Konzertkritik

Gotye: Vom Soundtüftler zum Massenstar

| Lesedauer: 3 Minuten

Millionen klicken Gotyes Video zu "Somebody That I Used To Know" an, in Hamburg bejubeln ihn seine Fans ausgelassen im Uebel & Gefährlich.

Hamburg. Das, was Wouter "Wally" De Backer alias Gotye in diesen Tagen widerfährt, klingt wie der Wahrheit gewordene amerikanische Traum, wie ein Stück aus einer "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Geschichte. 2008 war der belgischstämmige Australier zum ersten Mal in Hamburg, als einer von vielen beim Reeperbahn-Festival. Mit dem Namen wusste damals kaum jemand etwas anzufangen. Dreieinhalb Jahre später spielt er im seit Wochen ausverkauften Uebel & Gefährlich - und ist der alleinige Star des Abends.

Dazwischen liegen viele bewegte Monate und ein Videoclip. Durch "Somebody That I Used To Know", ein Duett mit der Sängerin Kimbra, ist Gotye von jetzt auf gleich weltberühmt geworden. In seiner Heimat kennt man den fröhlich grinsenden Lockenkopf, der da auf der Bühne des Bunkerklubs steht, zwar schon etwas länger. Sein zweites Album "Like Drawing Blood" schaffte es dort schon vor sechs Jahren in die Top 20. Doch in Hamburg ist die Begeisterung frisch: Jung und Alt, Mainstream und Indie stehen einträchtig nebeneinander, singen mit, johlen, schwitzen. Sie feiern Gotye.

Gotye, mit traurigem Liebeslied zum Internet-Star

Und das ist das eigentliche Phänomen. Auf ihn können sich Menschen verständigen, deren Musikgeschmack sonst kaum Berührungspunkte hat. Gotye hat ein Ohr, ein Händchen für eingängige Musik, die trotzdem vielschichtig ist. Er verquirlt Gitarrenriffs und klöterige Elektrosounds mit treibenden Bassläufen zu kompakten Paketen, schafft es, selbst eine fürchterlich kitschige Gefühlspop-Nummer wie "Save Me" so zu präsentieren, dass man interessiert zuhört. Er kann klingen wie eine Mischung aus Sting und Peter Gabriel zu ihren besten Zeiten oder wie ein Wiedergänger des Northern Soul.

Jeder der vierzehn Songs, die er am Freitag innerhalb von 75 Minuten spielt, hat eine eigene Ausstrahlung. Vom getragenen, behutsamen "Bronte" bis zum euphorischen "I Feel Better" serviert er so viele unterschiedliche Stile wie Gefühlsregungen; ohne dabei wahl- oder gesichtslos zu wirken. Denn trotz aller Spielerei auf der emotionalen Klaviatur des Publikums fällt auf, wie überlegt und detailversessen Gotye zu Werke geht. Euphorie wird auf- und wieder abgebaut, Spannungsbögen mäandern durch den Saal. Seine Musiker und er liefern auf den Punkt genau, Albumqualität in Konzertlautstärke. Im Hintergrund flimmern Kurzfilme über die Leinwand, Comicfiguren, Landschaftsaufnahmen, Animationen baden Gotyes Gesicht in wilden Farben. Man merkt, wie viel dem Künstler an seinen Werken und ihrer Präsentation liegt. So wie sich Bilder in einer gut komponierten Ausstellung zu einem Gesamtkunstwerk ergänzen, so verdichten sich hier die Songs zu einem Erlebnis.

Der unbekannte Soundtüftler vom anderen Ende der Welt ist zum Massenphänomen geworden. Jetzt liegt es an ihm, den Überschwang des Augenblicks in eine langfristige Karriere zu überführen. Das Potenzial, als kleinster gemeinsamer Nenner von Indie und Mainstream auch weiterhin bunt gemischte Menschenmengen zu begeistern, hat er jedenfalls.

( (josi) )