Buchkritik: Nicola Keegan

Von Wasser, Wenden und dem Erfolg einer Eigensinnigen

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"Schwimmen" ist ein rekordverdächtiger Entwicklungsroman, der von dem tragikomischen Werdegang der jungen Leistungssportlerin Philomena.

"Schwimmen". Wer bei diesem Titel an lockere Strandlektüre denkt, die den Sprung ins erfrischende Nass lediglich leicht literarisch untermalt, der sollte Nicola Keegans fast 500 Seiten starken Roman getrost aus seinem Reisegepäck verbannen. Wer jedoch die fesselnde Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau lesen möchte, in der Kraulen, Atmen und Wenden nicht bloß (aber auch) metaphorische Bedeutung haben, der ist mit diesem Erstlingswerk bestens beraten.

Philomena ist nicht nur mit einem unkonventionellen Namen gestraft. Sie lebt auch in bedrückenden Familienverhältnissen. Ihre Mädchenzeit ist geprägt von der Krebserkrankung der älteren Schwester Bron, mit der sie sich ein Zimmer teilt. Kurze Zeit später stirbt der Vater bei einem Fliegerunfall. Die Mutter verkriecht sich für Jahre depressiv ins Bett, das Phlegma lediglich unterbrochen von Nervenzusammenbrüchen. Philomenas jüngere Schwester Roxanne sucht trotzig Trost in Drogen, während sich Nesthäkchen Dot in religiöse Erbauung flüchtet und den Nonnen der katholischen Schule nacheifert, die die Schwestern besuchen.

Die Frage, wie viel Leid ein Mensch aushalten kann, drängt sich da rasch auf. Aufschluss gibt bereits der erste Satz des Buches: "Ich bin ein schwieriges Kind, doch für mich ist die Welt in Ordnung." Sprich: Philomena ist mit einem extrem starken Selbsterhaltungstrieb ausgestattet. Und das Wasser wird ihr dabei von Babybeinen an zum sinnstiftenden, Halt gebenden Element. Sie schwimmt im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Bis hin zu den Olympischen Spielen. Bis sie Körper und Geist so sehr diszipliniert hat, dass sie in Perfektion acht Goldmedaillen gewinnt. Und so, wie sie die Massen im Becken verdrängt, so verdrängt sie auch ihre Traumata. Nur ab und an tauchen die Toten auf, treiben sie an und kritisieren sie. Erst nach dem Ende ihrer Sportlerlaufbahn kann die Seele langsam nachziehen.

Dass "Schwimmen" trotz dieser Handlung keine große Betroffenheitsgeschichte geworden ist, ist die Kunst Keegans. Denn letztlich erzählt sie von einem etwas spröden Mädchen, das in vielerlei Hinsicht zu groß geraten ist für diese Welt. Das aber, wie seine Altersgenossinnen auch, auf die erste Periode wartet und mit der besten Freundin frech die neu erwachte Sexualität verhandelt. Insofern ist dieser Roman auch ein Frauenbuch, das sich in seiner eigensinnigen Schönheit und Absurdität von seichter Prosecco-Literatur abhebt.

Und gerade ob der Vehemenz der Ereignisse schimmern die komischen Momente in "Schwimmen" umso heller auf. Etwa wenn die Protagonistin zynisch ihre Beziehung zu einem russischen Schwimmer schildert: "Der maskuline Mann möchte, dass ihn die feminine Frau brausewindleicht wie ein ungezogener Engel in nichts als einem zerfetzten Schleier umweht."

Wie Keegan die Gemengelage zwischen Jugend und Erfolg, Schuld und Liebe darstellt, ist famos gelungen. Poetisch und hoch rhythmisch erzählt sie von der Unbeholfenheit der Menschen, ihren Übersprungshandlungen, die sie liebenswert und zugleich tragisch erscheinen lassen. Etwa wenn Philomena den Tod ihrer Schwester schildert. "Leonard hält sich wie ein Betrunkener, der nicht will, dass man ihm etwas anmerkt. Irgendwer hat die Luft aus Moms Gesicht gelassen. Ich sage nicht: Ich weiß . Stattdessen schreie ich: Ich konnte den Entsafter nicht finden. "

Nicola Keegan: Schwimmen. Rowohlt Verlag, 477 Seiten, 19,95 Euro