Atelierbesuch

Jonathan Meese: Werdet Soldaten der Kunst!

Dem international gefragten Star des Kunstbetriebs ist es wichtiger als alles andere, seiner Fantasie ungebremst freien Lauf zu lassen.

Peter Pan wollte auch nie erwachsen werden. Jonathan Meese, offiziell 40 Jahre alt, hatte ein ähnliches Problem. Einem wie ihm zu sagen, er solle endlich erwachsen werden, das gilt auf dem Fußballplatz als Stürmerfoul und wird entsprechend drastisch bestraft. Die längere Schonzeit im letzten Jahr, die sich der Wahl-Berliner mit Rückzugsort bei seiner 81 Jahre alten Mutter in Ahrensburg genommen hatte, war wohl auch eine Folge dieses Dilemmas aus Erwartungsdruck und Freiheitsdrang. "Kunst ist versachlichte Hingabe. Totale Hingabe, aber zu einer Sache."

Ein Ateliergespräch mit Meese über die allmächtige KUNST und den klitzekleinen Rest der Welt, wie wir anderen sie kennen, gleicht dem Kopfsprung in ein Paralleluniversum aus irrwitzigen Denkmustern. Reinfallen lassen und dem Flow dieses Denkens folgen, dann geht's schon. Dann klingt alles logisch und schlüssig. Und danach, wenn einen der Künstler höflich durch den Nieselregen zum Taxifahrer bringt, will der beneidenswerte Eindruck nicht weichen, dass hier ein Mensch mit seiner eigenen Sicht der Dinge im Reinen ist. Der will doch nur malen.

+++Hamburger Künstler baut an Weltkarriere+++

"Das macht glücklich!", hatte Meese verkündet. "Alle Dinge, bei denen man keine Alternative hat, sind geil. Ich muss schlafen! Ich muss essen! Ich muss trinken! Das kann ich nicht wählen. Kunst ist unwählbar. Kein Tier geht wählen, kein Tier kennt die Bibel! Und die Kunst kennt das alles auch nicht. Die ist eben ideologiefreies Spiel."

Das Atelier, ein ehemaliges Pumpwerk in Prenzlauer Berg, winterkalt und geräumig, ist eine Mischung aus Schatzkammer, Spielzimmer und Bastelparadies. Jede Wand als Stellfläche für neue Bilder genutzt, auf denen Farben und Ideen fantastisch explodieren. Schon vor der Tür zum Meese-Labor stehen Bilder links und rechts im Gang Spalier. Der Messie Meese ist berüchtigt, in jedem Besuchsprotokoll wird gestaunt, wie sehr sich das Atelier und sein Bewohner zum wild wuchernden Gesamtkunstwerk ergänzen. Arbeitstische voller Farbflaschen und Tuben, selbst auf dem Boden trocknen etliche Geldanlagen für Sammler. "Ich freu mich, wenn das Atelier leer gemacht wird. Das muss ja raus. Das ist ja Propagandamaterial. Ich habe diese Dinge hergestellt, aber die haben mit mir gar nichts mehr zu tun. Die sind entstanden und fertig. Das kann ich auswringen, das Bild, da ist kein Meese mehr drin. Nichts Inneres, keine Seele, kein Gefühl von mir. Da ist Farbe auf der Leinwand. Da hat jemand seinen Dienst erfüllt, Farbe auf eine Leinwand gequetscht, und das sieht vielleicht ganz geil aus."

Herrscht Stille während der Arbeit, oder braucht er Musik? Mal so, mal so. "Oft Marschmusik. Liebe ich. Speziell, wenn meine Mutter dabei ist, die mag das nämlich auch. Aber auch ABBA, Beatles, Punk, ist mir egal." Brigitte Meese, der solide Ruhepol in Jonathans Leben, soll irgendwo im Gelände sein, bleibt aber unsichtbar. Hin und wieder kommt sie vorbei, um einen ihrer Meinung noch fehlenden Farbfleck auf eine Leinwand zu platzieren, und da passt er dann auch ganz gut hin, berichtet der Sohn zwischen zwei Monologen. Auf einem Hochformat steht "Revolution", ein anderes zeigt Gurnemanz, den Gralsritter aus Wagners "Parsifal". Meese arbeitet gerade auch an Bildern für eine Ausstellung zu Ehren des Komponisten Wolfgang Rihm. Für Rihms Nietzsche-Oper "Dionysos", die 2010 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde, hatte Meese die Bühnenwelt geschaffen, einen verrätselten Fantasieraum von berauschender Schönheit. Zum Premierenapplaus kam der Salzburg-Debütant mit einer Einkaufstüte auf die Bühne und bedankte sich brav. So einer ist er, staunend und glücklich wie ein Kind am Ziel seiner Wünsche sah er damals aus. Spielzeugpuppen und -Pferdchen stapeln sich auf einem Tisch, die in Zuckerguss gefallen zu sein scheinen, zu Minimonstern mutiert, als hätte sich eine Kindergarten-Version von Doktor Frankenstein ausgetobt. "Das wird noch zugeballert", erklärt Meese grinsend, bevor er in dem kunterbunten Chaos die Wasserflasche sucht und es uns allen so richtig gemütlich machen will.

