Hamburger Ballett-Tage

Zum Auftakt: Tanz mir das Lied vom Tod

Spektakulär: "Renku" eröffnete musikalisch und tänzerisch brillant die Hamburger Ballett-Tage. Ein gemeinsamer Erfolg für zwei Choreografen

Hamburg. Es war wieder an der Zeit, dass John Neumeier den Nachwuchs zum Zug kommen lässt. Sein Entschluss, die Eröffnungsvorstellung der 38. Ballett-Tage den Ensembletänzern Yuka Oishi und Orkan Dann anzuvertrauen, hat sich wirklich gelohnt: Ihr gelungenes und im zweiten Teil visuell und tänzerisch spektakuläres "Renku"-Experiment erntete nach der Uraufführung in der Staatsoper begeisterte Ovationen. Die Jubelstürme galten auch den drei exzellenten Solisten-Paaren, einem fabelhaften Ensemble und den Philharmonikern unter dem Dirigenten Christoph Eberle. Extra-Bravos erhielt der fulminante Gastgeiger Robert McDuffie, der den Solopart des für ihn komponierten 2. Violinkonzerts von Philip Glass atemberaubend spielte.

Im frenetischen Premierenapplaus schwang sicherlich auch ein Dankeschön des Publikums an Meister Neumeier mit - für seine Großzügigkeit und den Mut, nach einer Idee von ihm den vielversprechenden Newcomern das Wagnis zu ermöglichen und es in aller musikalischen und optischen Opulenz zu präsentieren.

Einmal rieseln Bruchstücke von Schriftzeichen über die Leinwand im Hintergrund und formieren sich zu einem Schriftbild. Ähnlich ist auch die Arbeit an "Renku" zu verstehen. Yuka Oishi und Orkan Dann arbeiteten gemeinsam an der Inszenierung, doch getrennt an den choreografischen Blöcken. Sie verflochten die Teile nach dem Renku-Prinzip der "verketteten Verse" zu einem Ganzen, das sich als faszinierendes und vieldeutiges Tanzpoem über Leben und Sterben erweist.

Zu Franz Schuberts "Der Tod und das Mädchen" in Gustav Mahlers klangsatter Fassung für Streichorchester zeigt das Choreografen-Duo im hellgrauen, von ihm gestalteten Raum, der sich durch Wände und Lichtführung öffnet und verengt, Szenen vom Lauf des Lebens mit seinen unerwarteten Begegnungen und Wendungen. Es herrscht ein atemloses Hin und Her, ein Gehen und Rennen, ein Treffen und Trennen. Dann erstarrt wie von Eishauch abrupt getroffen alle Bewegung. Ohne eine explizite Handlung zu entwickeln, erzählen Oishi und Dann gleichwohl Geschichten. Es tut sich so einiges zwischen Mann und Frau, zwischen Mann und Mann, Frau und Frau.

Die beiden Diven des Ensembles Silvia Azzoni und Hélène Bouchet begegnen sich, entspinnen spöttisch ein zwischen Freundschaft und Feindschaft ambivalentes Gestengeplänkel. Lässig und cool kreuzen Edvin Revazov und Patricia Tichy zu schrägem Schnittke-Walzer und flüchtig gelangweilter Kopulation auf. Witzige Alltagsbewegungen - Antippen, Ausrutschen, Schubsen, Schlittern, Powackeln oder Wegkippen - brechen das neoklassische Bewegungsvokabular, mal in Spitzenschuhen, aber auch mal barfuß getanzt. Azzoni fühlt sich magnetisch angezogen von Lloyd Riggins. Er tauscht den weißen Anzug gegen einen schwarzen, verwandelt sich von Eros in Thanatos und legt zum Schubert-Presto ein rasend schnell gedrehtes und gesprungenes Solo hin.

Den kühl-hellen oder dunklen Räumen verleihen die stilsicheren Kostüme des jungen Modedesigners Michael Court klare kräftige Farbe und den fließend collagierten Tanzszenen eine emotionale Symbolik. Durch die Wahl von ungewöhnlichen Schnitten und erlesenen Stoffmaterialien in Rot, Schwarz und Weiß bringen sie die Tänzer effektvoll zur Geltung und bewahren ihnen trotzdem Bewegungsfreiheit.

Das Choreografen-Duo führt im zweiten Teil von "Renku" das Motiv des Spiels, des Hasards und Zufalls im Leben weiter. Die Tänzer verfangen und verknoten sich anfangs beim "Hexenspiel" in einem weißen Seil als überdimensional großen Faden. Hat Carsten Jung beim Poker nur den Einsatz eingebüßt, verlieren andere ihr Leben. Wie Schachfiguren werden sie vom Brett zu einem Geigensolo des Glass-Konzerts gescheucht, das McDuffie auf seiner Guarneri del Gesù aus dem Kopf spielt, die Tänzer fest im Blick.

Einige von ihnen verkörpern in den über die Bühne fegenden Szenen Kraniche, in der japanischen Kunst ein Symbol für Glück und langes Leben. Als dämonisches rotes Paar führen Patricia Tichy und Edvin Revazov den Vogelschwarm an. Tragen die Weibchen einen Kimonoärmel als Flügel, sind die Männchen prächtiger mit schwarzen, spitz ausgefransten, flatternden Tutus herausgeputzt. Sie lassen die Partnerinnen auf ihren Armen zu den rasanten Rhythmen des Glass-Konzerts ähnlich wie in chinesischen Kampfkunstfilmen über die Bühne gleiten. Es macht einfach Vergnügen, dem fliegenden Wechsel der Solisten und Tänzergruppen in Höchstform zuzusehen. Die sich steigernde Dynamik entwickelt einen Sog, zieht mit dem Bilderrausch und der Musik in den Bann. Die Philharmoniker lassen übrigens musikalisch keine Wünsche offen: Die Kammermusikgruppe spielt Alfred Schnittkes dissonante Sonaten und Sätze aus dem Klavierquintett filigran und leuchtend. Sie bilden einen reizvollen Gegensatz zu Schuberts Klage über den Tod und untermalen Einzelszenen oder Duette der Solisten. Das Orchester, von Christoph Eberle energisch angefeuert, baut die Spannung und Tempi des Glass-Konzerts "The American Four Seasons" präzise auf und lässt die Klangeruptionen explodieren.

Yuka Oishi und Orkan Dann haben mit "Renku" die in sie gesetzten Erwartungen noch übertroffen und eine Reifeprüfung bestanden, die auf weitere, auch eigenständige Arbeiten der beiden neugierig macht.

"Renku" 19. und 29.6., 19.30, Staatsoper; Restkarten unter T. 35 68 68; www.staatsoper-hamburg.de