Interview mit Stefan Aust

60 Jahre BILD - "Eine Herausforderung für alle"

| Lesedauer: 12 Minuten
Matthias Iken

Europas größte Zeitung feiert den 60. Geburtstag. Ein Gespräch mit Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust, über die Macht des Boulevards.

Stefan Aust, 65, zählt zu den profiliertesten Journalisten Deutschlands. Der Gründer von Spiegel TV leitete von 1994 bis 2008 das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Zum 60. Geburtstag der Tageszeitung "Bild" hat er sich für das große "Bild"-Buch die Zeitung genau angeschaut. Über die Macht des Boulevards, die Proteste von 1968, dadaistische Überschriften und historische Titelseiten sprach Aust mit Matthias Iken.

Hamburger Abendblatt: Herr Aust, lesen Sie eigentlich täglich die "Bild"-Zeitung?

+++ Zwischen Boulevard und vierter Gewalt +++

Stefan Aust: Das Wort "lesen" wäre übertrieben. Ich nehme sie jeden Tag oder zumindest meistens in die Hand, gucke drauf, blättere sie durch. Manchmal bin ich schnell fertig. Die "Bild" ist nicht mein Leib- und Magenblatt, aber ich verfolge sie. Ich habe zwei Zeitungen zu Hause abonniert - die "Süddeutsche" und das Abendblatt.

Einige haben sich gewundert: Sie schreiben derzeit eine Serie in der "Bild" über die Geschichte der Boulevardzeitung...

Aust: Das ist nicht ganz richtig. Ich bin gefragt worden, ob ich für das große "Bild"-Buch aus dem Taschen-Verlag Titelseiten anschauen möchte und dazu einen Text schreibe. Das habe ich gemacht und dabei versucht, Tendenzen und Entwicklungen abzulesen, wie die "Bild" auf Ereignisse reagiert hat. Danach kam die Frage, ob ich zustimme, dass dieser Text in der "Bild" abgedruckt wird. Ich habe mich gewundert, dass daraus nun an fünf Tagen jeweils eine ganze Seite geworden ist. Das kommt mir überdimensioniert vor: Da schreibt man einen kleinen Text und der wird dann so groß - aber daran können Sie schön die Vergrößerungskraft von "Bild" erkennen.

Wer hat sich mehr verändert - die "Bild"-Zeitung oder der Publizist Stefan Aust?

Aust: Ich habe mich überhaupt nicht verändert. Ich habe die "Bild" früher nicht anders gesehen als heute - ich habe sie kritisch, manchmal amüsiert, mit einer gewissen Abneigung durchgeblättert. Diese kritische Distanz zum Blatt ist auch nicht aus dem Vorabdruck in der "Bild" herausgekürzt worden.

Dann hat sich also die "Bild" verändert?

Aust: "Bild" hat sich mit der Zeit immer wieder verändert. Vor 60 Jahren etwa war es wirklich eine Zeitung vor allem mit Bildern. Dieses Konzept hat nicht richtig funktioniert und so hat man das Blatt Stück für Stück auf Wort umgestellt. Auch die Überschriften waren zunächst nicht so groß. Rasch hat "Bild" ihre Kampagnenfähigkeit entdeckt. Die erste Kampagne mutet heute übrigens seltsam an: Damals war nicht verboten, Hunde zu töten und zu essen. Die "Bild" hat das gestoppt und erfolgreich ihre Kampagnenfähigkeit quasi im Tierversuch ausprobiert. Über die Jahrzehnte haben sich Inhalte und Ausrichtung immer wieder verändert - das ging hin zu einer Boulevardisierung des Boulevards mit gaga- oder dadaistischen Überschriften. Die eher politische Ausrichtung gibt es noch gar nicht so lange.

Wo war Bild besonders kämpferisch?

Aust: Sicher bei ihrem Standardthema, der Wiedervereinigung. Da galten sie ja lange als Ewiggestrige, bis sie von der Realität überholt worden sind. Die deutsche Frage spielte immer eine zentrale Rolle, hier war die Zeitung besonders engagiert und kritisch. Zu Zeiten der Stundentenbewegung war die "Bild" geradezu auf Kriegskurs und hat zur Eskalation mit beigetragen - etwa durch ihre geschmacklose Berichterstattung über das Attentat auf Rudi Dutschke.

