barmann gearbeitet."

Zurzeit übersetzt Schönfeld den neuen Roman Jonathan Franzens

Auf dem Tisch liegen die Herbstprogramme von Rowohlt und KiWi, zwei der wichtigsten Verlage in Deutschland. Schönfeld hat viel für sie gearbeitet, zurzeit übersetzt er den neuen Jonathan Franzen. "Freedom", "Freiheit", wird einer der Höhepunkte der Saison, ein dicker Brocken. 800 Manuskriptseiten, der Roman wird zeitgleich am 17. September im Original und seinen Übersetzungen erscheinen. Das Erscheinungsdatum ist ambitioniert, Schönfeld übersetzt zusammen mit der Kollegin Bettina Abarbanell, jeder hat seinen eigenen Part.

Übersetzen ist, wie die meisten Tätigkeiten, die mit Büchern zu tun haben, eine einsame Angelegenheit. Aber Selbstdisziplin ist Schönfeld, dem promovierten Literaturwissenschaftler, noch nie schwergefallen. Um 9 Uhr fängt er an, jeden Morgen, direkt nach der Lektüre der Zeitung. Neben sich die Fotos von den Söhnen, 18 und 22, einer macht seinen Schulabschluss in Reading, der andere studiert in Heidelberg.

Ob er uns etwas verraten kann aus dem Franzen-Buch? Ja, sagt Schönfeld: "Es ist toll." Es handelt von Familie, Gesellschaft, Liebe und Enttäuschung, der Umwelt. Die Augen blitzen, mehr sagt er nicht, mehr darf er nicht sagen.

Schönfeld, der gebürtige Brandenburger, hat einen weichen süddeutschen Akzent, aufgewachsen ist er in Württemberg. Nach dem Studium wusste er nicht so recht, was er machen sollte, da nahm er einfach mal an einem Übersetzerseminar teil. Ein paar Jahre später, mit 37, nach einer Ausbildung am Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen, begann er, als Übersetzer zu arbeiten. Zeitgleich zog Schönfeld der Familie wegen nach Hamburg. "Vielleicht", sagt Schönfeld, "muss man reifen, um zu übersetzen." Eine gewisse Lebens- und Spracherfahrung muss sein, auch nach 80 Büchern geht Schönfeld gerne zur Arbeit. Der Arbeitsweg ist nur ein paar Schritte lang, von der Küche nach nebenan, und vielleicht ist es wirklich so, dass Schönfeld den Ehrgeiz, selbst der Verfasser eines Romans zu sein, nie gespürt hat.

Das muss man ja denken: dass einer, der nur überträgt, selber mal Schöpfer sein will. Übersetzer sind ja nur Dienstleister, irgendwie. Aber Schönfeld sagt: "Mir fällt nichts ein. Ich habe der Welt nichts mitzuteilen."

Und das ist keine Selbstbescheidung, sondern eine Aussage, die implizit den Stolz auf den eigenen Beruf zum Ausdruck bringt. Denn Schönfeld ist Stilist, er weiß, sagt er, dass er das Sprachvermögen hätte, selbst etwas zu schreiben, er versteht sich aufs Handwerk. Manchmal erlaubt er sich den Anflug eines kritischen Gedankens und mäkelt, freilich nur in Gedanken, an den ästhetischen Entscheidungen des Autors. Noch seltener bekrittelt er mal das Figurenensemble, Schönfeld hat Glück gehabt mit den allermeisten seiner Dichter: "Ich bewundere sie." Er steht jetzt auf und greift ins Regal, dort ist noch ein Exemplar von Bakers "Rolltreppe", seinem Lieblingsbuch. Eine alte Übersetzungsarbeit, er erinnert sich gern. Jeffrey Eugenides hatte er besucht, als er noch in Berlin lebte, mit Franzen schreibt er E-Mails: "Dear Jonathan". Es ist ein Vertrauensverhältnis, das zwischen Autor und Übersetzer besteht, eine Art Vertrag, in dem festgelegt ist, wie weit die Gestaltungskraft des Übersetzers gehen darf. Schönfeld hat das schon oft erklärt. Das merkt man, wenn er von dem Gefüge aus Wörtern erzählt, von der Intention des Autors und seinen Stilmitteln. Vom Sinngefüge, das der Übersetzer erfassen muss.

Nicht jeder Autor ist für jeden Übersetzer geeignet, sagt Schönfeld, und manchmal arbeitet man unter besonderen Bedingungen, irgendwie. Zum Beispiel, wenn ein Autor wie Franzen selbst ziemlich gut Deutsch spricht. Oder wenn man ein Buch schneller übersetzen muss, als man eigentlich will. Es ist eine bekannte Klage der Übersetzergilde, dass sie wenig verdient - "wir werden nicht reich", sagt Schönfeld lapidar. Aber manchmal gewürdigt. In Form von Preisen oder von einem Verlag wie Mare, der den Übersetzernamen mit auf das Buchcover nimmt.

Neulich hat er selbst einen Text geschrieben, ungewohnt war das

Natürlich denkt auch Schönfeld, dass seine Arbeit von der lesenden Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen wird. "Wir übernehmen eine interpretatorische Arbeit wie Schauspieler im Theater - die werden als Künstler wahrgenommen, wir nicht." Dafür kann er im stillen Kämmerlein arbeiten, er ist kein Mann, den es ins Rampenlicht drängt, eine wichtige Selbsterkenntnis.

Auf dem Sofa ist ein Schal des FC St. Pauli drapiert, alle zwei Wochen steht Schönfeld in der Nordkurve. Neulich hat er einen Text geschrieben für eine Anthologie anlässlich des 100. Geburtstags des Klubs, "für mich ist das ungewohnt". Er ist kein Autor, sondern Interpret. Einer, der - sozusagen privat - viel zu wenig liest, "was ich sehr bedaure", sagt Schönfeld. Aber egal, welchen Text Schönfeld vor sich hat, jeder nötigt ihm Respekt ab. Weil er sich fragt, wie sie das hinbekommen, die Dichter, aus Sprache eine Geschichte zu machen.