Kino: "Women Without Men"

Der Zensur eine Nasenlänge voraus

Foto: © NFP marketing & distribution*

Die Exil-Iranerin Shirin Neshat will sich mit ihrer Kunst politisch einmischen. Am Donnerstag startet ihr erster Kinofilm "Women Without Men".

Als Shirin Neshat im Juni vergangenen Jahres die Nachrichten aus Teheran sah, bescherten ihr die Bilder der Demonstrationen gegen den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad ein eigentümliches Déjà-vu-Gefühl. Gerade erst hatte die Künstlerin die Arbeit an ihrem Film "Women Without Men" abgeschlossen, der ebenfalls protestierende Teheraner in den Straßen ihrer Stadt zeigt - allerdings im Jahr 1953.

"Es war so eine Ironie, dass sich die Themen des Films auf diese Weise wiederholten", sagt Shirin Neshat und schüttelt den Kopf. Sie trägt das auffällige Make-up, das mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Den unteren Lidstrich hat sie besonders dick aufgetragen und so verlängert, dass sie aussieht, als sei sie einer alten ägyptischen Wandmalerei entstiegen.

"Women Without Men" schildert vier Frauenschicksale in einem für den Iran besonders wichtigen Jahr. 1953 regiert der erste frei gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh das Land. Als er damit droht, die Ölquellen zu verstaatlichen, wird er in einem Geheimdienst-Coup von den Amerikanern und den Briten mithilfe des Schahs gestürzt, der General Zahedi zum Premierminister ernennt. Die Ereignisse bilden das Ende der iranischen Demokratie und den Beginn der Studentenproteste gegen den Schah, die letztlich 1979 zur Islamischen Revolution führen.

Vor diesem Hintergrund erzählt Neshat in traumhaft schönen Bildern, die sie mit ihrem Kameramann Martin Gschlacht gefunden hat, in einer Art magischem Realismus von vier Frauen, die ihre Lebensumstände radikal verändern. Die Geschichten spielen in einem paradiesischen Garten und einer Atmosphäre demokratischer Freizügigkeit, von der man heute im Iran nur träumt.

Die Demonstrationen des vergangenen Jahres haben Neshats Kunst endgültig politisiert. "Ich habe meine Kunst nie benutzt, um jemandem meine politischen Interessen aufzuzwingen, aber jetzt habe ich eine neue Seite aufgeschlagen. Ich identifiziere mich total mit dieser Protestbewegung. Ich musste die moralische Verantwortung für das übernehmen, woran ich glaube, und ich bin stolz darauf. Ich wollte keine Künstlerin sein, die nichts tut."

Neshat stammt aus einer wohlhabenden iranischen Familie. 1979 ging sie in die USA, um dort Kunst zu studieren, 1994 kehrte sie, aus Angst vor der Regierung, ihrer Heimat endgültig den Rücken. Immer wieder hat sich Shirin Neshat seither in Fotos, Videos und Filmen mit muslimischen Frauenschicksalen beschäftigt. Für das US-Magazin "The New Yorker" ist die 53-Jährige deshalb "the voice of the veil", die "Stimme des Schleiers".

Bekannt wurde sie durch die Fotoserie "Die Frauen Allahs" - schwarz-weiße Aufnahmen verschleierter Frauen mit Blumen, Dolchen oder Gewehren; wo man Haut sieht, ist sie meist kalligrafiert. Die Ausstellung erregte viel Aufsehen, vor neun Jahren auch in der Hamburger Kunsthalle: "Es war wunderbar, hat die ganze Zeit geregnet und war sehr kalt. Aber Deutschland ist sehr freundlich zu mir gewesen."

Überaus selbstbewusst erzählt die Künstlerin von ihrem Engagement. Mit Unterstützung von Robert Redford sammelte sie erst kürzlich Unterschriften für ihren Freund, den inhaftierten Filmemacher Jafar Panahi, der dann aufgrund des internationalen Drucks tatsächlich freigelassen wurde. Shirin Neshat sieht sich als das Gewissen der Nation: "Iraner brauchen ihre Künstler, sie sind von ihnen abhängig."

"Women Without Men" geht auf den gleichnamigen Roman ihrer Landsfrau Shahrnush Parsipur zurück, der die Regisseurin im Film eine kleine Rolle als Puffmutter gegeben hat. Mit ihrem Regiedebüt konnte Shirin Neshat im vergangenen Jahr beim Festival in Venedig gleich den Silbernen Löwen gewinnen, derzeit sucht sie nach einem neuen Filmthema.

Im Iran darf "Women Without Men" bisher nicht gezeigt werden, "aber er verkauft sich ganz gut unter dem Ladentisch", sagt Neshat. So ähnlich erging es vor drei Jahren auch ihrer Kollegin Marjane Satrapi mit ihrem regimekritischen Animationsfilm "Persepolis". "O ja, den kennt dort fast jeder", lacht Neshat. "Die Iraner sind der Zensur meist eine Nasenlänge voraus."

Ihren Film versteht sie als Aufforderung an ihre Landsleute, den Kampf gegen das politische System fortzusetzen. Sie widmet ihn jenen, "die ihr Leben für Freiheit und Demokratie im Iran verloren - von der Konstitutionellen Monarchie 1906 bis zur Grünen Bewegung von 2009". Die Idee dazu hatte sie mit ihrem Mann und Koautor Shoja Azari. "Das war", sagt Shirin Neshat, "das Wenigste, was wir tun konnten."

"Women Without Men" startet am 1. Juli, am 2. Juli um 20.30 Uhr kommt die Regisseurin zu einer Sondervorstellung ins Passage-Kino.