Sie selbst haben 1968 vor dem Springer-Gebäude demonstriert ...

Aust: Kurz vor dem Attentat war ich mit Dutschke in Prag. Wir wollten gemeinsam eine Geschichte für "Konkret" schreiben, für die ich damals gearbeitet habe. Dutschke kam wieder nicht mit seinem Beitrag rüber, da bin ich nach Berlin gefahren. Am Abend vor dem Anschlag war ich mit ihm beim Italiener essen. Am Flughafen auf dem Rückweg nach Hamburg habe ich vom Attentat gehört und bin sofort zum Tatort geeilt. Sein Fahrrad lag noch da, die Blutlache auf der Straße. Dutschke war gerade ins Krankenhaus gebracht worden und kämpfte ums Überleben. Ich bin dann das Wochenende in Berlin geblieben und die meiste Zeit mit Ulrike Meinhof unterwegs gewesen, die damals ja noch keine Terroristin sondern auch eine Mitarbeiterin von "Konkret" war. So standen wir dann auch in der großen Menschenmenge vor dem Springer-Verlagshaus, als die Steine von hinten nach vorne durchgereicht wurden. Es herrschte eine sehr brisante Atmosphäre. Ich habe nie mit Steinen geworfen, weil ich nicht werfen konnte ...

Das ist eine clevere Ausrede ...

Aust: Ich wollte es auch nicht. Ich war nie ein Anhänger von Gewalt.

Diese Atmosphäre, diese Konfrontation sind heute kaum noch vorstellbar. Variieren wir die Frage von vorhin: Wer hat sich mehr verändert - die Gesellschaft oder die "Bild"-Zeitung?

Aust: Das ist schwer zu sagen: "Bild" ist ein sehr populistisches Blatt. Die Zeitung schreibt das auf und richtet sich danach, was sie glaubt, was der Leser wissen will. Manchmal ist es ein Spiegelbild, aber eben oft auch ein Hohlspiegel oder ein Zerrspiegel der Gesellschaft. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über die Hartz-IV-Reformen - die Position der "Bild" war damals kaum zu unterscheiden von den Positionen der PDS. Da gab es einen Bild-Titel mit einem Sparschwein mit der Botschaft: Nun geht der Staat auch noch an die Ersparnisse der Familien ran. Da hat sich die Zeitung populistisch auf die Seite der Hartz-IV-Gegner geschlagen. Daraus kann man ableiten: Es gab nicht immer eine stringente Richtung.

Hartz-IV kam dann trotzdem. Wird die Macht der "Bild" überschätzt?

Aust: Hartz-IV blieb, aber die Regierung Schröder ist darüber gekippt. Die "Bild" ist nicht allmächtig, sie ist ein großer Hebel, ein Vergrößerungsglas und ein Vergröberungsglas dieser Gesellschaft.

Eher Vergrößerungs- oder doch Vergröberungsglas?

Aust: Das geht Hand in Hand. Mal wird nur vergrößert, doch dadurch wird es oft vergröbert. Es gehört natürlich zum journalistischen Handwerkszeug, Dinge zuzuspitzen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Man hat häufig versucht, der "Bild"-Zeitung Fehler nachzuweisen. Das ist nur sehr selten gelungen. Es ist nicht primär eine Frage nach dem Wahrheitsgehalt, sondern nach der Größe. "Bild" bringt manchmal Dinge aus der Proportion, weil sie zu groß werden. Das meine ich mit Vergrößerung und Vergröberung.

Sie haben sich intensiv die Titelseiten angeschaut. Was war die beste Schlagzeile in 60 Jahren?

Aust: Das ist schwer zu sagen. Es gab mal witzigere, mal weniger witzige.

"Wir sind Papst!"?

Aust: Das klingt witzig und paart Ironie mit Stolz. Es gab aber eine ähnliche Schlagzeile Jahre zuvor.

Oder "Der Umfaller"?

Aust: "Der Umfaller" war schon bemerkenswert. Diese Titelzeile war eine der ganz seltenen, bei der man sich mit Kohl anlegte. Das kam sehr überraschend, weil man diese Kritik der "Bild" damals nicht zugetraut hatte.

Wenn "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann Sie fragen würde: Hätten Sie Lust, dort Chefredakteur für einen Tag zu sein?

