Wilhelm von Preußen

Aufsatzheft des Kaisers: Das Kreuz mit Göthe und Caesar

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Wilhelm von Preußen, später Kaiser Wilhelm II., war als Schüler glücklos, wie das wiederentdeckte Aufsatzheft des jungen Prinzen zeigt.

Wilhelm von Preußen, später Kaiser Wilhelm II., war als Schüler glücklos: Mit Aufsätzen über Götz von Berlichingen, Horaz und Brutus bekam er Noten zwischen Drei und Fünf. Das zeigt sein wiederentdecktes Aufsatzheft.

Das Schuljahr fing nicht gerade gut an. Gleich die erste Deutscharbeit ging gründlich daneben. "Die Charakteristik ist im Einzelnen nicht immer klar, scharf und vollständig genug, besonders sind die Contraste nicht immer vollständig genug hervorgehoben. Die Darstellung ist noch ungewandt, vor allem für die Übergänge wenig befriedigend. Die Interpunktion ist felerhaft." Mit roter Tinte, aber in aus heutiger Sicht fehlerhafter Orthografie schrieb der Deutschlehrer Dr. Heußner sein Urteil ins Aufsatzheft. Gesamtnote: Fünf plus. Möglicherweise mit Rücksicht auf die Eltern hatte er die damals schlechteste Note, die Fünf, noch ein wenig abgemildert.

Aber Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen und seine Frau, Kronprinzessin Victoria, waren von anderem Schlag als manche heutigen Eltern. Dass ihr Sohn Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm II., mit äußerster Strenge erzogen wurde, war sogar erwünscht. Der Fünf plus, die der 16 Jahre alte Unterprimaner im Mai 1875 von seinem Kassler Gymnasiallehrer bekam, folgten deshalb nicht etwa Interventionen der Eltern, sondern weitere mäßige bis schlechte Noten. Der zukünftige Herrscher Deutschlands, der 30 Jahre lang mächtigster Mann im Reich sein sollte, war in diesem Punkt machtlos.

Dass wir heute in das Aufsatzheft des jungen Prinzen blicken können, ist eine kleine Sensation. Verantwortlich dafür ist die Sammelleidenschaft zweier bereits verstorbener Damen und die Neugierde eines quicklebendigen Historikers: Ulf Morgenstern. Seit gut einem Jahr arbeitet er für die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh.

Morgenstern ist Sachse, er war früher Dozent an der Universität in Leipzig. Im Freundeskreis erzählt er von seiner neuen Stelle im Bismarck-Museum. Ein Bekannter sagt, er habe zu Hause einen Riesenstoß alter Familienpapiere, da sei vielleicht auch etwas von Bismarck dabei. Morgenstern nimmt das Konvolut unter die Lupe. Es ist tatsächlich etwas von Bismarck dabei: ein gedruckter Dankesbrief für eine Geburtstagsgratulation. "Historisch uninteressant", sagt Morgenstern. "So etwas hat er damals massenhaft verschickt."

Aber dann fällt ihm ein Heft in die Hand. Blauer Papierumschlag, die Aufschrift "Deutsche Aufsätze", darunter der Name des Schülers: "Wilhelm v. Preußen". Morgenstern glaubt an einen Scherz: "Ich kam mir vor wie bei 'Versteckter Kamera'." Aber er ist nicht Opfer einer TV-Show. Er kann sich ganz in Ruhe in das Heft vertiefen. 91 sorgfältig nummerierte Seiten hat er vor sich, sechs Aufsätze hat der Prinz hineingeschrieben. Der Prinz? Morgenstern zweifelt. Hat er wirklich ein Schulheft des Thronfolgers vor sich? Aber ein Handschriftenvergleich macht klar: Tatsächlich, er ist es.