Jonathan gilt als Netter, als einer, dem man nicht böse sein kann. Der Hamburger Sammler und Mäzen Harald Falckenberg, der Meeses Talent schon früh erkannt hat, schwärmt nicht nur von dessen Kunst, sondern auch von den Verabredungen zu einer guten Portion Peking-Ente. Mit einem Sammler befreundet zu sein ist für Meese kein Problem. Künstler und der Kunstbetrieb? Das ist eine andere Sache: "Ich halte viele Künstler nicht mehr aus, ich hermetisier mich total. Nur eine Eröffnung im letzten Jahr. Ich halte die Leute gar nicht mehr aus, die Psychologismen, die Erwartungen. Wenn ich da hingehe, wird es immer schlimm."

Einen Essay über Meeses Leben und Werk überschrieb Falckenberg mit "Jenseits von Gut und Böse". Mit zwölf Jahren habe der Sohn eines walisischen Bankiers sich eine Geheimsprache ausgedacht, mit zehn Begriffen und drei Grimassen, ist darin zu lesen. Abitur folgte, ein abgebrochener Zivildienst, dann aus heiterem Himmel der Wunsch nach einem Zeichenblock. Damit hatten sich zwei gefunden, der Jonny und die Kunst. "Ob ich Künstler bin, weiß ich gar nicht genau. Ich kann die Kunst ja auch nicht erzwingen. Mein Innenleben ist für sie völlig irrelevant. Werdet Soldaten der Kunst und tut, was notwendig ist! Fertig."

Willkommen also in der einsiedlerischen Meese-Welt, die er sich so macht, wie sie ihm gefällt und ohne die er im Wahnsinn der bundesrepublikanischen Normalität wohl verloren wäre. In seinem "Hauptquartier der Kunst", "und das muss sich so weit ausdehnen, bis die schreckliche Realität weg ist. Bayreuth muss größer werden, so groß wie das Universum. Dann ist alles Bühne, dann wird alles gespielt. Die ganzen Konflikte - kann man doch alles spielen! Da wird keiner dabei umkommen."

Styroporköpfe tragen Kostümbärte oder sonderbare Verzierungen. Vielleicht eine Idee zu Charpentiers "Medea", eine Barockoper, Meese entwirft für Paris ein Bühnenbild. Vielleicht auch nur Fingerübung, Spielerei, Langeweile. Auf dem Atelierboden warten Pinsel und Farbrollen auf den nächsten Ideen-Ausbruch. Kann man ein Bild planen? "Sehr schwierig. Man kann sich von allem Ballast befreien und dann das Bild kommen lassen. Die Kunst arbeitet sich an mir ab, nicht andersrum. Wille hat in der Kunst nichts verloren! Die ganzen Studenten, die etwas wollen in der Kunst, die sollen gleich mal nach Hause gehen! Ich kann ja nicht Künstler sein wollen! Das bringt nichts. Ich muss dienen! Dann geht die Post ab."

Ein Buch über "50 Crazy Japanese Toys" liegt auf dem Boden, daneben Literatur über die Horror- und Trash-Filme von Mario Bava und Jess Franco aus den 60ern. "El sexo del horror" und "Bizarre sinema!", und "Adolf Hitler. Aufstieg und Untergang 1899-1945". Ohoho, raunt es da im Hinterkopf, der spinnerte Meese und die Hakenkreuze. Kennt man ja. Bürgerschreck. "Diktatur der Kunst" und so, salutieren wie bei der Truppenparade oder mit rechtem Arm. Aber all das sind, wie alles, was seinem Leben Halt und Form und Sinn gibt, nur Provokationsrequisiten. Wer darauf noch reinfällt, ist selbst schuld.

