Das Amaryllis Quartett spielte auf höchstem Niveau

Hamburg. Absolute Musik ist absolute Musik, weil sie nur sich selbst verpflichtet ist, sich nicht auf andere Künste bezieht und keinen außermusikalischen Inhalt hat. Sonst wäre sie Programmmusik. Sagt man so.

Das Amaryllis Quartett trat im Kleinen Saal der Laeiszhalle den Gegenbeweis an. Drei reinrassige Werke absoluter Musik haben die vier Streicher und der Pianist Jaan Ots mit Gedichten, rezitiert von Daniel Hoevels, zu einer bestürzend bildstarken Einheit verwoben.

Seine Visitenkarte gab das Ensemble mit Joseph Haydns Streichquartett F-Dur op. 50 Nr. 5 ab. Schon die ersten Takte waren eine Entdeckungsreise in das Reich der Farben und Affektwechsel, die Triolen perlten noch im abenteuerlichsten Tempo. Hier hatte alles sein Maß: Atem und Virtuosität, und Präzision.

Die Naturlyrik von René Leynaud, der als junger Mann von den Nazis ermordet wurde, trug Hoevels mit gespannter Genauigkeit und untrüglichem Zeitgefühl vor. Gilbert Amys Drittes Streichquartett von 2008 schloss sich unmittelbar an. Und klang fast, als hätte der Komponist die drei Gedichte in sein Werk mit hineingenommen, so reduziert auf das Wesentliche, aber auch so ohrenfällig-sinnlich wirkte es.

Schade beinahe, dass vor der Ballade "Rein zur Höh, rein zu Tal!" von Friedrich Nietzsche eine Pause war. Hoevels stellte den Zusammenhang trotzdem her und verwandelte den biederen 50er-Jahre-Saal für das kleine Drama mal eben in ein Theater. Und mit dem Klavierquintett von Johannes Brahms spannen die Musiker den Faden mühelos weiter.

Es ist hohe Kunst, dieses massive, tiefschwarze Werk zum Schwingen zu bringen. Aber es gelang: dank hinreißender Transparenz in der Stimmführung, dank zauberischer Piani von allen Beteiligten und einer Artikulation, die auch die gemeinsten rhythmischen Verwicklungen wie gemeißelt erscheinen ließen. Da stand Ots' pedalarmes, nuanciertes Spiel dem seiner Mitstreicher an Klarheit nicht nach.