Was lässt sich aus dem fast 137 Jahre alten Heft ablesen? Erst einmal, dass Wilhelm damals, im Alter von 16 Jahren, zu halbwegs in die Tiefe gehenden Überlegungen offenbar nicht fähig war. In seinem ersten Aufsatz geht es um die Charaktere in Goethes "Götz von Berlichingen", und Wilhelm beschreibt sie einzig mit einer Auflistung von Eigenschaften. Bei der Hauptfigur, beim Götz, sind das "Muth, Entschlossenheit, Thatkraft, dazu kommen noch sein schlichtes Wesen, mit deutscher Treue und Biederkeit gepaart".

Vielleicht wäre er gern selbst ein Götz von Berlichingen gewesen - ein "kräftiger, biederer deutscher Ritter". Aber er ist es eben nicht.

Ein Problem bei seiner Geburt hat dazu geführt, dass Wilhelm zeitlebens einen verkürzten linken Arm hat. Er ist - um einen gängigen Begriff aus jener Zeit zu verwenden - ein Krüppel. Seine Mutter hat das nie verwunden. Im Gegenteil: Sie hält ihm ständig seine Unvollkommenheit vor. Das Ergebnis ist eine vollkommen zerrüttete Mutter-Sohn-Beziehung.

Dass der Thronfolger überhaupt ein Gymnasium besuchte, war damals eine Sensation. Bis dahin galt, dass die Würde des Königshauses mit einem solchen "Abstieg" in die Bürgerlichkeit keinesfalls zu vereinbaren sei. Hauslehrer hatten zuvor dafür gesorgt, dass der Nachwuchs bei Preußens die nötige Ausbildung bekam. Dies blieb auch weiterhin so. Ein zum Zivilgouverneur ernannter Erzieher namens Dr. Georg Hinzpeter schnürte ein frühes Bildungs- und Trainingspaket, das Wilhelm in Kassel den ganzen Tag lang auf Trab hielt. Die Unterrichtszeit dauerte von 8 Uhr bis 16 Uhr, davor und danach wurden Hausaufgaben gemacht, es gab Reit- und Fechtunterricht - alles unter Hinzpeters Aufsicht.

Trotz dieser Rundumbeschäftigung blieb Wilhelm ein mittelmäßiger Schüler. Zwar hatte er sich auf die Aufsätze wohl vorbereitet, auch sind sie möglicherweise nicht im Unterricht, sondern in Ruhe zu Hause geschrieben worden, denn es gibt kaum Streichungen oder andere Unsauberkeiten des Schriftbilds. Doch der Deutschlehrer Heußner hatte wenig Freude an dem kleinen Prinzen. Nach der Fünf plus folgten zwei Dreien, eine glatte Fünf und eine weitere Drei. Vom sechsten Aufsatz stehen nur Anfangssätze im Heft.

War die strenge Zensurengebung Lehrermut vorm Königsthron? Zum Teil, meint der Historiker Morgenstern. "Wilhelm ist schon realistisch benotet worden, das war kein Streichelzoo", sagt er. Andererseits wurde offenbar versucht, den Thronfolger zumindest auf ein mittleres Leistungsniveau zu bringen - nicht dadurch, dass er besser, sondern dadurch, dass die anderen Schüler der Klasse schlechter beurteilt wurden. Am Ende, im Januar 1877, legte Wilhelm das zehntbeste Abiturexamen ab - in einer Klasse von 17 Schülern.

Gut elf Jahre später wurde aus dem Prinzen der deutsche Kaiser. Bald darauf machte er als Bildungspolitiker von sich reden. Bei der Berliner Schulkonferenz im Jahr 1890 forderte er die Gymnasiallehrer auf, das Deutsche in den Mittelpunkt ihres Unterrichts zu stellen.

"Wer selber auf dem Gymnasium gewesen ist und hinter die Kulissen gesehen hat, der weiß, wo es da fehlt", sagte Wilhelm II. "Und da fehlt es vor allem an der nationalen Basis. Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer."