Aust: Nein. Ich könnte nicht Chef einer Zeitung sein, zu deren Zielgruppe ich nicht selbst gehöre. Ich mache Blatt für Leser, die so ticken wie ich. Daher könnte ich keine gute "Bild" machen. Sie ist mir ein Stück zu laut, sie ist nicht meine Welt. Ich gehe auch nicht in die Disco, das ist mir auch zu laut.

Boulevardjournalismus wird in der Internetgesellschaft schwieriger, oder?

Aust: Eigentlich entspricht die digitale Informationsvermittlung dem Boulevard. Auch im Internet sehen sie eine Überschrift, sie sehen ein Bild, ein kleines Filmchen; die Welt wird aus kleinen Bestandteilen zusammengesetzt. Diese Häppchen entsprechen den Lesegewohnheiten des Boulevards.

Zuletzt ist die Kritik an "Bild" wieder lauter geworden. Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" verzichten auf den Henri-Nannen-Preis, weil auch "Bild"-Kollegen ihn bekamen. "Der Spiegel" titelte "Die Brandstifter". Geht es da primär um "Bild" oder um Abgrenzung?

Aust: Letztlich befindet man sich im Konkurrenzkampf. Was den Henri-Nannen-Preis betrifft, hätte es nicht den leisesten Zweifel an der Preiswürdigkeit der Recherche der "Bild"-Kollegen gegeben. Wenn die Geschichte über den zweifelhaften Hauskredit Christian Wulffs und seine falsche Erklärung dazu im Landtag zuerst in der "Süddeutschen" oder im "Spiegel" gestanden hätte, wäre die Kritik ausgeblieben. Wenn man der "Bild"-Zeitung einen solchen Preis nicht gönnt, muss man die Regularien der Preisvergabe ändern und Journalisten bestimmter Zeitungen grundsätzlich ausschließen. Ich halte die Rückgabe des Nannen-Preises für legitim, aber auch für etwas kindisch.

Und der Spiegel-Titel "Die Brandstifter" aus dem vergangenen Jahr?

Aust: Interessant ist der Begriff "Brandstifter". Er kam eher aus der rechten Ecke als Vorwurf gegen Journalisten - ich assoziiere ihn mit den 50er-Jahren. Deshalb habe ich mich über diesen Begriff gewundert. Ich habe nichts gegen kritische Geschichten über "Bild": Man sollte aber etwas Substanzielles haben. Dann sollte man es tun.

Dann ...?

Aust: Ja, dann.

Mit der Afghanistan-Berichterstattung oder dem wulffschen Hauskredit hat "Bild" die Nachrichtenagenda zuletzt bestimmt. Wird die Zeitung zur Herausforderung für Nachrichtenmagazine?

Aust: "Bild" ist genauso eine Herausforderung für Magazine wie das Fernsehen, andere Zeitungen oder Internetseiten. Konkurrenten sind alle untereinander. "Bild" ist keine gefährliche Herausforderung für die Wochenmagazine geworden - das war sie immer.

Was können Journalisten von "Bild" lernen?

Aust: Verantwortung und Maß. Man muss bei einer so mächtigen Zeitung sehr aufpassen, dass man nicht überzieht und die publizistische Potenz mit einem durchgeht.

Hat der Umzug nach Berlin die Zeitung verändert?

Aust: Das kann ich nicht so recht beurteilen. Der Umzug von Bonn nach Berlin hat die Republik nachhaltig verändert - das ist nicht mehr die alte Bundesrepublik, sondern nun Deutschland. In der alten und neuen Hauptstadt ballen sich Medien, Politiker, Interessenverbände viel mehr als früher. Da war es eine logische Folge, dass die größte Boulevardzeitung des Landes in die Hauptstadt umzieht. Dieser Geist von Berlin, diese Aufgeregtheit finden sich heute natürlich enorm im Blatt wieder. Dazu tragen zusätzlich die Geschwindigkeit und die Konkurrenz durch das Internet bei, die den ganzen Nachrichtenbetrieb unglaublich beschleunigt hat.

Was wünschen Sie "Bild" zum 60.?

Aust: Ich wünsche den Machern der "Bild"-Zeitung, dass sie sich der eigenen Macht bewusst sind und damit vorsichtig umgehen. Die "Bild" ist eine große Kanone, die man verantwortungsvoll handhaben muss.