Buchkritik: Marie N'Diaye

Einbruch des Fremden in die Normalität

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Marie N'Diaye ist mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet. Jetzt erscheint ihr Buch "Drei starke Frauen" in Deutschland.

Was für ein Glück, dass Marie N'Diaye für "Drei starke Frauen" 2009 den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, erhalten hat. Dadurch wird dieser sprachmächtigen, talentierten Ausnahme-Autorin hoffentlich auch in Deutschland, wo ihr Roman jetzt erscheint, genügend Aufmerksamkeit zuteil. Immerhin lebt die 42-Jährige, die lange durch die Welt gezogen ist, seit einigen Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern in Berlin. Und sie spricht akzentfrei deutsch.

Marie N'Diaye ist das Kind einer französischen Mutter und eines senegalesischen Vaters, der die Familie früh verließ. Kennengelernt hat sie ihn erst als Zwanzigjährige, als sie ihn im Senegal besuchte. "Ich habe einen afrikanischen Namen und schwarze Haut" hat Marie N'Diaye einmal gesagt, "aber ich fühle mich zu 100 Prozent als Französin." Trotzdem schreibt sie immer wieder über Entfremdung, über Außenseiter, denen die Anerkennung fehlt und die sich mit unentwirrbaren Geheimnissen herumschlagen müssen.

N'Diaye wuchs in der Provinz auf, war eine Ausnahmeschülerin. Sie wurde für die Eliteschule école superieure empfohlen, schlug das Angebot jedoch aus, weil sie bereits mit 18 Jahren wusste, dass sie nichts anderes als Autorin werden wollte. Damals wurde sie entdeckt und als Wunderkind gefeiert.

Sie schreibt raffiniert, eindringlich, präzise und geschmeidig. Meist über Familienbeziehungen, Mann und Frau, Eltern und Kind. Und man erfährt bei ihr: Es gibt keine Gewissheiten. Verlassen kann man sich nur auf seine eigenen Stärken. Selbst wenn sie in der Verweigerung liegen. Alles, was N'Diaye stilsicher ausmalt, erlebt man als Leser hautnah mit. Sie kann mit wenigen Worten, mit Federstrichen einen Charakter, eine Stimmung oder eine Situation so schildern, dass man meint, das Beschriebene von innen heraus zu fühlen.

"Drei starke Frauen" ist Marie N'Diayes zwölfter Roman. Er besteht aus drei Lebensläufen, die den Einbruch des Fremden in die Normalität thematisieren. Es sind Geschichten über drei Frauen, die sich entgleist fühlen und die sich von den Schwierigkeiten des Lebens nicht unterkriegen lassen. Ein Vater fordert seine von ihm ungeliebte Tochter auf, ihm zu helfen. Ein Ehemann hat seine Frau aus Dakar, wo sie Literaturlehrerin war, in die französische Provinz entführt. Eine Frau wird von der Familie ihres verstorbenen Mannes zur Immigration gezwungen. Alle drei Geschichten haben ihren Hintergrund in Afrika, haben etwas Mysteriöses, Beunruhigendes, Magisches. Sie handeln von unangenehmen Lagen, in die Menschen unfreiwillig geraten, von Migration, Macht, wackeligen und wahren Gewissheiten.

Da ist Norah, eine erfolgreiche Anwältin aus Paris, deren Vater während ihrer Kindheit ihren Bruder nach Afrika entführt hat. Nun ruft dieser herrische, einst mächtige Mann sie in den Senegal, um ihren dort wegen Mordes angeklagten Bruder zu verteidigen. "Sie war noch nie in der Situation gewesen, ihren Vater zu trösten oder ihm etwas anderes zu zeigen als förmliche, gezwungene, von Groll durchzogene Ablehnung." Ihren Lebensgefährten hat sie mit ihrer und seiner Tochter zurückgelassen, und aus der Ferne beginnt sie immer stärker an ihm zu zweifeln. Aber "welcher Mensch, der einmal Zärtlichkeit erfahren hat, kann von sich aus darauf verzichten?" Wie sie zwischen Vater und Gefängnis, zwischen Halbwahrheiten, der eigenen Familienbiografie, der nachgereisten Familie und ihren Wünschen mäandert, zeichnet N'Diaye in kühlen Farben und leuchtenden Bildern.

Fanta lernen wir nur aus den Erzählungen ihres französischen Ehemannes Rudy kennen. Er, dem selbst einst eine glänzende Zukunft sicher schien, hat durch Dummheit beinahe alles verloren. Auch die Liebe seiner Frau, wie er sich langsam eingesteht. Und so liebt er sie immer verzweifelter. Fährt durch die Gegend, ruft bei ihr an. Kaum hat sie aufgelegt, ruft er erneut an, weil er denkt, jetzt sei der Moment gekommen, da sie ihn verlassen wird. Er vernachlässigt seine Arbeit, alarmiert die Nachbarin. Fanta begnügt sich damit, "nie zu streiten, sondern seinen Angriffen den Schutzwall eines hartnäckigen Schweigens, eines abwesenden und leicht schmollenden Gesichts entgegenzusetzen". Selbst für seinen neunjährigen Sohn bleibt ihm keine Liebe mehr. Wie er sein ungeliebtes Kind und seine anstrengende Mutter mit Gefühlen zu betrügen versucht, lotet N'Diaye tiefenpsychologisch bis zum Abgrund aus.

Die am stärksten gebeutelte Figur ist die Dritte, die Afrikanerin Khady Demba, die ihren Mann verloren hat, mit dem sie nur kurz, aber glücklich zusammenlebte. Die Familie ihres Mannes schickt sie in die Emigration. Das lange Warten, die unwürdige Behandlung auf der Flucht, wir meinen das aus Reportagen zu kennen. Doch hier, mit Khady Demba, sehen wir den ganzen Menschen vor uns, diejenige, die leidet und hofft, wünscht und fürchtet, die Schrecknisse einer erbarmungslosen Realität durchlebt und stark bleibt durch ihre innere Ruhe. Trotzdem verliert sie am Ende.

Marie N'Diaye hat ein fabelhaftes Gespür für menschliche Schicksale. Beinahe traumwandlerisch beschreibt sie das Unerklärliche im Leben. Und das Schöne, das darin liegen kann.

Marie N'Diaye: Drei starke Frauen. Suhrkamp, 342 Seiten, 22,90 Euro