Ob er da an seinen Aufsatz über "Brutus nach Shakespeare's Julius Caesar" gedacht hat? Oder an die "Anschauung des Horaz über die Nichtigkeit des Lebens und über den Tod", mit der er sich in seiner letzten Arbeit herumschlagen musste?

Der junge Kaiser "erbte" auch Otto von Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident, seit 1871 Reichskanzler - der Reichskanzler der deutschen Einheit, die im Versailler Spiegelsaal besiegelt wurde. Bismarck und Wilhelm verstanden einander nicht. 1890 forderte der Kaiser den Kanzler zum Rücktritt auf. Otto von Bismarck zog sich verbittert nach Friedrichsruh zurück, acht Jahre später starb er.

An dem Aufsatzheft des Prinzen hätte er wohl seine (Schaden-)Freude gehabt. Nun hat die Otto-von-Bismarck-Stiftung ihre Freude daran. Die bundeseigene Einrichtung, einst vom Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, für den Reichskanzler der Einheit im Parlament durchgesetzt, kann ein bisschen mehr Publikumszuspruch gut gebrauchen. Seit 2008, seitdem die S-Bahn nicht mehr bis Friedrichsruh fährt, ist es ruhig geworden im Stiftungshaus und im nahe gelegenen Museum. Schlagzeilen machen nur noch die Bismarcks im nahen Schloss, die Nachfahren des Reichskanzlers. Denn hin und wieder braucht es schon einen Polizeieinsatz, um dort für "Friedrichsruh" zu sorgen.

Rund 18 000 Besucher sind im letzten Jahr noch gekommen, um sich die Bismarck-Schau anzusehen. Es könnten mehr sein, und mit dem Schulheft des Kaisers könnten es auch mehr werden. Die Stiftung hat den Riesenstoß Papiere, den Ulf Morgenstern aufgespürt hat, als Dauerleihgabe bekommen. Zwei Frauen, Mutter und Tochter, beide längst tot, haben den Schatz zusammengetragen. "Sie waren eigentlich Autogrammjägerinnen", sagt Morgenstern. Ihre Beute: Handschriftliches von den Berühmtheiten ihrer Zeit - vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in DDR-Zeiten hinein; ganz verschiedene: Generäle sind dabei, Politiker, Künstler. Auch Nazigrößen. Propagandaminister Joseph Goebbels machte Antiwerbung, indem er auf einen Autogrammwunsch der Damen brieflich antwortete, er unterschreibe nur auf eingesandten "Bildpostkarten".

Wie das Schulheft des Preußen-Prinzen in die Fänge der sächsischen Sammlerinnen geriet, ist unklar. Morgenstern vermutet, dass sich ein Lehrer des Kassler Gymnasiums mit dem Verkauf der im Schularchiv aufbewahrten Pennälertexte ein Zubrot verdient hat. Vielleicht hat er das erst Jahrzehnte nach den mühseligen Schreibversuchen des Prinzen getan.

1918 war Schluss mit dem Kaisertum. Wilhelm musste abdanken und verschwand im Exil. Sein alter Lehrer Dr. Heußner hätte über den abrupten Wechsel von der Monarchie zur Demokratie wahrscheinlich geurteilt: "Die Übergänge sind wenig befriedigend."

Der Historiker Ulf Morgenstern hat seine Erkenntnisse zum Aufsatzheft des Prinzen Wilhelm in der Broschüre "Lehrjahre eines neoabsoluten Monarchen" zusammengefasst. Sie ist als Band 41 der Friedrichsruher Beiträge der Otto-von-Bismarck-Stiftung erschienen (ISBN 978-3-933418-46-3, Gebühr 3 Euro). Die Stiftung plant, die Früchte der sächsischen Autogrammjägerinnen in einer Ausstellung zu zeigen, mit dem Aufsatzheft als Prunkstück. Wer es heute schon sehen will, dem wird es auf Anfrage aus dem Archiv geholt.

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