Meese inszeniert sich konsequent durch. Dunkle Cordhose, immer schon. Schwarze Trainingsjacke mit drei Streifen, immer schon. Mittelgescheitelte Jesusfrisur mit reichlich Bart zur Ray-Ban-Sonnenbrille, die als Krönung der Kunst-Figur JONATHAN MEESE griffbereit im Arbeitsmaterial liegt. Uniform und Schutz, Kostüm und Wahrzeichen. Trägt man stets das Gleiche, hat man mehr Zeit für die TOTALE KUNST.

Was hat die Hamburger Kunstszene, was die Berliner nicht hat? "Sehr wenig Kunstszenen, nämlich eine. Hier in Berlin gibt's 40, 50, 60. In Hamburg ist das alles sehr übersichtlich. Die Leute graben sich das Wasser ab und gönnen sich nichts. Und wenn man da ein bisschen rausfällt, wird man sofort zurückgestopft."

Im unverkunsteten Berlin draußen vor der Tür, das weiß auch Meese, befinden sich für ihn eher unwichtige Tatsachen des Alltags: Flachbild-Fernseher, Bausparverträge, Urlaubsreisen, die FDP. Es muss Geld verdient werden, es soll auch wieder ausgegeben werden. Meese ist das egal. "Dann muss man auf Wiedersehen sagen zu diesen Leuten, wenn sie sich nicht zusammenreißen können. Bitte parallelisiert euch, geht woanders hin, ihr sollt euch der Kunst nicht in den Weg stellen. Religiosität gehört in den Hobbykeller, nicht auf die Straße. Es ist ja okay, sich selbst zu verwirklichen, aber bitte nur im Hobbykeller." Hier, in dieser Welt aus nichts außer Farben, Wille und Vorstellung, ist DIE MEESE-WELT, hier ist KUNST DER CHEF ohne Wenn und Aber und Meese ihr Diener, ohne Wenn und Aber.

So gut wie ohne Punkt und Komma kann Meese sich über seine Lieblingsthemen Kunst und Politik in Ekstase reden. Das liest sich dann so: "Ideologie ist immer scheiße in der Kunst, in rechts und links zu denken ist scheiße! Religiös zu sein ist scheiße! Parteien zu wählen ist scheiße! Selbstverwirklichungsfanatismus ist scheiße!" Kurzes Luftholen, während eine Hand den Daumen der anderen wringt. "Konsens ist scheiße! Demokratie ist scheiße! Es gibt so viel. Aber das, was übrig bleibt, ist das Geilste! Kunst und das ideologiefreie Spiel. Das ist ein Riesenfeld. Alles andere gehört in den Hobbykeller, ich will mit so was nicht mehr belästigt werden! Jede Religion ist uninteressant. Jede Spiritualität ist doof." Euphorisches Luftholen. "Nur noch spielen! Wir sind Dekoration, wir sind Spielzeug. Wir müssen uns mal konzentrieren! Ich muss versuchen, mich der Kunst nicht mehr in den Weg zu stellen. Wenn ich lieber SPD-Mitglied sein will, soll ich die Kunst nicht mehr belästigen. Das interessiert die Kunst nicht, meine Befindlichkeit. Die Kunst stellt keine Fragen. Sie gibt nur Antworten. Kunst therapiert nichts. Kunst ist auch nicht schwierig. Ist ganz leicht! Alles andere ist schwierig. Kunst ist das Leichteste von der Welt! In der Kunst gilt kein Menschenrecht, es gilt nur die Verpflichtung, ihr zu dienen. Die Leute denken immer, man könne sich da ausleben. Es ist genau das Gegenteil! Kunst will nicht, dass du leidest. Der leidende Künstler, der soll sofort nach Hause gehen. Der soll sofort in die Politik."

Die Kunst-Figur JONATHAN MEESE hat ihre Betriebstemperatur erreicht. Der Künstler Jonathan Meese lässt aber auch Risse in der Seelenmembran erkennen. "Ich bin schon ziemlich glücklich. Es gibt viele Probleme, aber die kann man meistern. Ich freu mich, wenn mal jemand Ideologieloses dazukommt, aber das muss auch nicht sein. Man ist recht ..." Kurze Pause. "... einsam. Fertig. Ist aber auch nichts Schlimmes. Das Umgehen damit wird immer schwieriger. Doch das ist das Los." In Peter Pans Nimmerland muss man nur an etwas glauben, und es passiert.